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Hände weg: Übergriffige Yogalehrer
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Hände weg: Übergriffige Yogalehrer

Von Jeannette Schumann

Mein Weg über knarzendes Parkett führt in einen hellen Dachgeschoss-Raum. Die Decke wird von Säulen getragen. Auf hellem Parkettboden liegt in gelben Streifen die Sonne. Musik empfängt mich und ich erkenne eines meiner Lieblingslieder. Oh - das wird sicher toll heute.

Der Yogalehrer und drei Teilnehmerinnen sind bereits da; der Lehrer ist sich nicht sicher, wie viele Anmeldungen es für heute gibt und verlegt den Beginn der Session um noch ein paar Minuten nach hinten. Das gibt mir Zeit, meine Matte auszurollen, mich an meinem Platz einzurichten, noch ein wenig der Musik und den Gesprächen zu lauschen und mich innerlich einzustimmen. Die heutige Yoga-Session entdeckte ich auf Facebook; der Lehrer war mir unbekannt, er kommt nicht von hier. Offensichtlich kennt ihn aber eine der Teilnehmerinnen; sie erzählt, sie sei einen weiten Weg gefahren, um heute den Unterricht mitzumachen. Ich fühle mich bestärkt und denke: wenn jemand solche Wege auf sich nimmt, dann muss es richtig gut sein. Der Yogalehrer macht derweil ein paar Asanas - Schulterstand, Kopfstand. Verdreht sich in alle möglichen Richtungen. Er muss sich sicher aufwärmen, denke ich und beobachte ein wenig neidisch die Kostprobe seines Könnens.

Ich übe seit drei Monaten Yoga und bezeichne mich selbst als blutige Anfängerin. Was nicht ganz stimmt: ich nehme Unterricht bei zwei Yogalehrern, lese Bücher über Yoga und die Yoga-Philosophie, sehe Videos über die großen Meister, und übe zuhause auf meiner 4-Millimeter-Matte.

Derzeit sind gerade Schulferien; mein Yoga-Volkshochschulkurs pausiert, meine andere Yoga-Lehrerin ist im Urlaub. Ich freue mich über die Gelegenheit, trotzdem unter Anleitung üben zu können. Und dann noch so intensiv - drei Stunden lang! Da erfahre ich bestimmt mehr Lösung, Dehnung und Entspannung, kann vielleicht sogar mal einen Bogen oder sogar einen Schulterstand machen - meine „Schmerzübungen“, die ich noch nicht beherrsche. Und ich lerne andere Stile und andere Übungen kennen.

Der Lehrer weckt unangenehme Erinnerungen in mir. Er sieht aus wie mein Stiefvater. Der Bart, die Haare, die Augen.
Der Stiefvater trank, war gewalttätig und missbrauchte mich jahrelang. Vor vier Jahren ist er gestorben - Alkoholvergiftung.

Gut für mich, denke ich mir heute: so kann ich mir sagen, dass dieser Mensch nicht mehr lebt, dass der Yogalehrer nichts mit ihm zu tun hat, die Ähnlichkeit rein äußerlich ist, nur eine Fassade.
So, wie auch ich manchmal eine bin: stark, fröhlich, lustig, mitfühlend. Bisher durfte ich diese Maske im Yoga zumindest ein wenig lockern und erfahren, wie es sich anfühlt, trotz anderer Menschen um mich herum ganz bei mir zu sein und mich auf mich einzulassen. Manchmal traurig, manchmal glücklich zu sein, und ganz oft: dankbar zu sein für diese Freiheit, mein Leben gestalten zu dürfen.

Der Unterricht beginnt. Wir sollen uns auf die Matte legen, lang ausstrecken, atmen, ankommen. Meine Augen schließen sich. Mir scheint die Sonne ins Gesicht und vor dem inneren Auge entfaltet sich mir ein prächtiges Farbenspiel.
Plötzlich spüre ich, wie der Lehrer meine beiden Füße nimmt und meine Beine weit auseinander zieht. Zu weit, denke ich panisch und verspanne. Derweil geht er bereits weiter zur nächsten Schülerin, zieht auch ihr die Beine auseinander - wie auch bei den anderen Teilnehmerinnen. Es scheint ihnen nichts auszumachen. Vorsichtig lege ich meinen Kopf wieder ab, befehle meinen Muskeln loszulassen. Ich habe gelesen, dass es Lehrer gibt, die die Schüler in der Rückenlage anleiten, die Beine weiter auseinander zu nehmen, und andere Lehrer, die eher geschlossene oder maximal hüftbreit geöffnete Beine lehren.

