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Bild: Kristin Ruebesamen

Danke B.K.S. Iyengar!

Von Kristin Rübesamen

Kurz bevor ich Iyengar traf, passierte etwas Lustiges. Ich saß im Garten des Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institutes, das in einem ruhigeren Viertel von Pune liegt, und wartete darauf, dass Iyengar sein Mittagsschläfchen beendete. Das Geknatter der Rikschas hatte nachgelassen, das Geklapper des Geschirrs beim Abwasch aus Iyengars Küche ebenso, ein paar Libellen segelten träge durch die Hitze und ein buckliger Mann, der das Bein nachzog, goss die Blumen. Während ich so da saß und mir die steinernen Statuen anschaute, die allesamt Iyengars grimmigen Gesichtsausdruck trugen, kam eine in die Jahre gekommene Schülerin aus Amerika auf mich zu und bat mich, Iyengar zu schonen. Er sei schwach, schon so alt und überhaupt. Ich hatte ihn während der Morgenpraxis beobachtet, wie er eine knappe halbe Stunde in Bhujangasana II ( Kobra ) seinen immer noch mächtigen Brustkorb an die Wand drückte. Es war verblüffend. Er schien derart in seine Praxis vertieft und nahm dennoch wahr, was um ihn herum geschah. Ab und zu raunte er seiner Enkelin, die die Stunde unterrichtete, etwas zu. Er wirkte so stark, dass ich kaum glauben konnte, wie er am Ende der Praxis nur mit Hilfe eines Stockes und am Arm einer Verwandten die Treppe hinunter in den Garten meistern konnte. Ich fühlte mich unwohl. Die Amerikanerin, auch wenn ich diesem Typ Mensch, der alles für den Guru aufgegeben hat, immer skeptisch begegne, hatte mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Doch dann dachte ich an den sympathischen Yogalehrer und Arzt Hermann Traitteur aus dem Berliner Iyengar-Studio „Yoga Mitte“, den ich am Tag zuvor in der Bibliothek des Hauses getroffen hatte, und fasste wieder Mut. Ich würde den Mann, dem wir Yogis so viel verdankten, der Yoga im Westen populär gemacht hatte, dessen Buch „Licht auf Yoga“ seit knapp 20 Jahren neben meinem Bett liegt, treffen. Ich lehnte mich zurück und schlief ein.

Es können nur wenige Minuten gewesen sein, aber als ich aufwachte, war ich vollkommen ruhig. Wie angekündigt erschien Iyengar, erfrischt nach seinem Schläfchen, die weißen Haare noch zersaust, im Garten und holte mich ab. Wir gingen in seine Bibliothek, die im Keller des Hauses untergebracht war, ein herrlicher Ort, an dem nur das leise Scheppern des Ventilators von der Decke zu hören war. Iyengar war munter, er bekam ein Tässchen äußerst dünnen Kaffee serviert und bot mir ebenfalls eines an. Er war an diesem Tag bereits wie an jedem Tag seines Lebens um fünf Uhr morgens aufgestanden, hatte die Post sortiert und anschließend eineinhalb Stunden Pranayama gemacht, bevor wir ihn in der Morgenstunde trafen.

Wir haben viel gelacht an diesem Nachmittag, als er von Yehudi Menuhin und seinen Auftritten in London, seinen Reisen, seinem strengen Schwager Krischnamacharya, dem er nichts mehr nachtrug, den Stipendien, die er für arme indische Schüler, wie er selbst einer gewesen war, bezahlte, und seinem Familienleben erzählte. Er sagte den großen Satz: „Ihr im Westen denkt oft, ihr könnt emotionale Probleme intellektuell lösen“ und „Wenn du erleuchtet bist, kannst Du keinen Bus nehmen.“

Ich sage es noch mal. Früher war es üblich, als Yogaschüler bei seinem Lehrer einzuziehen, bei Iyengar hätte ich es gerne getan. Wir hätten uns anschließend ein Cricket Spiel im Fernsehen angeschaut und wären früh schlafen gegangen, um am nächsten Tag wieder auf der Matte zu stehen. Das tue ich wie alle seine Schüler auf der ganzen Welt nun alleine und versuche halbwegs mit derselben Aufrichtigkeit durchs Leben zu gehen, mit der er es getan hat.

Danke B.K.S. für alles!