Yoga mit künstlichem Hüftgelenk: Stabil & zentriert im Becken

Neue Hüfte, neue Yogapraxis: Eine künstliche Hüfte bedeutet nicht das Ende deiner Matte - sondern eine Einladung, deinen Körper bewusster zu bewegen. Erfahre, welche Asanas stärken, was du vermeiden solltest und wie du deine Matte wieder voller Vertrauen und mit Freude rockst.

Von Dana Pukowski, Lilla N. Wuttich

Inhaltsverzeichnis

Die gute Nachricht zuerst: Yoga mit künstlichen Hüft-Totalendoprothese (kurz: TEP) ist möglich und definitiv ein wertvoller Teil deiner Heilung. Aber es gibt Grundregeln, die du beachten solltest und Ausrichtungsprinzipien, die dir Stabilität, Sicherheit und Freiheit nach deiner Operation schenken. 

Hüftoperationen sind keine Kleinigkeit, werden aber in der heutigen Zeit minimalinvasiv und routiniert durchgeführt. Menschen lassen sich heute viel früher operieren, um so lange wie möglich durchs Leben zu tanzen. Warum Schmerzen durch den Verschleiß des Knorpels (Osteoarthritis) ertragen, wenn eine Kombination aus bewusstem Yoga und moderner Medizin wieder Lebensqualität schenken kann? 

Der Fokus nach einer Hüft-OP liegt auf Kraftaufbau, Mobilität und Vertrauen in den eigenen Körper.  70 %* der Menschen sind nach einer Hüft-OP wieder schmerzfrei. Tägliches Training und sanfte Yoga-Übungen direkt nach Freigabe deines Arztes fördern deine Rehabilitation. 

Yoga versagt nie. Aber eine Hüft-OP verändert deine Yogapraxis. Nicht, weil weniger möglich ist, sondern weil dein Umgang mit deinem Körper intelligenter, sensibler, achtsamer wird. 

Dieser Artikel richtet sich an Yogalehrende, die Menschen mit künstlicher Hüfte sicher und kompetent begleiten möchten – und an alle Yogi:nis, die vor einer Hüftoperation stehen oder mit dem Gedanken spielen. Vielleicht nimmt er sogar Ängste, räumt mit Vorurteilen auf.

Yoga macht den Körper nicht unverwundbar

„Ein künstliches Gelenk vermittelt immer erst einmal Angst und Verbote. Vielleicht hilft es, den Blick zu ändern, dankbar zu sein für die Möglichkeit der Medizin, Menschen von zermürbenden Schmerzen zu befreien und ihnen so neue Lebensqualität und Beweglichkeit zu ermöglichen. Ein Gelenkersatz ist nicht wie ein eigenes gesundes Gelenk, aber immerhin können viele Menschen damit Dinge tun, die vorher sehr beschwerlich oder gar nicht mehr möglich waren, etwa Asanas zu praktizieren.”

Immer mehr Menschen unter 65 Jahren* entscheiden sich für eine Hüft-OP, darunter auch prominente Yogalehrer:innen. Trotz gesunder Lebensweise können wir alle mit Verletzungen, Verschleiß und strukturellen Problemen konfrontiert werden. Eine lebenslange Yogapraxis macht deinen Körper nicht unverwundbar. Vielmehr bedeutet ein intelligenter Umgang mit deinem Körper, zuzuhören, anzupassen und Stabilität genauso wertzuschätzen wie Beweglichkeit.

Tao Porchon-Lynch war die älteste Yogalehrerin der Welt. 101 Jahre, zwei neue Hüftprothesen und vorbildlich diszipliniert. Sie stand direkt nach der Hüft-OP wieder auf der Matte. Okay, sie ist auch direkt in ihre High Heels geschlüpft. Für sie und Heidi Klum kein Problem, für uns ein absolutes No-Go. Unkontrollierte und plötzliche Bewegungen gilt es auf jeden Fall zu vermeiden. Aber hast du vor der OP bereits Yoga praktiziert und trainiert, wird das deinen Heilungsprozess unterstützen. Lasst uns alle ein bisschen sein wie Tao und nicht nur an die Kraft von Yoga bis ins hohe Alter glauben, sondern es unter allen Widrigkeiten leben.

