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Skandal: Kommt Yoga gar nicht aus Indien?
Bild: iStockphoto.com - Record crowd for yoga in Ottawa

Skandal: Kommt Yoga gar nicht aus Indien?

Von Kristin Rübesamen

Vor ein paar Wochen schrieb der Spiegel (Ausgabe Nr. 31 vom 31.07.2013), dass Yoga gar nicht vor tausenden von Jahren in Indien erfunden wurde, sondern vor gerade mal hundert Jahren in Europa. Nicht Swami Vivekananda, der Hindu-Mönch, habe den Startschuss zum Comeback der indischen Spiritualität gegeben, als er 1893 vor dem Weltparlament der Religionen in Chicago seine „Lehre von der indischen Spiritualität“ hielt (wie bisher angenommen) - sondern europäische Spinner Ende des 19. Jahrhunderts, Spiritisten, Theosophen und Wissenschaftler mit einer Schwäche fürs Übersinnliche, die sich in einer Art Protestbewegung in Literatur, Musik und Philosophie gegen die Kirche und für die Esoterik entschieden.

Natürlich, die Aussicht auf Erlösung ohne Erlöser, auf eine „Spiritualität light“ war damals so verführerisch wie heute. Der Spiegel zitiert bekannte Religionswissenschaftler und Experten aus der Anthropologie und Ethnologie, die zu belegen versuchen, dass die vermeintlich indische Spiritualität eine „maßgeschneiderte Yoga-Scheinwelt“ für westliche Gemüter sei. Nur was bedeutet das konkret für uns westliche Yogis?

Auch, dass, wie der Spiegel weiter enthüllt, das „Yoga im gymnastischen Sinne“ auf das Konto europäischer Körperfreaks geht, klingt erstmal skandalöser als es ist. Warum sollten die Shows, die Eugen Sandow, Ostpreusse und Erfinder des Bodybuildings, 1905 auf seiner Tournee durch Indien abzog, die Inder nicht beeindruckt haben? Sicher hat auch die Leibeserziehung, die die Briten auf dem Subkontinent dem Kolonialvolk aufhalsten, ein gesellschaftliches Klima geschaffen haben, dass den Erfolg des körperlichen Yoga in Indien vorangetrieben hat. Ob Krichnamacharya, der als Urvater des modernen Yoga gilt und sowohl Patthabis Jois, Gründer von Ashtanga Yoga und BKS Iyengar, Erfinder des Iyengar Yoga, wesentlich beeinflusste, diese Bodybuilder-Shows gesehen hat? Möglicherweise. Möglicherweise aber auch nicht. Ist es zu banal, anzunehmen, dass derartige Entwicklungen im Westen und Osten, wie die Hinwendung zum Körper als Instrument der Emanzipation, zur selben Zeit passieren können?

In einem Punkt irrt der Spiegel-Autor unseres Wissens nach. Er schreibt, dass in den klassischen Hindu- Schriften, den Upanishaden, der Bhagavadgita, Yoga kaum erwähnt wird. Und wenn, ginge es nur „um geistige Vervollkommnung, Meditation (...) oder Atemkontrolle“. Nun, in diesen Schriften steht tatsächlich nichts von „Bikini-Yoga“, „Detox-Flow“ oder „Postnatal-Yoga“. Aber man findet in ihnen, vor allem in den Yogasutren von Patanjali, die etwa 2000 Jahre alt sind, den Kern der Philosophie, nach der wir heute üben, denn die meisten von uns üben in der Tradition des Patanjali. Die körperlichen Haltungen (Asanas) kommen in Patanjalis System nur an dritter Stelle eines achtgliedrigen Weges, weiter oben folgen das Zurückziehen der Sinne und Meditation, aber sie kommen sehr wohl vor und doch ist das Ziel ein spirituelles und kein flacher Bauch. Die geniale Idee, dass Körper und Geist unter ein Joch gespannt werden, die hatten die Inder, sorry.

Ob der Spiegel nun recht hat oder nicht, die meisten Yogis fragen nicht danach, wer die Urheberrechte am Yoga besitzt. Das einzige, was sie, was uns interessiert ist, ob es wirkt. Und das entscheidet sich nicht in der Vergangenheit, das entscheidet sich immer nur auf der Matte. Hier und jetzt.

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