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Verliebt in den Yogalehrer
Bild: shutterstock.com

Verliebt in den Yogalehrer? Nein, kein Klischee.

Von Kristin Rübesamen

Du stellst fest, dass du dir überlegst, was du zum Yoga anziehst, dir in letzter Minute nochmal die Haare kämmst, nach der Stunde freiwillig alle Matten zusammenlegt, nur weil er noch in der Nähe ist?

Dir fällt auf, dass du eigentlich nur noch zu ihm in die Klassen gehst, seine Stunden online übt, Konferenzen besucht, auf denen er unterrichtet, klaglos in ein Mehrbettzimmer auf einem schmuddeligen Bauernhof ziehst, nur weil er dort sein wird?

Du lernst die Bhagavad Gita auswendig, schreibst dich für Sanskrit-Klassen ein, adoptierst Hunde mitsamt ihrer Flöhe und fängst in Savasana an zu schwitzen, nur weil er gleich deinen Kopf in seine Hände legt, ganz zu schweigen von den Vorbeugen, wenn die Chance besteht, dass er sich, um dir tiefer in die Haltung zu helfen, auf dich legt?

Du bist erledigt, liebe Schwester, denn lass’ dir eines gesagt sein: Wer sich in seinen Yogalehrer verliebt, verliert nicht nur seine Würde, sondern auch seinen Lehrer, aber der Reihe nach.

Internationale Groupies

Vor einiger Zeit saß ich mit einem sehr bekannten amerikanischen Yogalehrer im Cafe. Er besaß alle Insignien eines modernen Gurus: einen Reiseplan wie ein Flugkapitän, kostenlose Yogaklamotten, eine Social-Media-Assistentin, nie Bargeld, dafür internationale Groupies. Er war nicht mehr der Jüngste, trank ein alkoholfreies Bier, und kündigte an, demnächst auf Diät zu gehen. Vor allem aber wolle er endlich Ruhe in sein Leben bringen.

Vertretertypen, die statt Motoröle spirituelle Inhalte verhökern

Er überlegte ebenfalls, vielleicht ein Studio zu eröffen. Wie ich Miami fände? Es gäbe da ein Angebot, in einem schicken Hochhaus ein Yogastudio einzurichten, direkt über „Wilhelmina“, der Modelagentur. Er sagte nicht, direkt am Meer, man kann den Sonnenaufgang beobachten. Ich fand das eine ausgezeichnete Idee, sicherlich könnten die Models etwas Yoga als Ausgleich zum Turbokapitalismus, in dem sie arbeiten, brauchen. Ein paar Wochen später begann auf Facebook eine Kampagne gegen ihn. Er rühme sich damit, mit einem Großteil der Frauen in seinen Klassen geschlafen zu haben, und sei nicht länger tragbar, klagte eine Frau, die sich wie ein Spielverderber und Moralapostel anhörte. Ich verteidigte ihn spontan, denn tatsächlich kenne ich ihn nicht anders als klugen, originellen und wunderbaren Lehrer, aber die Wahrheit ist, die Frau hatte Recht. Der Lehrer hat ein Problem, viele Yogalehrer kennen dieses Problem, es hat recht wenig mit Moral und nicht mal viel mit Sex zu tun. Es geht um Männer, die viel reisen, weil sie nur so Geld verdienen, um ihre Familien zu ernähren, oder aber reisen, weil sie keine Familien haben und kein Zuhause. Es sind Vertretertypen, nur dass sie anstatt Motoröle spirituelle Inhalte verhökern. Man kann sie verdammen, weil sie ihre Macht missbrauchen und ihre Verantwortung, weil sie die Schülerinnen, die sich ihnen anvertrauen in einem Zustand von Schwäche, ausnutzen, aber interessanter ist die Frage: Warum machen die Frauen das? Warum lassen so viele von uns sich hinreißen, wenn sich ein Mann vor uns stellt und sagt: Einatmen, („schlaf’...“), ausatmen („..mit mir“)?

Fehlende Nähe, Sehnsucht nach Körperlichkeit

Liegt es an der Zeit, in der wir leben? Je luxuriöser und vereinzelter unser Leben wird, desto größer wird unser Hunger nach Hautkontakt. Wir buchen Massagen, lassen den Friseur schampoonieren, Niedriglohner unsere Hände eincremen. Anstatt Menschen zu umarmen, bezahlen wir sie, um unsere Muskeln durchzukneten.