Eine Hüft-OP ist kein Spaziergang. Sie kann körperlich, emotional und mental ein Wendepunkt sein. Gerade Menschen, die sich über Bewegung definieren oder viele Jahre Yoga Asanas praktiziert haben, werden oft mit ihrer eigenen Verletzlichkeit und sogar Identität konfrontiert. Das Vertrauen in den Körper kann ins Wanken geraten, Gewissheiten verändern sich und die eigene Yogapraxis muss neu gedacht werden. 

Eine künstliche Hüfte verändert deine Identität nicht als Yogalehrende oder Praktizierende. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, Yoga jenseits von Leistung und Bewegungsumfang zu erfahren. Geduld, Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Akzeptanz werden plötzlich genauso wichtig wie Kraft und Mobilität. 

Künstliches Hüftgelenk Illustration

Deine Benefits für Yoga mit künstlicher Hüfte

  • Kraft und Stabilität entwickeln: Gezielte Übungen kräftigen Gesäß (Gluteus), Oberschenkelvorderseite (Quadrizeps), Abduktoren und Beinrückseiten. Das entlastet das Hüftgelenk und sichert den Alltag.
  • Beweglichkeit zurückgewinnen: Tägliche Mobilisation und Dehnungen gewinnen verlorene Bewegungsräume zurück.

  • Körperbewusstsein verfeinern: Yoga schult die Wahrnehmung für Haltung, Ausrichtung und Belastung. Es sichert einen bewussten Umgang mit dem neuen Gelenk – ohne Vorkenntnisse.

  • Vertrauen in den eigenen Körper stärken: Yoga ermöglicht positive Bewegungserfahrungen, stärkt Stabilität und baut Bewegungsängste ab.

  • Postoperative Schmerzen und Spannungen verarbeiten: Yoga beruhigt das Nervensystem, löst Verspannungen und lindert Schmerzen.

  • Innere Balance fördern: Meditation, Yin Yoga, Pranayama, Körperreisen und Klangbäder bauen den emotionalen Stress nach der Operation ab.

  • Lebensenergie und Lebensqualität stärken: Die Praxis wird täglich leichter. Sie reaktiviert Vitalität, Selbstständigkeit und Körperfreude.

Das größte Risiko nach einer Hüft-OP: Luxation

Was du unbedingt nach einer Hüftoperation vermeiden möchtest, ist die Dislokation bzw. Verrenkung deines Hüftgelenks (Luxation). Bedeutet, dass der eigentlich passgenaue Oberschenkelkopf aus deiner individuell zugeschnittenen Hüftpfanne rutscht. Die Wahrscheinlichkeit ist unterschiedlich. Es kommt ganz drauf an, welcher chirurgische Operationszugang gewählt wurde, wie lange deine Operation zurückliegt, welche Bewegungen freigegeben worden sind und wie fit du vorher warst. Vorsicht ist auf jeden Fall immer geboten. Sonst wäre ja die ganze Aufregung umsonst gewesen. 

Vor allem in den ersten 3 Monaten nach der OP gilt es bestimmte Bewegungen im Alltag und im Yoga zu vermeiden. Beim künstlichen Gelenk fehlen die natürlichen Haltebänder. Solange also die Muskulatur noch nicht aufgebaut und das Gelenk stabilisiert ist, möchtest du eine Luxation auf keinen Fall provozieren.

Grundregeln für deine Yogapraxis mit künstlichem Hüftgelenk

Erfahrungsgemäß bewegen sich Menschen nach einer Hüft-OP bereits nach wenigen Tagen, um zügig den Muskelaufbau zu starten und die Beweglichkeit zurückzuerobern. Für die Rückkehr auf deine geliebte Matte gibt es Grundregeln, die du beachten solltest:

