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Oh nein, ist Yoga etwa Trend oder Ersatzreligion?
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Oh nein, ist Yoga etwa Trend oder Ersatzreligion?

Von Kristin Rübesamen

Yoga verbindet, das wissen wir. Aber um Verbindung zu erreichen, muss es erst eine Trennung geben, einen klitzekleinen Dissens, unterschiedliche Positionen. Vielleicht war das das Problem beim zweiten Themenabend, den der BDY vor einigen Wochen am 7. November in der Kalkscheune in Berlin veranstaltet hat.

Der Titel der Veranstaltung: „Ist Yoga Trendsport? Ersatzreligion?“ legt die Vermutung nahe wie sich der BDY so einen Abend zwischen engagierten Yogis vorgestellt hat. Die einen entwerfen das Horrorszenario einer Yogawelt, die von Instagram-Yogis und Yogaketten tyrannisiert wird, die anderen halten brav mit dem Salbeiwedel und der Iyengarbibel dagegen. Auf dem Höhepunkt des Abends wäre man sich vielleicht sogar ins Wort gefallen oder hätte sich zumindest an einer Definition, was Yoga im 21. Jahrhundert bedeuten könnte, versucht.

Stattdessen blieben alle brav auf ihren Stühlen sitzen, ein leicht schläfriges, mittelaltes Publikum, einige hatten sich die Schuhe ausgezogen, hörten den Rednern zu, an deren moderaten Positionen niemand ernsthaft Kritik üben kann. Es gab kaum Widerspruch, von Diskussion ganz zu schweigen.

Ist Yoga denn Trendsport oder gar Ersatzreligion? Ja, ja, ja.

Dabei kann die Frage doch nur rhetorisch gemeint gewesen sein: Natürlich ist Yoga Trendsport und selbstverständlich auch eine Ersatzreligion. Aber was das bedeutet - ausserhalb eines persönlichen Rahmens - den Ron Steiner („Wenn wir uns im Yoga nicht täuschen lassen, geht es darum, uns selbst zu finden“) betonte, das wurde nicht besprochen.

Stattdessen einigte man sich mutig darauf, dass Yoga in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Ja, aber eben leider auch nur da.

Was es heißt, dass nur ein Bruchteil der Gesellschaft tatsächlich in den Genuß von Yoga kommt, in Zeiten, wo die Gesellschaft „tief gespalten“ ist, wurde nicht diskutiert. Oder, was eine Ersatzreligion in einer Welt, die Religionskriege prägt, bedeuten könnte? Und wie religiös Spiritualismus sein darf oder gefährlich er sein kann?

Indische Rituale

Immerhin wurde der Hausleiter von Yoga Vidya, Narendra Godehard Hübner, von Eckart Wolz-Gotthard gefragt, warum er seine im Ashram in Bad Meinberg durchgeführten Puja-Rituale als „indische Rituale“ durchführt. Jetzt wäre die Chance da gewesen, über Risiken und Nebenwirkung eines „Spiritualismus light“ zu reden, über den marktwirtschaftlichen Aspekt einer Technik, die eigentlich als Weg der Selbsterfahrung gedacht war, die aber heute als Weg der Selbstoptimierung genutzt wird. Es wäre toll gewesen, an diesem Punkt die Diskussion nicht versickern, sondern beginnen zu lassen, nicht um in kulturpessimistische Jammer-Arien zu verfallen, sondern um auch unbequeme Fragen zu stellen: Ist es denn so, dass wir einen Religionsersatz brauchen? Was wäre dagegen einzuwenden, wenn an die Stelle institutionellen Glaubens Körperkult tritt? Hätte BKS Iyengar beispielsweise, zu Beginn seiner Karriere, sich nicht totgelacht über unser Unbehagen gegenüber Fitness? Ganz zu schweigen von der Frage, wie aufrichtig dieses Unbehagen ist in einer Kultur, in der Yogalehrer Botox spritzen und Marketingtools beherrschen müssen, wenn sie es zu etwas bringen wollen. Was kann Yoga tatsächlich leisten und was auf keinen Fall?

Trotzdem war es keine schlechte Veranstaltung.

Es tat zum Beispiel gut, von den Rednern, die allesamt seit Jahren die deutsche Yogaszene mitgestalten, an die heilende Kraft von Yoga erinnert zu werden, dass viele zum Yoga kommen, um „Leichen loszuwerden", auch wenn es mit dem Thema wenig zu tun hatte.

Es tat gut zu hören, dass es eine kluge Sektenbeauftragte (zumindest in Berlin/Brandenburg) gibt, die Menschen, die während ihrer Ausbildung zum Yogalehrer das Gefühl bekommen, in eine Sekte geraten zu sein, rät, dann aufzupassen: „Wenn Sie aufgefordert werden, ehrenamtliche Arbeit zu leisten, in Wohngemeinschaften zu ziehen, einen religiösen Glauben annehmen zu müssen.“

Es war schön, hinterher die Gelegenheit zu haben, mit einer dick mit Käse überbackenen Bretzen in der Hand, in der Menge immerhin drei bekannte Gesichter zu sehen - ohne an einem Lululemon-Stand vorbei gehen zu müssen.

Mir gefällt die Vorstellung, dass sich im Yoga nicht nur Körper und Geist, sondern auch die Yogis untereinander verbinden. Die etwas hölzern formulierten „Berufsethischen Richtlinien“, die der BDY auf seiner Webseite festgehalten hat, sind großartig! Ich glaube nur, genauso wie es Drehungen und Umkehrhaltungen, Rückbeugen und Vorbeugen in den Asanas gibt, sollte es auch in Diskussionen deutlich ans Eingemachte gehen. Nicht nur, um es ganz platt zu sagen, wegen der Energie, sondern, weil wir Yogis dann vielleicht doch irgendwann mal einen gesellschaftlichen Beitrag leisten könnten, der etwas fundamentaler wäre, als mit Gleichgesinnten Chai zu trinken.  

Vielleicht sieht es Friedericke von Schwanenflug, Geschäftsführerin des BDY, zumindest im Ansatz ähnlich: „Mit der Veranstaltungsreihe möchten wir uns weiter vernetzen, mit unterschiedlichen Verbänden und Institutionen. Wir bieten bei unseren Veranstaltungen allen Interessierten Anlässe, um noch mehr ins Gespräch zu kommen. Außerdem möchten wir unsere Themen in die Gesellschaft tragen und einen Diskurs über Yoga befördern. Die unterschiedlichen Yoga-Traditionen und Yoga-Verbände haben zwar eine gemeinsame Basis, doch gibt in manchen Fragen auch unterschiedliche Meinungen, die auch kontrovers diskutiert werden sollten“.

Hier findest du eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen:

Am 27.1. geht es weiter. Das Thema ist gut: "Yoga - schnell gelernt und billig? Über Qualität und Wert in Ausbildung und Unterricht". Also, nichts wie hin.

 

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