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Yoga und die Grenzen der Anatomie
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Grenzen der Anatomie: Probleme mit der Haltung?

Von Kristin Rübesamen

Wie wichtig ist anatomisches Wissen für Yogis?  Welche Rolle sollte die körperliche Ausrichtung in der Praxis spielen? Schützt sie uns oder tyrannisiert sie uns? Wie können wir Anatomie im Hinblick auf eine Yogaerfahrung begreifen, die uns befreit?

Es ist vermutlich unmöglich, die menschliche Anatomie und die Wissenschaft des Yoga zusammenzubringen, auch wenn wir das Wissen aller Yogis, Orthopäden, Internisten, Chiropraktiker, Physiotherapeuten und Gehirnchirurgen zusammentragen könnten. Wir untersuchen hier also nur die Schnittstellen beider "Wissenschaften", sofern sie für uns als Yogis relevant sind.

Anatomie und Ausrichtung

Je nach Yoga-Stil variiert die Rolle, die der Anatomie im Yoga zukommt. Während im Iyengar und Anusara Yoga die anatomische Ausrichtung die Grundvoraussetzung der Asana-Praxis bildet, spielt sie in anderen Methoden kaum eine Rolle.

Für viele Yogis ist eine yogische Erfahrung undenkbar, ohne dass sie ihre Sitzbeinhöcker, den Iliopsoas und die Schulterrotatoren lokalisieren können, für andere bedeutet Yoga Schüttelmeditation á la Osho und Mantra-Singen, oder eine Art Jazzdance mit spirituellem Touch: Wie kann das sein?

Die Antwort liegt im Wort „Erfahrung“: Im Yoga geht es um Erfahrung, und die stellt sich dann ein, wenn Körper, Geist und Seele zusammentreffen, wenn eine Verdichtung von Zeit stattfindet und der Mensch das Gefühl hat, ein tieferes Erleben oder (je nach Geschmack) ein höheres Bewusstsein zu erfahren. Die Yoga-Erfahrung ist also gleichzeitig handfest und abgehoben: sie passiert schwitzend auf der Matte und ist zur selben Zeit überhaupt nicht beschreibbar, sie steht im Lehrbuch und ist dabei völlig subjektiv. Diese Widersprüche machen die Schönheit der yogischen Erfahrung erst aus. Jeder Erfahrung aber liegt dasselbe Bedürfnis zugrunde: Sich selbst näher kennenzulernen und zu verstehen.

Verstehen, nicht korrigieren

Da wir gleichwohl in der Regel das Gefühl haben, „zuviel“ in unserem Kopf zu sein und „zu wenig“ in unserem Körper, gleichen wir diese Schieflage durch eine körperbetonte, kompakte Praxis aus. Wir üben Asanas, die der Lehrer ansagt. Asanas, die uns helfen, kräftig, geschmeidig und klar im Kopf zu werden. Natürlich wollen wir sie richtig machen, um die größte Wirkung zu erzielen. Wir schauen, was der Lehrer macht, denn der Blick auf den Lehrer oder ins Lehrmaterial zeigt: Es gibt anscheinend so etwas wie die richtige Haltung.

Nur: Welche ist die richtige Haltung für uns?

Der Lehrer als Vorbild führt dazu, die Haltung auch selbst „richtig“ ausführen zu wollen. Dagegen ist zunächst nichts zu sagen. Gerade für Anfänger ist es sehr wichtig, zu wissen, dass ein spitzer Winkel im Knie im Krieger 1 das Kniegelenk über Gebühr strapaziert. Es ist wichtig, zu wissen, wie sehr die Füße ein- oder ausgedreht werden müssen, wie der untere Rücken geschützt werden kann, wie man die Schultern, die sich eilfertig nach oben schieben, zurückpfeift, und so weiter.

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Asanas ziehen wir uns aber nicht an wie eine Jeans, die passt oder nicht. Asanas entstehen im Wechselspiel aus Bewegung und Atmung, sie verändern sich stetig, wenn auch manchmal kaum sichtbar. Wir erfahren sie von "innen". Korrektur von außen kann zu harsch sein und dieser Erfahrung gewissermassen die "Luft abschnüren". Sie kann andrerseits auch vor Vorletzungen zu schützen. Um hier zu unterscheiden, sollte jeder Yogi Anfängerstunden gemacht haben und sich nicht stolz gleich in den Fortgeschrittenenkurs zu schummeln. In den meisten Anfängerstunden werden anatomische Basics wie Ausrichtung und auch das Zusammenspiel von Asana und Atmung erklärt.

Entscheidend auf lange Sicht ist sicher die innere Ausrichtung. Da es im Yoga (sorry, wenn wir uns hier wiederholen) darauf ankommt, wie wir uns fühlen, nicht wie wir aussehen, birgt eine dominante anatomische Ausrichtung immer die Gefahr des "Geradebiegens" und unterstreicht unseren Hang zur Perfektion.

Gleichzeitig werden wir von einer Idealvorstellung eingeschüchtert: "Du hast kurze Beine und kannst deine Arme nicht gerade strecken? Schäm’ dich!" Ausrichtung wird zur Korrekturmaßnahme. Zentimeter und Zahlen tyrannisieren uns. Wir lassen uns kleinmachen anstatt zu wachsen. Zerren und zurren wir womöglich an der falschen Stelle?

Basiswissen Anatomie: Wo sind meine Hüften?

Trotzdem ist es gut, für den alltäglichen Asana-Gebrauch anatomisch ein klein wenig den Überblick zu bewahren, und während es für Lehrer eine wesentliche Voraussetzung ist, eine Grundausbildung in Anatomie zu machen, sollten auch Schüler wenigstens eine Idee bekommen, worum es anatomisch geht. Kauft euch ein Anatomiebuch, schaut ab und zu in das Biobuch eurer Kinder oder stellt euch ein Skelett ins Bad.