  • Freigabe durch Arzt einholen: Sprich über den Wunsch, zu deiner Yogapraxis zurückzukehren bzw. äußere den Wunsch, mit sanftem Yoga beginnen zu wollen. Kläre genau, welche Bewegungsrichtungen für dich noch tabu sind. 
  • Wenig belasten: Dynamische und strenge Yogaeinheiten wie es beim Ashtanga oder Power Yoga üblich sind, haben viel zu viel Intensität. Hatha-, Iyengar- und Anusara Yoga oder Stuhl-Yoga in Kleingruppen mit wenig Belastung sind Yogastile, die dir Zeit für Ausrichtung und Rückzug geben.
  • Langsam praktizieren: So eine Operation ist nicht nur einschneidend, sondern verändert auch das Körpergefühl. Je langsamer du praktizierst, desto besser kannst du die anatomischen Bewegungsrichtungen erspüren und das Feedback deines Körpers wahrnehmen.
  • Körpersignale wahrnehmen: Durch Langsamkeit entsteht Bewusstheit und du bist in der Lage, Unwohlsein und Schmerzen viel früher wahrzunehmen. Alles ist anders, hat sich verschoben und es wäre naiv zu glauben, dass du dort weitermachen kannst, wo du aufgehört hast. 
  • Täglich üben: Disziplin und Dosis sind das Geheimrezept, um bald wieder die Matte zu rocken. Klein anfangen, dafür jeden Tag auf die Matte, um jede Veränderung bewusst zu spüren und die Muskeln täglich an ihre Haltearbeit zu erinnern.

„Je besser deine Körperwahrnehmung geschult ist, desto schneller und leichter baut sich das Vertrauen wieder auf. Die Wahrnehmung ist auch eine Leistung deines Nervensystems. Bereiche, die du nicht spürst oder die der Körper aufgrund von Schmerzen ausgeblendet hat, sind wie ein weißer Fleck auf der Landkarte. Diesen unbekannten Ort im Körper kannst du über die Erarbeitung einer detaillierten Wahrnehmung wieder in das Körperschema eingliedern und beleben.”

Asanas, die du nach der OP vermeiden solltest

 Nicht jede Bewegung ist nach einer Hüft-OP grundsätzlich tabu. Zu vermeiden sind vor allem große und intensive Bewegungsumfänge, Kombinationen aus Hüftbeugung und Rotation sowie ruckartige oder unkontrollierte Bewegungen – im Alltag genauso wie auf der Yogamatte.

Ich sage es mal ganz klar: Wilde Balance-Übungen auf einem Bein eingewickelt in Frischhaltefolie, Hüftöffner zum Staunen, Spagat- und Handstand-Challenges oder akrobatische Übergänge und Dynamik sind jetzt einfach nicht dran. 

  • Außenrotationen in der Hüfte: Heiß geliebte Hüftöffnungen im Yoga sind erstmal raus. Die Gelenksposition ist maximal ungünstig, weil große Hebelkräfte entstehen. Das gilt z.B. für Taube (Eka Pada Kapotasana), Drehsitz (Matsyendrasana), Kopf-zum-Knie-Haltung (Janu Sirsana), Lotussitz (Padmasana), Adler (Garudasana).
  • Innenrotationen in der Hüfte: Häufig unterschätzt, aber genauso mit Vorsicht zu genießen sind starke Innenrotationen. Das gilt z.B. für Heldensitz (Virasana), liegender Held (Supta Virasana) und Kuhgesicht (Gomukhasana).
  • Vorbeugen (Flexion der Hüfte): Bei einer starken Hüftbeugung wird der Oberschenkelkopf weit in der Gelenkpfanne bewegt. Je größer der Beugewinkel, desto höher sind die Kräfte auf das Gelenk. Das gilt z. B. für stehende Vorbeuge (Uttanasana), Kindhaltung (Balasana), tiefe Hocke (Malasana) oder Happy Baby (Ananda Balasana) in der Endposition.
  • Intensive Rückbeugen (Extension der Hüfte): Bei starker Hüftstreckung werden die Strukturen an der Vorderseite der Hüfte deutlich auf Spannung gebracht. Gleichzeitig steigt der Druck auf den hinteren Gelenkbereich. Direkt nach einer Hüft-OP reagieren Kapsel, Muskulatur und Narbengewebe darauf oft noch empfindlich. Deshalb Vorsicht z. B. bei Kamel (Ustrasana) oder Rad (Urdhva Dhanurasana).
  • Komplexe Balance-Haltungen ohne Unterstützung: Das Problem ist hier meist nicht die Haltung selbst, sondern das Risiko unkontrollierter Ausgleichsbewegungen. Gerät das Gleichgewicht ins Wanken, entstehen oft schnelle Dreh-, Beuge- oder Ausweichbewegungen in der Hüfte, die hohe Kräfte auf das noch heilende Gewebe übertragen können. Das betrifft z. B. Tänzer (Natarajasana), Adler (Garudasana), Halbmond (Ardha Chandrasana) oder den Krieger III (Virabhadrasana III).
  • Weite Abduktionen in der Hüfte: Bei einer großen Abduktion entfernt sich der Oberschenkel weit von der Körpermitte. Dadurch entstehen Zugkräfte auf die seitlichen Bänder, die Gelenkkapsel und auf die Abduktoren. Große Grätschen sollten deshalb anfangs vermieden werden. Das gilt z. B. für Grätsche im Stand (Prasarita Padottanasana) oder den Spagat (Hanumanasana).

