Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.

Gratismonat sichern

 

Large comp b cher

Klassiker: Die Anatomie des Yoga

Von Katharina Goßmann

Im Gegensatz zu vielen anderen Formen körperlicher Betätigung geht es beim Yoga nicht darum, „höher, schneller, weiter“ zu kommen. Sondern darum, sich ganzheitlich etwas Gutes zu tun. Die eigenen Grenzen zu erweitern – sie aber nicht aus Ehrgeiz zu überschreiten und dadurch Verletzungen zu riskieren. Viele Yoga-Schüler verlassen sich in dieser Hinsicht auf das Urteil ihres Lehrers. Natürlich kann ein guter Yoga-Lehrer viele Fehlhaltungen erkennen. Trotzdem ist jeder Körper unterschiedlich und bringt individuellen Stärken und Schwächen mit. Deshalb sieht jeder Körper beim Yoga zwangsweise unterschiedlich aus – Vergleiche mit anderen Yogis und Standardlösungen zu Bein- und Armhaltungen sind fehl am Platze.

Die einzige Methode, Yoga sicher zu praktizieren, besteht darin, die Signale des eigenen Körpers wahrzunehmen. Das aber ist oft schwieriger, als man meint. Stärke ich gerade meine Schulterpartie, oder werde ich morgen grauenhafte Nackenschmerzen haben? Fühle ich sinnvollen Stretching-Schmerz, oder überdehne ich gerade meine Sehnen? Bei solch kniffligen Fragen hilft Grundwissen zur Anatomie des Menschen weiter. Die meisten medizinischen Anatomiewerke allerdings überfordern sogar Mediziner und sind inhaltlich schwer auf die komplexen körperlichen Vorgänge beim Yoga zu übertragen. Glücklicherweise gibt es innerhalb der Yoga-Literatur mittlerweile mehrere Bücher zu genau diesem Thema.

Das handliche „Yoga Anatomie“ von Leslie Kaminoff ist erst 2007 in den USA erschienen – und trotzdem schon ein Klassiker. Ein Grund hierfür liegt in der Übersichtlichkeit. Auf 200 Seiten werden knapp 130 grundlegende Yoga-Positionen – teilweise samt ihrer Variationen – beschrieben. Die Asanas sind in mehrere Kapitel unterteilt, je nach ihrem Ausgangspunkt im Stehen, Sitzen, Knien, in Rücken- bzw. Bauchlage oder armgestützt. Kaminoff erklärt in kurzen Absätzen, welche Muskeln und Gelenke jeweils aktiv sind, welche Schwierigkeiten auftreten können und was es zu beachtet gilt, sowie Besonderheiten der Atmung in der Haltung. Dabei scheut er nicht vor medizinischen Begriffen zurück (zu denen sich im Anhang ein erklärender Überblick findet), gibt aber wo immer möglich einer allgemein verständlichen „Umgangssprache“ den Vorzug.
Highlight des Buch sind übrigens die anatomischen Zeichnungen der Grafikerin Sharon Ellis. Sie bilden die aktiven Gelenke und Muskeln so geschickt ab, dass sogar Laien sie zur Analyse der eigenen Übungspraxis nutzen können.
Als Basis stellt Kaminoff den ausführlichen Asanas-Beschreibungen zwei Kapitel zur Dynamik der Atmung und zur Wirbelsäule voran. Hier wird der Vorteil eines Anatomie-Buchs speziell für Yoga-Praktizierende besonders deutlich: Kaminoff integriert sein yogisches Wissen über Konzepte wie Prana und Sukha und wissenschaftlich fundierte Anatomie-Grundlagen und wird so beiden Seiten gerecht.

Deutlich ausführlicher, dafür aber auch unübersichtlicher kommt H. David Coulters „Anatomie des Hatha Yoga“ daher. Das knapp 600 Seiten dicke Werk trägt den Untertitel „Ein Handbuch für Schüler, Lehrer und Praktizierende“, hat aber durchaus einen thematischen Bogen: Der Autor arbeitet sich über die physiologischen Grundlagen des Hatha-Yoga, über Atmung und Becken-/Unterleib-Positionen, Stehhaltungen, Vorwärtsbeugen, Rückwärtsbeugen und Drehhaltungen und das Herz-Kreislauf-System in Kopf- und Schulterstand bis zu Entspannung und Meditation vor. Dabei geht Coulter thematisch derart in die Tiefe, dass etwa der Abschnitt zum Kopfstand gut 50 klein bedruckte Seiten einnimmt. Nicht nur die korrekte Ausführung von Positionen wird detailliert behandelt, der Autor beleuchtet auch Muskel-Skelett-System, Nervensystem und Atmung. Eine sensationelle Informationsdichte, also, allerdings werden Leser ohne anatomisches Vorwissen mit etlichen Passagen zu kämpfen haben.
Leider sind die teilweise zu dünn gestreuten anatomischen Zeichnungen meist auf einzelne Körpergelenke, -muskeln und -organe beschränkt und deutlich weniger Yoga-spezifisch als jene in Kaminoffs Werk.
Dazu passt auch, dass Coulter explizit betont, sein Buch behandele nur von der heutigen Biomedizin anerkannte Konzepte – Prana und Co. müssen also draußen bleiben. Trotzdem ist die tiefe Verwurzelung des Autors in seiner Yoga-Praxis immer wieder spürbar – etwa wenn er zu einem Exkurs ausholt und die Konzepte des Nervensystems und des Geistes im yogischen Sinn einander gegenüber stellt.
Vom Preis-Leistungs-Verhältnis ist „Anatomie des Hatha Yoga“ eindeutig empfehlenswert, allerdings ist das Buch eher für anatomisch interessierte Yoga-Lehrer denn als Lektüre für Yoga-Anfänger geeignet.

Leslie Kaminoff „Yoga Anatomie“, kartoniert, Riva Verlag, 22 Euro

H. David Coulter „Anatomie des Hatha Yoga“, Hardcover, Yoga Verlag, 35 Euro

Katharina Klofat

Zu den Autoren:
Leslie Kaminoff praktiziert seit 20 Jahren Yoga. Er ist Mitbegründer der renommierten New Yorker Breathing Project Yoga Studios, praktiziert Yoga-Therapie und lehrt Anatomie. Kaminoff schreibt für das „Yoga Journal“ und die „New York Times“ über Yoga.

H. David Coulter promovierte 1968 in Anatomie, war lange Anatomieprofessor und Projektleiter für neurowissenschaftliche Forschungsprojekte und praktiziert Yoga seit 1974.