Ich beruhige mich. Es ist immer noch Yoga. Vielleicht einfach ein anderer Stil. Die rote Alarmlampe darf wieder ausgehen.

Auf einmal schimpft der Yogalehrer - er hat eine Wanduhr über der Eingangstür entdeckt. So etwas geht doch gar nicht! Wie kann man denn eine Uhr im Yogaraum aufhängen? Und am liebsten, schimpft er weiter, sind ihm dann noch Teilnehmer, die mit einer Uhr am Handgelenk Yoga machen wollen.
Die Teilnehmerin, die den weiten Weg gefahren ist, entdeckt noch etwas: „Hast Du schon gesehen? Die Heizung ist schief.“ Tatsache. Nicht nur die Heizung, auch die Säulen, die die Decke tragen. Und dann stehen die Heizungen auch noch auf höchster Stufe, was ja laut Meinung des Lehrers überhaupt nicht geht, völlige Energieverschwendung.
„Ach, mir gefällt der Raum. Der ist so schön persönlich.“, sage ich in die allgemeine Unzufriedenheit hinein und lege mich wieder hin.

Der Yogalehrer legt die Uhr aufs Parkett, lässt über Uhr plus schiefe Heizung plus schiefe Säule plus Energieverschwendung mindestens fünfmal im weiteren Verlauf des Unterrichtes Bemerkungen fallen und scheint zu erwarten, dass wir ihm dafür Anerkennung zollen und ihn bewundern.

Wir atmen, bewegen Arme und Beine, machen uns warm, dehnen uns, gehen in die ersten Asanas. Ganz langsam fühlt es sich vertraut an, bekanntes Terrain, ich weiß, was ich wie machen muss, meine Erfahrung aus den Unterrichten kommt mir zugute und ich bin dankbar dafür.
Die Stimme des Lehrers erklingt: „So, nun machen wir zu unserer Asana noch etwas Wunderbares dazu: wir ziehen erst den rechten, und dann den linken Mundwinkel nach oben. Ich will Euch lächeln sehen. Ganz deutlich!“ Bei den ersten zwei Aufforderungen - immer mit dem gleichen Wortlaut - lächle ich tatsächlich. Bei den darauf folgenden grinse ich nur.
Ein perfektes, gequältes Grinsen aller fünf Minuten, das der Yoga-Lehrer einfordert.
Was soll ich mit einem Lächeln, das ich nicht spüren kann? Das habe ich doch im Alltag genug. Hier, im Yoga, will ich von Herzen lächeln. Und ich will auch auf mich konzentriert sein dürfen. Denn anstrengend ist es für mich, und richtig will ich es auch machen. Und links und rechts nicht verwechseln - was mir immer passiert, wenn die Konzentration „wegrutscht“.
Noch dazu habe ich CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion): die Muskeln im Kiefer sind extrem verspannt, bei mir verspannen sie bei Stress und Druck so, dass ich meinen Mund nur unter Schmerzen öffnen kann. Weder Physiotherapie, noch eine Aufbiss- Schiene, die ich nachts tragen sollte, haben geholfen. Ich habe mit der Zeit gelernt, den Kiefer möglichst entspannt zu halten, nur noch selten greife ich zur Schmerztablette.

Vor allem aber: ich will nicht lächeln MÜSSEN.

Es erfolgt die Anweisung, in die Sprinterstellung zu gehen. Wir sollen diese halten, den Oberkörper nach oben aufrichten, die Hände nach oben halten, nach oben schauen - und atmen.
Völlig unerwartet steht auf einmal der Lehrer vor mir, klemmt mein Knie zwischen seine Beine und hält meine Hände nach hinten. Ich stehe an der Schwelle zum absoluten inneren Rückzug. Der Mann steht auf einmal nur wenige Zentimeter vor mir und hält mein Knie und meine Hände fest auf eine Weise, die ich für den Moment so schnell nicht fassen kann.

Meine Konzentration wackelt, sie droht zu kippen. Rasch greife ich auf ein Hilfsmittel zurück, dass ich in jahrelanger Therapie erarbeitet habe: Realitätscheck. Decke: weiß. Matte: rot. Eine weitere Matte: rot. Die zwei anderen: grün. Vier Matten, zwei rot, zwei grün.

Drei Säulen, schief, ich weiß. Zwei Heizungen, zwei Fenster.

Puh. Der Lehrer ist bereits zwei Matten weiter. Ich lebe wieder. Noch.