Stabilität und Freiheit im Yoga mit Hüft-TEP

„Ein unzureichend zentriertes Gelenk gibt niemals das vollständige Bewegungspotential frei, was wir uns im Yoga wünschen. Dein Körper baut eine Art Schutzsperre ein. Unser Nervensystem registriert permanent die Gelenkstellung und wägt ab, ob das sicher ist. Nicht zentriert wird immer als unsicher eingestuft, woraufhin die Beweglichkeit vom Nervensystem nicht freigegeben wird, indem die Muskulatur eine Rest- bzw. Schutzspannung aufrecht erhält."

Dein neues Hüftgelenk braucht keine Heldentaten, sondern Stabilität. Jetzt geht es darum, deine Muskulatur an ihre Haltearbeit zu erinnern und das neue Gelenk sicher im Becken zu verankern. Aber auch dein Gehirn braucht einen Reminder, um die Verbindung zur Hüftmuskulatur neu aufzubauen. 

„Aus den Erkenntnissen der Spiraldynamik® ist die Zentrierung des Oberschenkelkopfes entscheidend, ob ein Gelenk so weit verschleißt, dass eine OP notwendig wird. Sitzt das Gelenk zentriert in der Pfanne, reduziert das die Belastungsspitzen, die auf den Gelenkknorpel einwirken. Die gleiche Größenordnung an Kraft, verteilt auf eine größere Knorpeloberfläche des Oberschenkelkopfes, erzeugt auch eine größere Belastung dieser Knorpelfläche. Das kann im Hüftgelenk ganz schnell mal mehr als 100 kg sein. Ein Knorpel braucht Belastung, um sich zu ernähren, aber eine gleichmäßig verteilte, physiologische Belastung.”

Auf der Matte helfen dir dabei zwei Prinzipien, um den Oberschenkelkopf in der Hüftpfanne besser zu integrieren. Standhaltungen wie z.B. Tadasana, Krieger I und II (Virabhadrasana) oder der seitliche Winkel (Parsvakonasana) sind dafür unsere Lieblinge:

Muskuläre Energie: Stabilität von außen nach innen

  • Stell dir vor, du saugst beide Oberschenkelköpfe in die Hüftpfanne, sammelst deinen gesamten Körper zur Mitte hin. 
  • Die Füße drücken bewusst in den Boden. 
  • Spüre, wie deine Beinmuskulatur aktiviert wird und dein Becken sich zentriert.
  • Stell dir dabei vor, wie deine Muskeln deine Knochen umarmen, ohne Härte. 
  • Spüre, wie deine Hüfte besser gehalten wird. 

Lieben wir, auch ohne Hüft-TEP. Dein gesamtes System spürt Sicherheit und Stabilität.