In meiner Yogaausbildung wurde uns eingebläut, diesen Zustand der Schwäche nicht auszunutzen, und gerade bei Schülern, die erkennbar nach Nähe hungern, körperliche Hilfestellungen nur sparsam zu geben. Warum? Um sie nicht zu Opfern zu machen, zu Menschen, die dieser körperlichen Berührungen wegen kommen, die, um es pathetisch zu sagen, abhängig werden könnten von uns Lehrern.

Natürlich ist die Nähe, die ein Lehrer vermitteln kann, im Yoga essentiell. Genau essentiell ist es, sich im Yoga als Schüler nicht zurückhalten zu müssen, ganz mal selbst zu sein in der Praxis. Wenn wir anfangen, uns auch noch auf der Yogamatte in die Tasche zu lügen, wofür dann das Ganze? Aber für uns Lehrer heißt es: Achtung! Was für einen Schüler ein lehrreicher, mütterlicher Klaps sein kann, ist für den anderen unter Umständen die Initiationszündung einer sexuellen Phantasie.

Minderwertigkeitskomplex und Iliopsoas

Wenn sich Frauen in ihren Lehrer verlieben, passiert lange nichts Schlimmes. Es ist schön verliebt zu sein, es ist schön, angefasst zu werden, es ist schön, seinen Iliopsoas zu dehnen und dabei seinen Guru vor Augen zu haben. Eine kleine Schwärmerei, denke ich, kann nicht schaden.

Doch wenn der Lehrer davon Wind bekommt,  - und das wird er, denn auch wenn manche Yogalehrer miese Guru-Machos sind, die Frauen ausnützen, sensibel sind sie, das bringt nun mal der Beruf mit sich-,  und wenn dieser Lehrer dann die Situation ausnützt, wird es bitter.

Die Aufwertung, die die auserwählte Schülerin, nennen wir sie Gina, erfährt, das Gefühl, mit im Rampenlicht zu stehen, mit einem Fuß auf dem Altar, muss sie teuer bezahlen. Sie wird herausfinden, dass ihr geliebter Guru keine Zwiebeln verträgt, schnarcht und endlose Telefonate mit seiner Exfreundin führt. Womöglich hat er sogar Schulden, eine ungesunde Schwäche für Online Poker und zwei Ehefrauen in Neuseeland.

Die Yogapraxis, eine Achterbahn

Den Aufschwung, den Ginas Praxis zu Beginn der Affaire nehmen wird, wird irgendwann auf einem Plateau landen, sobald Gine merkt, dass auch Lara und Bonnie sehr vertraut mit ihrem Guru sind und plötzlich die kleine Denise die lange Nackenmassage bekommt-, und schließlich in einer schlimmen Talfahrt enden, wenn ihr der Guru gesteht, dass er alle Frauen heilen muss. Denn das sei sein „Job“.

Von wegen Ahimsa, vergesst Brahmacharya

Eine Frau fällt auf einen Mann herein. So etwas passiert überall auf der Welt, warum also die Aufregung? Ganz einfach: Auch wenn keine Gesetze gebrochen wurden, gibt es doch einen ethischen Code, der für alle Lehrer, ganz besonders Yogalehrer, gelten sollte. Dazu muss man nicht mal Patanjalis Yoga Sutra kennen und seine Forderung nach Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und Keuschheit (Brahmacharya). Dazu muss man lediglich verstehen, welche Macht ein Yogalehrer haben kann und wie leicht es ist, diese zu mißbrauchen. Denn was wirklich verletzt wurde, ist das Vertrauen, das Gina ihrem Guru geschenkt hat. In Indien mag es das Gurukulam System noch geben, das von den Schülern verlangt, ihrem Guru komplettes Vertrauen zu schenken und ihm damit die komplette Deutungshoheit über das eigene Leben zu überlassen, aber selbst dort ist es veraltet.

Vielleicht würde es helfen, Yogalehrer ein Stück von ihrem Altar herunterzuholen und zu verstehen, dass es auch nur Menschen sind, einsame Männer, die nicht alt werden wollen, um sich ihrem Einfluss zu entziehen.

Verliebt euch lieber in eure Praxis oder eure Yogamatte und geht danach mit erhobenem Kopf hinaus auf die Strasse und erobert die Welt.

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