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„How yoga can wreck your body”: Gefahr durch Yoga?

Von Katharina Goßmann

Um das schon mal vorwegzunehmen: Wir sind der festen Überzeugung, dass Yoga ein Geschenk für Körper und Geist ist. Wir selbst und eine unüberschaubare Anzahl unserer Freunde und Bekannten, Yogaschüler, Yogalehrer, Geschäftspartner und Nachbarn sind lebende Beweise dafür, dass Yoga Rücken-, Kopf-, Glieder und Menstruationsschmerzen, Stoffwechsel- und Blutdruckprobleme reduziert, kräftigend, ausgleichend, entgiftend und entspannend wirkt und zu größerer Flexibilität führt – um nur die wichtigsten positiven Effekte zu nennen.

Steckt Marketing hinter dem Artikel?

Der wohl bekannteste Yoga-Anatomie-Spezialist Leslie Kaminoff (Autor von „Yoga Anatomie”) scheint dieser Meinung zu sein. Er stört sich zum einen daran, dass der Artikel aus dem demnächst erscheinenden Buch „The Science of Yoga: The Risks and Rewards” des Autors ist und unterstellt zum anderen, dass der Autor sich mehr Aufmerksamkeit versprach, wenn er die möglichen negativen Effekte von Yoga betont. Das ist nicht ganz unwahrscheinlich – eine Aufzählung der positiven Effekte von Yoga locken mittlerweile keinen Hund mehr hinterm Ofen vor. Außerdem richtet der Autor William J. Broad seine Aufmerksamkeit primär auf spektakuläre Einzelfälle, bei denen etwa im Schulter- oder Kopfstand Herzinfarkte und Schlaganfälle auftraten. Er gibt selbst zu, wie selten diese Vorfälle sind, thematisiert aber Vorerkrankungen der Betroffenen nur am Rande.

Dennoch gehen die Vermutungen des Anatomie-Experten Kaminoff in diesem Punkt am Kern des Artikels vorbei.

Autor Broad zitiert den New Yorker Glenn Black, der seit fast 40 Jahren Yoga unterrichtet, mit den Worten, dass „fast alle Menschen” mit Yoga aufhören sollten, weil es nur für Menschen in „besonders guter körperlicher Verfassung“ geeignet sei und ansonsten nur therapeutisch angewendet werden sollte. Black kritisiert, dass zu viele Menschen nach einem Tag im Bürostuhl zum Yoga gehen und sich von einem Yogalehrer, der möglicherweise nur einen Zehn-Tages-Kurs absolviert hat, in Positionen zwingen lassen, die sie in ihrer Kraft und in ihrem Körpergefühl überfordern. Black erzählt auch von Yogalehrern, die zu ihm kamen, weil ihnen im nach unten schauenden Hund die Achilles-Ferse riss, von Yogalehrern mit kaputten Hüften, von einer bekannten Yogalehrerin, die aufgrund ihres massiv geschädigten Rückens nur im Liegen unterrichtet.

Yoga KANN schaden

Diese Geschichten sind leider wahr. Patricia Sullivan, eine bekannte amerikanische Yogalehrerin, berichtete kürzlich im Yoga Journal, dass sie durch eine falsche Kopfstand-Praxis ihre Nerven so belastet hatte, dass ihre Hände taub wurden und extrem schmerzten und sie ihren Nacken nicht mehr bewegen konnte. Und David Life, einer der Begründer von Jivamukti Yoga, hat durch jahrelange Ashtanga-Praxis angeblich ziemlich kaputte Knie.

Aber haben diese Schäden wirklich mit Yoga zu tun? Diese Lehrer sind alle über 60 und haben mehrere Jahrzehnte intensivster Praxis hinter sich. Sie alle kamen jung zum Yoga, machten schnell Fortschritte in ihrer Ausführung der Asanas und gingen dadurch immer weiter an ihre körperlichen Grenzen. Die meisten von Ihnen lernten viele Jahre bei indischen Gurus, die körperlich sehr herausforderndes Yoga vermitteln.

Stellen wir uns vor, diese Yogalehrer hätten damals nicht Yoga für sich entdeckt, sondern Tennis, und hätten in den letzten vierzig Jahren intensiv Tennis trainiert, zeitweise mit rabiaten Trainern. Hätten sie das überhaupt durchgehalten? Wahrscheinlich nicht. Und wenn, dann vermutlich mit deutlich gravierenderen gesundheitlichen Folgen. Yogalehrer trainieren nicht selten genau so intensiv wie Spitzensportler – und Spitzensportler beenden nicht umsonst mit spätestens 40 ihre Karriere. Jede Sportart, die häufig über eine längere Zeit ausgeführt wird, trägt ein gewisses Risiko für Langzeitschäden in sich. Wer das nicht glaubt, möge die Muskelschäden von Fußballern, die Knieprobleme von Läufern und Skifahrern, die abgenutzten Gelenke von Leichtathleten, die Essstörungen von Skispringern und Kunstturnen recherchieren. Nicht zu reden von Ballett-Tänzern, Boxern und Rugby-Spielern.