Innere und äußere Spirale: Raum schaffen und Stabilität aus dem Becken heraus

  • Stell dir vor, deine Oberschenkel drehen sich sehr leicht nach innen.
  • Gleichzeitig schiebst du deine Oberschenkel leicht nach hinten. 
  • Spüre etwas mehr Weite im Becken. 
  • Lass jetzt dein Steißbein sanft zum Boden sinken.
  • Drehe deine Oberschenkel minimal nach außen, ohne den Rest der Ausrichtung zu verlieren. 

Hast du das Prinzip der inneren und äußeren Spirale einmal verinnerlicht, wird dein Yogapraxis auf ein ganz neues Level gehoben. Gerade nach der Hüft-OP, wird dein Hüftgelenk optimal zentriert und die Muskulatur gleichmäßig aktiviert, ohne neue Spannungen aufzubauen.

So unterstützt du dein neues Hüftgelenk optimal

Nicht selten haben Menschen vor der Hüft-OP bereits lange Zeit Schmerzen, muskuläre Dysbalancen, Fehlstellungen in vor- und nachgelagerten Gelenken wie Fuß- und Kniegelenken sowie Wirbelsäule. Alles überträgt sich durch den gesamten Körper. Das neue Hüftgelenk verändert die gesamte Statik im Körper und sortiert dich förmlich von unten nach oben, von oben nach unten neu. 

Deine Yogamatte ist der Ort, wo du neue gesunde Bewegungsmuster erlernst, dir Sicherheit und Stabilität erarbeitest und dein Nervensystem trainierst. Auch wenn wir im Yoga immer die gesamte Kette bewegen, niemals nie isoliert arbeiten, möchtest du bestimmte Muskelgruppen jetzt bevorzugt kräftigen und dehnen:

  1. Kräftigung des Gluteus maximus 
  2. Kräftigung der Hüftabduktoren (Gluteus medius und minimus) 
  3. Dehnung bzw. Erarbeitung der Elastizität der Adduktoren
  4. Aktivierung der Hüftaußenrotatoren 

„Welche Übungen Menschen bevorzugen, um die Muskulatur rund um das Hüftgelenk wieder an ihre Haltearbeit zu erinnern, ist "Geschmackssache". Aber was deine Yoga-Übungen immer beinhalten sollten, sind diese Muskelgruppen. Sind Asanas zu komplex und überfordernd, ist eine Auswahl einfacher Übungen immer gewinnbringender."

Was jetzt fetzt? Zurück zu den Anfängen. Mit der neuen Hüfte willst du ja nicht im Zirkus auftreten, sondern das Vertrauen in deinen großartigen Körper zurückgewinnen. Ganz oben auf unserer Asana-Liste stehen jetzt präzise, ruhige, dynamische Bewegungen. Diese Asanas, verbunden mit den zwei wichtigsten Ausrichtungsprinzipien, lieben dein Nervensystem genauso wie deine Muskulatur. 

Tadasana – die Berghaltung

Weniger wild und stabil geht gar nicht. Übe, dich von unten nach oben und oben nach unten auszurichten. Ziehe alles zur Mitte, integriere und schaffe ein Bewusstsein für die Spirale in deinen unteren Extremitäten, um deine Hüfte zu zentrieren. Tadasana ist perfekt um deine Aufrichtung entlang der gesamten Achse zu schulen und nach der veränderten Statik wieder Vertrauen in den festen Stand auf zwei Beinen zu entwickeln. Beginne vorzugsweise jede Yogapraxis im Stehen mit viel Zeit und Ruhe. 

Stuhlstellung an der Wand (Utkatasana)

Der schweißtreibende Stuhl ist jetzt genau das, was du brauchst. Quasi ideale Basisarbeit für deinen Alltag und Yogamatte. Aber bitte an der Wand für mehr Sicherheit. Hier können dein Quadriceps, dein Gluteus maximus und deine tiefe Rumpfmuskulatur richtig schön arbeiten. 

Schulterbrücke (Setu Bandha Sarvangasana)

Ein wertvoller Alleskönner, um deine große Gesäßmuskulatur und deine Beinrückseiten anzusteuern. Klein anfangen, die Intensität langsam steigern und wiederholen. Diese Asana erinnert deinen Körper wieder daran, den großen Gesäßmuskel und deine Beinrückseiten zu nutzen. Dein Gesäßmuskel ist ein wichtiger Hüftstrecker, den du direkt morgens zum Aufstehen brauchst, für wichtige Treppen zur Erleuchtung und Sprints durch die Gemüseabteilung.