Mein Blick sucht die Uhr. Dann fällt mir ein, dass sie auf dem Boden liegt. Und noch dazu denke ich: das hatte ich noch nie - dass ich in einer Yoga-Stunde auf die Uhr sehen und schauen will, wie lange ich noch durchhalten muss.

Wir stehen aufrecht, die Füße hüftbreit auseinander, die Hände sollen wir gegen den Rücken stemmen und dabei die Ellenbogen unserer Arme soweit es geht zusammenziehen. Dann erfolgt die Anweisung, den Oberkörper gerade nach vorn zu beugen. Ein perfekter 90-Grad-Winkel soll es werden. Wie wir unseren Kopf halten sollen, erfahren wir nicht - bis der Lehrer hinter mir steht, meinen Zopf packt und meinen Kopf nach hinten zieht. „Nach vorne schauen! Das hab ich doch gesagt, oder?“

Ich atme. Sehe die Säule an, die vor mir steht. Weiße Rauhfaser. Rote Matten, grüne Matten, heller Holzboden, Parkett. Sonne. Die Hälfte der Zeit ist sicher schon um. Durchhalten, es lohnt sich nicht mehr, jetzt zu gehen.

Wir stehen nun am Mattenrand, die Arme nach oben gestreckt, die Augen geschlossen. Immer wieder muss ich schnell blinzeln und gucken, wo der Lehrer steht und was er gerade macht. Gerade geht er zu einer Teilnehmerin und führt sie zu mir. Sie hält dabei die Augen geschlossen, vertraut sich seiner Führung an und lächelt sogar.

Ich staune. Ich bin neidisch.

Der Lehrer führt nun die anderen beiden Frauen zusammen und fordert uns dann auf, uns gegenseitig zu umarmen, mindestens 20 Sekunden lang. Es ist ein schöner Moment, und doch bitter: er geht zu den anderen beiden Frauen, die sich gerade umarmen, umarmt diese alle beide und bleibt so stehen.
Als meine Partnerin und ich die Umarmung lösen, sehen wir uns in die Augen und bedanken uns von Herzen. Mir brennen Fragen auf den Lippen: wie machst Du das, wie kannst Du so entspannt sein, was lässt Dich vertrauen? Bin ich vielleicht doch selber auf dem Holzweg? Habe ich das mit dem Yoga irgendwie falsch verstanden?

Ja, ich habe mitgemacht bis zum Schluss. Ich habe das Dauergrinsen angeschalten, dem Lehrer 40€ gegeben und mir noch einmal seinen Vortrag zum Thema „Uhr im Yogaraum“ angehört. Als ich zuhause war, brauchte ich eine Schmerztablette für meine angespannten Gesichtsmuskeln.

Verunsichert durch meine Selbstzweifel und meinem gefühlt niedrigeren Status als Anfängerin, nahm ich das Verhalten eines Lehrers hin, das ganz sicher und ganz definitiv nicht ok war für mich.
Ich fühlte mich konfrontiert von meiner Vorstellung eines ausgebildeten Yoga-Lehrers. Ich dachte, ein Yoga-Lehrer ist reflektiert, achtsam und hat immer Fingerspitzengefühl im Umgang mit seinen Schülern. Ich setzte voraus, dass er die Tradition des Yoga in sich trägt und nach den Prinzipien des wertschätzenden Umganges mit Menschen handelt.

Jetzt hockt in mir Misstrauen und das bittere, enttäuschte Gefühl, einem Trugschluss aufgesessen zu sein.

Yoga schützt nicht. Yoga ist ein Gerüst, die Anleitung, an der wir uns entlanghangeln. Wie wir das machen, wie wir das Gerüst füllen und lebendig machen, ist uns überlassen. Genauso wie im Qi Gong, im Reiki, in der Freizeit, im Beruf ist jeder selbst in der Verantwortung, auf seine Grenzen zu achten und sich in Achtsamkeit, Wertschätzung und Respekt zu üben. Menschen, die die Regeln des menschlichen Miteinanders übergehen: es gibt sie überall - auch im Yoga.

Mein Wunsch an euch als Schüler: schützt euch, achtet auf euch, hört auf eure Intuition. Ich habe es selbst in Gedanken durchgespielt, wie ich diese von Anfang an ungute Situation hätte beenden können. Letzten Endes kam ich für mich auf den Satz: „Ich merke, es ist nicht der richtige Kurs für mich und ich gehe jetzt und wünsche Euch alles Gute.“ Dieser Satz fühlt sich gut an. Keine Show, kein Drama, einfach rausgehen.

Hin zu einem, der das Yoga-Gerüst mit Freude, Achtsamkeit und Wertschätzung füllt. 

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