Du hast es in der Hand: Falscher Ehrgeiz vs. Selbstliebe und Achtsamkeit

Die Grande Dame der deutschen Yoga Szene, Anna Trökes, etwa predigt seit Jahren für größere Achtsamkeit beim Yoga. Ihre eigene Praxis hat sich im Laufe der Jahrzehnte mehr zur Meditation hin entwickelt und weg von ehrgeiziger Körperlichkeit. Und Bryan Kest, ein beliebter kalifornischer Yogalehrer, hat bei seinem Workshops nur ein Thema: Yoga ist Selbstverantwortung. Er bezeichnet sich selbst nicht mal als Lehrer, sondern als Instrukteur – Lehrer müsse jeder Schüler selbst sein: Das Ego vor der Tür zu lassen und sich voll und ganz auf die Gefühle und Signale des eigenen Körpers zu konzentrieren schützt am effektivsten vor Verletzungen, so seine Meinung. „People bring their shit to the yoga and turn the yoga into shit.“ warnt er. Konkret: Wer außerhalb der Matte ehrgeizig ist, ist das meistens auch auf der Matte. Wer sich gerne mit anderen misst, wird das auch beim Yoga nicht (sofort) unterlassen können. Viele Yoga-Schüler kommen nicht aus ihrer Haut und überfordern sich – so werden aus heilsamen Yoga-Asanas Quellen für körperliche Schäden.

Unterstützt wird ein solch liebloser Umgang mit dem eigenen Körper auch von Yoga-Lehrern, die sich in ihren Ausbildungen nicht mit der Yoga-Philosophie und Themen wie Selbstakzeptanz und Leistungsdenken auseinander gesetzt haben, sondern nur schnell das korrekte Ansagen von Asana-Abfolgen erlernt haben. Solche Lehrer drängen ihre Schüler oft zu Übungen, für die die noch gar nicht die Kraft oder das Körpergefühl haben. Schädigende Ausweichhaltungen, Verspannungen und ruckhafte Bewegungen – etwa wenn Schüler aus Haltungen fallen – sind die Folge.

Aber eigentlich müssen wir gar keine Sportarten heran ziehen, um zu zeigen, dass es nicht das Yoga ist, mit dem sich Yogaschüler verletzen, sondern die fehlende Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Denken wir kurz daran, wie sich viele Menschen ernähren, wie viel Alkohol sie trinken, wie viele Medikamente sie schlucken, wie viele Gifte sie sich auf die Haut schmieren und welchen Eingriffen sie sich unterziehen, um „schön“ zu sein. Menschen, die sich selbst nicht wahr- und annehmen, dafür aber versuchen, aufgezwungenen Erwartungen gerecht zu werden, sind im wahrsten Sinne des Wortes selbstzerstörerisch: Indem sie die Bedürfnisse ihres Körpers, ihres Geistes, ihres Herzens missachten, laufen sie Gefahr, sich physisch und psychisch zu schädigen.

Vielen Menschen wurde noch nie gesagt, dass sie genauso wie sie sind, gut sind. Und das ist die eigentliche Stärke von Yoga. Beim Yoga sollte jeder so sein dürfen, wie er ist. In der konzentrierten Stille des Yoga sollte jeder die Gelegenheit bekommen, sich selbst zu spüren und dadurch besser kennenzulernen. Ansonsten ist es einfach kein Yoga.

Wenn Sie sich also beim Yoga nicht verletzen wollen, dann suchen Sie sich Lehrer, die ihnen vermitteln, dass Sie gut sind, wie Sie sind, und Ihnen dabei helfen, auf sich selbst zu achten. Und dann werden Sie mit deren Hilfe zu Ihrem eigenen Lehrer – einem liebevollen, geduldigen, fördernden Lehrer, der Ihnen hilft, ganz ohne Zeitdruck oder Zwang Ihr Potential zu entfalten.

Vielleicht sollte William J. Broad seinen Artikel „Wie Sie sich mit Yoga den Körper ruinieren können“ umbenennen. Denn es liegt in unserer Macht, Yoga zu einem Geschenk an uns selbst zu machen.