Krieger B (Virabhadrasana II)

Bitte keinen Vollgas-Krieger, sondern vor allem zu Beginn die Standweite der Füße verringern. Aber der Krieger II stärkt die seitlichen Gesäßmuskeln und Adduktoren. Beides wichtig, um deine Hüfte beim Gehen zu stabilisieren. Wende hier wieder das Prinzip muskulärer Energie an, um deinen Oberschenkelkopf stabil in die Hüftpfanne zu integrieren. 

Heuschrecke (Shalabhasana)

Praktiziere langsame Wiederholungen, um die gesamte Körperrückseite aus Gesäß, Beinrückseiten aber auch tiefer Rumpfmuskulatur zu kräftigen. Das hilft dir dabei, deine Hüfte kraftvoll und kontrolliert in die Streckung zu bringen.

Bekomme ich mit einer Hüftprothese endlich meine Yoga-Hüfte?

Hüftgelenke sind keine genormten Kugelgelenke aus dem Baukasten – ihre Form, die Tiefe und Form der Hüftpfanne und die Stellung deines Oberschenkelhalses sind bei jedem Menschen individuell. 

Jetzt könnte man ja glauben, dass die Hüft-TEP die alte Hüfte durch eine „Lotussitz-Version” ersetzt. Hüftprothesen werden so angepasst, dass sie zu deiner Anatomie passen und vor allem stabile, schmerzfreie Bewegungen ermöglichen. Eine “Lotus-Hüfte” mit maximaler Außenrotation im Gelenk kannst du dir nicht bestellen. By the way, genau diese Form des Gelenks wäre ohne deine natürlichen Haltebänder instabil.

Trotzdem erleben manche Menschen nach einer Hüft-OP Bewegungen als neu gewonnen, weil die schmerzhafte und einschränkende Gelenkmechanik verändert wurde. Aber die neue Freiheit entsteht nicht dadurch, dass du plötzlich anatomisch ein anderer Mensch bist, sondern dadurch, dass dein erkranktes Gelenk durch ein künstliches ersetzt wurde. 

Zentral ist im Yoga niemals nie die Frage “Wie weit, wie tief komme ich?”, sondern “Wie bewege ich mich mit meiner künstlichen Hüfte natürlich, gesund und intelligent?”

Interview mit Yogalehrerin und Physiotherapeutin Lilla N. Wuttich

Die Expertin für angewandte Anatomie lebt in Berlin. In ihrer Anatomiewerkstatt bietet Lilla Workshops, Retreats und Ausbildungen für alle Menschen an, die sich für den Körper faszinieren. Was Max Strom für den Atem ist, ist Lilla Wuttich für die Anatomie. 

Liebe Lilla, Spiraldynamik® vermittelt den Grundsatz, dass Stabilität und Beweglichkeit Hand in Hand gehen. Wie würdest du diesen Zusammenhang Menschen erklären, die nach einer Hüft-OP Angst vor Bewegung haben?

Eine Hüftarthrose, die in der Regel einer Hüft-OP voraus geht, bedeutet immer auch Bewegungseinschränkung und Kraftverlust. Beides sollte ausgeglichen werden, weil es einerseits zu mehr Freiheit im eigenen Körper führt, aber auch für die Haltbarkeit der Prothese wichtig ist.

Eine Einschränkung von Stabilität und Beweglichkeit in einem Gelenk hat auch eine Fernwirkung auf andere Körperbereiche. Ist z.B. die Hüft-Streckfähigkeit eingeschränkt, leidet oft die Lendenwirbelsäule. Fehlt es an Hüftrotation, kann sich dies als Einbruch des Fußgewölbes manifestieren.

Die Erarbeitung von Stabilität und Beweglichkeit kann einen wichtigen Beitrag leisten, Defizite aufzuarbeiten und den Bewegungsapparat gesund zu erhalten oder sogar zu heilen.