Wir konzentrieren uns hier zur Einstimmung lediglich auf die Bereiche, die uns statistisch Probleme machen. (Trotzdem herzliche Grüße an die Elle, den Blinddarm, die Netzhaut, die in diesem Artikel nicht vorkommen werden. We love you anyway!)

Knochen: unsere innere Statik

Da es im Yoga darum geht, die Beweglichkeit des Rückgrats zu fördern, schieben sich - denn darunter leiden die meisten Menschen - Rückenprobleme unweigerlich in den Fokus anatomischer Betrachtung. Das beginnt mit den Füßen (Wie ist mein Gewicht verlagert? Rotieren meine Füße von Haus aus nach außen oder nach innen?), über Becken und Hüfte, Schultergürtel und Brust bis zum Schädel.

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Kein Mensch ist gleich gebaut: Wir sind alle schief.

Hilfe, ich habe Scoliosis! Damit bist Du nicht allein. Ungleichseitigkeiten im Körper gibt es bei den meisten Menschen. Aber bedeutet das, den Körper um jeden Preis „gleich“ machen zu müssen oder ist diese Anpassung kontraproduktiv? Wie gerade bedeutet „gerade stehen in Tadasana“?

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Ein diagnostizierter Beckenschiefstand klingt ebenso dramatisch, aber muss nicht bedeuten, dass jemals das Knochengerüst zusammenbricht.

Ein ausgeprägtes Hohlkreuz muss nicht heißen, dass es über kurz oder lang zu Schulterproblemen kommt.

In der Regel wirkt sich die Tatsache, dass wir alle Berufe haben, die wir im Sitzen ausüben, auf Beine (siehe unten) und Wirbelsäule definitiv negativ aus. Deshalb sollten wir uns nicht nach einem Job im Kohlebergwerk oder bei der Kartoffelernte sehen, sondern einfach in der Freizeit einen Ausgleich schaffen. Bewegung in jeder Form hilft.

Gelenke: unsere Dreh- und Angelpunkte

Im Yoga sind alle Gelenke hoch interessant. Auch wenn wir (siehe Knochen) die Gelenke direkt nicht bewegen können, können wir doch ihren Handlungsspielraum erweitern, in dem wir die entsprechenden Bänder und Fasern dehnen. Ein Gelenk ist eine komplexe Angelegenheit. Die Vorstellung, durch Bewegung die Gelenkflüssigkeit im „Fluß“  und dadurch klar zu halten, so dass die Knorpelmasse nicht zunimmt und eine Art „Verkalkung“ eintritt, ist aus medizinischer Sicht sicher ungenügend, aber für die Praxis funktionieren solche Visualisierungen.

Yoga funktioniert dabei sensationell: Alle Kriegerhaltungen zum Beispiel kräftigen die Fußgelenke, die Hüften und den Schultergürtel in einem. Gut geschmierte Gelenke erlauben uns, das gesamte Spektrum unserer Bewegungsmöglichkeit auszukosten, ohne dass wir zu Zirkusakrobaten werden müssen. Auch hier gilt: Bewegen statt belasten. Aber bewegen müssen wir unsere Gelenke, wenn wir uns auch mit 80 noch selbst die Schuhe zubinden wollen, ohne das Rote Kreuz zu holen.

Muskeln: unser Antrieb

Muskeln geraten leicht in Verruf. Zu proletarisch, zu aufgepumpt, ein muskulärer Körper ist wie Sex. Jeder will ihn, aber besser, man spricht nicht darüber. Vor allem im Yoga, wo es doch darum geht, Seelenfrieden und ein höheres Bewusstsein zu erlangen. Dabei sollten gerade wir Yogis wissen, was wir an unseren Muskeln haben. Vermutlich gab es mal eine Zeit, da wir alle mühelos auf einen Baum klettern, auf einem Ast über einen reißenden Fluss balancieren und mit einem kräftigen Kiefer ein (pardon) Stück Fleisch zerlegen konnten, aber heutzutage starren wir doch eher auf einen Bildschirm, und strapazieren das Sattelgelenk (siehe Gelenke), um per App eine Pizza zu bestellen. Unsere Muskeln verschwinden, verhärten, verkürzen und machen uns Kummer.

Rückenstrecker, Bauchmuskeln, Hamstrings, wir brauchen Euch. Denn Muskeln stützen unser Korsett, sie liefern die Energie, die uns am Laufen hält. Sie sind nicht ordinär, im Gegenteil, sie haben fast etwas Mütterliches in der Weise, in der sie uns helfen, den Kopf hoch zu halten anstatt ihn einzuziehen, gerade zu stehen und für uns einzustehen anstatt uns wegzuducken, Verantwortung zu übernehmen und zu schultern anstatt einzuknicken.

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Und, deshalb haben wir sie so lieb, sie helfen uns nach getaner Arbeit, loszulassen. Ohne Muskeln, die ermüden, würde es uns viel schwerer fallen, anzuerkennen, dass wir eine Pause brauchen. Ein Körper, der nach einer herausfordernden Yogapraxis in Savasana, die Entspannung, sinkt, hilft dem Geist, ebenfalls loszulassen. Andersherum: Ohne Muskeln ist Meditation schwerer. Deshalb ist auf dem achtgliedrigen Pfad des Patanjali die Asana Praxis hierarchisch der Meditation untergeordnet.

Oder wie es der Amerikaner Reinhold Niebuhr in seinem legendären Gelassenheitsgebet formuliert hat:

"Gott, gib mir die Gelegenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden"

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