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Bild: shutterstock.com

Geständnisse eines Nicht-Yogis

Von Nadja Polzin

Die meisten Yogis erzählen dieselbe Geschichte über ihre Begegnung mit Yoga: Liebe auf der ersten Blick. Was aber, wenn beim ersten Mal nur Irritation und Wut aufkommen? Die Geschichte einer Liebe auf den zweiten Blick.

Yoga ist nicht meine Baustelle. Teelichter, Räucherstäbchen, dieses Om-Gesinge und dann das ständige Gerede von guten Gedanken und Selbstliebe. Bis vor zwei Jahren war das meine Meinung zu Yoga. Unverrückbar. Menschen in weißem Leinen. Nein, nein, nein. Das ist nicht meins.

Zwar hatte ich schon darüber nachgedacht, ob Yoga mir helfen könnte meine Stimmungsschwankungen in den Griff zu bekommen, meine Ängste vorm Leben abzubauen oder ein bisschen gelassener zu werden. Aber erst mal blieb es bei Überlegungen. Ich war auf den Laufstrecken der Stadt unterwegs und verbrachte meine Mittagspausen lieber in der Kraftecke. Auch als mein Körper mir deutliche Signale sendete, dass mein Sportprogramm viel zu rigide war, übte ich mich lieber in Ignoranz..

Gestählte Großstadt-Yogis

Was mich aber am meisten abschreckte, war mein Eindruck von den Yogis. Hier, in der Großstadt, sind sie in bunten Designer-Leggings, mit makellosem Teint, gestähltem Körper und erhobenen Hauptes auf dem Laufsteg dieser Welt unterwegs. Jede Bewegung eine Geste, jeder Blick ein … Ach, ihr wisst schon, was ich meine. Nein, diesen Stress um ein perfektes Aussehen wollte ich mir wirklich nicht noch zusätzlich machen. Das war mir viel zu anstrengend.

Neues Jahr, neues Glück

Anfang 2014 gab ich mir einen Ruck. „Was wäre die Welt, wenn wir nicht ständig Neues entdecken würden?“ dachte ich und ging das erste Mal in eine Power Yoga-Stunde. Es waren die längsten 90 Minuten meines Lebens. Vor mir stand die Digitaluhr, die sich nur sehr mühsam von einer Minute zu nächsten quälte. Sie hatte es wohl genauso schwer wie ich. Ich hatte das Gefühl diese Stunde geht nie vorbei. Nach 6 Minuten wäre ich am liebsten davon gerannt. Was tue ich hier nur? Meine Matte lag in der ersten Reihe. Es gab kein Entkommen. Ich musste da durch: Om singen, in mich hinein fühlen und ziemlich unbequeme Positionen eine gefühlte Ewigkeit halten. Dazu diese seltsamen Anweisungen? Ich verstand nichts. So ging es mir zwei weitere quälende Yoga-Stunden, die ich mich zwingen musste zu besuchen, in der Hoffnung, meinem rasenden Hirn Ruhe zukommen zu lassen.

Die Macht das Yoga: Ein Schweigen, das das Zuhören möglich macht

Dann, ganz plötzlich, ist es passiert.
Was? Na das, was sprachlich schlecht zu fassen ist. Das, was alle Yogis so an ihrer Praxis lieben: der Kopf ist endlich ruhig geworden. Für immerhin 60 Minuten hat mein Geist mal nicht ständig dazwischen geplappert. Am Ende der Stunde stellte sich eine Erleichterung ein, das Gefühl einmal auf Reset gedrückt zu haben und dann fröhlich und ganz leicht nach Hause zu radeln. Es ist ein anderes Schweigen als das, was sich nach 8 km Laufstrecke einstellt, ein anderes als das, was wir erleben, wenn wir mit maximaler Konzentration Gewichte stemmen. Es ist ein Schweigen, das das Zuhören möglich macht. Was passiert da in meinem Leben eigentlich gerade? Warum fühle ich mich so getrieben und in Panik? Und was haben meine Mitmenschen nur damit zu tun? All diese Fragen und noch viel mehr beantwortet die Zeit auf der Matte. Es ist Zeit, die wir ganz allein mit uns und unserem Inneren verbringen. Klar, es kostet Mut, sich das überhaupt anzusehen und es ist ganz sicher nicht immer einfach. Aber es bringt mich jedes einzelne Mal einen Schritt weiter. Als Yogi sehe ich mich bis heute nicht, obwohl ich mindestens zweimal pro Woche auf der Matte bin. Ich mache Yoga, der spirituelle Rest ist nichts für mich.    

Und die schicken Großstadt-Yogis? Die sehe ich nicht mehr. Ich vergleiche mich nicht mehr. Ich mag mich jetzt ein bisschen mehr selbst. Und ich freue mich über den kleinen runden Mann, der auf der Matte neben mir liegt und mich an meine ersten Stunden erinnert. Geduldig kommt er jede Woche wieder und wartet - wie ich - darauf, endlich alles loszulassen.