Viele Yogalehrende möchten Menschen mit einer Hüft-TEP bestmöglich begleiten, sind aber unsicher. Welche drei Dinge würdest du ihnen mit auf den Weg geben?

Die Unsicherheit ist nicht notwendig. Die Teilnehmer:innen mit Hüft-TEP wissen sehr gut, was sie dürfen und was sie nicht tun sollten. Die Grundregel ist sehr einfach: keine forcierten Bewegungen, insbesondere in Beugung und Rotation, kein Ehrgeiz und kein Überschreiten der Körpermittellinie. Stabilität geht vor, im Zweifelsfall lieber etwas weglassen.

Es ist gut, wenn sich Yogalehrer:innen überlegen, wie sie die Asanas, die sie unterrichten, in diesem Sinne anpassen können. Keine gute Begleitung ist es, darauf hinzuweisen, nur so viel und das zu machen, was geht.

Du beschäftigst dich seit Jahren mit funktioneller Anatomie. Woran erkennst du, ob eine Bewegung für ein Hüftgelenk wirklich sinnvoll ist – unabhängig davon, wie die Asana aussieht?

Ein zentraler Aspekt ist, ob ich sehe, dass die Position des Beckens und des Oberschenkels im Einklang mit der Gelenkzentrierung harmonieren. Wir sprechen da auch von einer guten „Überdachung” des Hüftkopfes. Ein Beispiel: In der Stellung Parsvakonasana wird in der Regel gut darauf geachtet, dass das Knie über dem zweiten Zeh ausgerichtet wird und nicht nach innen fällt. Wenn aber der Oberschenkel nicht in der gleichen Linie steht, dann “ploppt” das Hüftgelenk unweigerlich zur Seite raus und ist nicht mehr zentriert. Gute Kenntnisse der funktionellen Anatomie (nicht das reine Faktenwissen) helfen da sehr.

Jede Hüfte und jeder Mensch sind individuell: mit einer eigenen Geschichte, einem eigenen Körpergefühl, Bewegungsmustern und manchmal auch Ängsten. Eine Hüft-OP ist ein wichtiger Schritt – aber Heilung entsteht nicht nur von außen. Sie braucht deine aktive Verbindung zu dir selbst: durch Bewegung, Vertrauen und bewusstes Spüren. Wer vor der OP Yoga praktiziert hat, bringt etwas Wertvolles mit: die Fähigkeit, den eigenen Körper wahrzunehmen, ihm zuzuhören und Schritt für Schritt wieder Vertrauen aufzubauen. Denn am Ende geht es nicht nur um eine schmerzfreie Hüfte, sondern wieder zuhause im eigenen Körper zu sein.

  • Dana Pukowski ist Yogalehrerin, Weltenbummlerin, Projektmanagerin und war 6 Jahre Teil der YogaEasy Familie. Sie unterrichtet Meditation, Vinyasa und Yin Yoga seit mehr als 7 Jahren in Hamburg. Als Unternehmensberaterin fand sie im Yoga das wieder, was sie heute in ihren Yogastunden und Retreats teilt, den Mut zur Pause, das Nichtstun als kreative unerschöpfliche Quelle für Inspiration und Visionen. Dana bummelt um die Welt, liebt Herausforderungen als Projektmanagerin und bereichert unser YogaMag auch heute noch mit ihren yogischen Wortzaubereien.

  • Lilla N. Wuttich ist Physiotherapeutin, Yogalehrerin, Dozentin der Spiraldynamik®, Epigenetik-Coach. Sie bietet Workshops, Retreats und Fortbildungen zu verschiedensten Themen rund um den Körper und Yoga an, darunter die Yogatherapie-Ausbildung nach den Prinzipien der Spiraldynamik®. Lilla vermittelt grundlegendes Körperwissen und versteht es, komplizierte Sachverhalte kompakt und einfach zu erklären. Das theoretische Wissen wird dann mit detaillierter Körperarbeit verinnerlicht und so in die Asanas integriert, das sich eine völlig neue Dimension der Yoga-Praxis eröffnet. Mehr über Lilla erfährst du unter www.lillawuttich.de.

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