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Mein erstes Mal: Yogaerleuchtung in London

Von Katharina Goßmann

Herbst 2002. Seit wenigen Monaten lebe ich in London. Die aufregendste Stadt Europas regt mich wirklich nur noch auf. Zwei Stunden Arbeitsweg täglich, eine schimmelige, überteuerte Wohnung, die fragwürdige Freizeitgestaltung des Durchschnitts-Londoners: Alkohol- und Drogenexzess vom Freitag bis zum Sonntagabend.

Auch körperlich erschöpft mich die hektische Stadt. Ich fühle mich konstant erkältet, habe Rückenschmerzen und massive Nackenverspannungen und außerdem durch Stress-Essen deutlich zugenommen. Etwas muss sich ändern. „Erst einmal das körperliche Unwohlsein loswerden“, denke ich und werde Mitglied in einem Kellerloch, konkreter: des billigsten Fitness-Studios meiner Gegend. Während ich mich auf dem Stepper quäle, scanne ich das Kursprogramm. Kick-Boxen klingt perfekt, liegt zeitlich aber ungünstig. Also entscheide ich mich für Yoga. Ich meine: Julia Roberts tut es, Madonna tut es – da darf ich doch nicht fehlen!

Also hetze ich eines Mittwochabends durch die feuchtkalten Straßen des East Ends in den düsteren Kursraum. Von nebenan dröhnt Aerobic-Techno herüber. Eine kleine, drahtige Frau mit klarem Blick betritt den Raum und sagt, „Down on your knees, everyone“, und alle gehen in die Position des Kindes. Ich mache es einfach nach. Als nächstes erklärt Maggie, so heißt die Lehrerin, „the warming breath“ (Ujaii). Monatelang hatte ich gefröstelt, aber als ich endlich kapiere, was Maggie von mir will, und mein Atem hörbar durch meine Kehle rauscht und meine Zunge am Gaumen pappt, wird mir fast heiß. Dann kommt der erste Sonnengruß meines Lebens. „Sonnengruß“, denke ich, „sollte in London Regengruß heißen.“ Und schon hampele ich asynchron durch die Stellungen, vergesse zu atmen und fühle mich völlig überfordert.

Als ich im nach unten schauenden Hund stehe und – Ironie des Schicksals – hechele wie ein solcher, steht Maggie plötzlich vor mir, schiebt meinen unteren Rücken sanft nach hinten und sagt „Breathing only through the nose, my dear“. In dem Moment passiert etwas Magisches: Mein Körper sagt ganz deutlich „Ja“. „Ja“ zu dieser Position, die ihn so offensichtlich beglückt und stärkt, dehnt und durchblutet, belebt und entspannt. Ich bin verblüfft. Mein Körper schreit nämlich sonst den ganzen Tag nur „Nein“. „Nein“, wenn ich ihn nach zu wenig Schlaf aufwecke, „Nein“, wenn er statt Frühstück nur Kaffee bekommt, „Nein“, wenn ich gebückt stundenlang vorm PC hocke. Aber jetzt ist er entzückt – und das, obwohl ich den nach unten schauenden Hund extrem anstrengend finde!

Vom Rest der Stunde weiß ich nur noch, dass mein Baum eher einem besoffenen Flamingo glich. Und dass ich am Ende auf dem Rücken lag und so müde, so entspannt und so nahe bei mir war wie seit Jahren nicht mehr. Von nun an kam ich so oft wie möglich zu Maggie, um mir meine Portion Yogaglück abzuholen. Bis Maggie nach Indien ging. Aber das ist eine andere Geschichte.