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Bild: Dieter Gurkasch

Yoga im Gefängnis. Dieter Gurkasch im Interview

Von Kristin Rübesamen

YE: Sie sind Mitgründer von YuMiG: Was sich wie Süßigkeiten anhört, ist Yogaunterricht im Gefängnis. Worum geht es Ihnen?

DG: Mit YuMiG geht es mir hauptsächlich darum, meinen ehemaligen Leidensgenossen eine ganz ähnliche Chance zu eröffnen, wie sie sich mir geboten hat: durch Yoga und Meditation in einer sehr belastenden Lebenssituation einen Neuanfang im Leben zu finden. Aber natürlich ist der Ansatz von YuMiG noch viel umfassender, denn Strafvollzug und Gefangenschaft sind ganz grundlegende Themen unserer Gesellschaft Yoga ist ein Werkzeug, mit dessen Hilfe wir zu innerer Freiheit finden können –Wo könnte es hilfreicher eingesetzt werden als in der Gefangenschaft?

Wie ist die Resonanz im Gefängnis? Bei den Insassen?

Die Resonanz unter den Gefangenen ist erstaunlich gut: Menschen, die im Gefängnis sitzen, sind sich dessen bewusst, dass sie im Leben gescheitert sind. Oftmals kommt in der Extremsituationen der Gefangenschaft die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Außerdem geht es Menschen, die unter sozialer Deprivation leiden, und nichts anderes bedeutet Gefangenschaft ja, in der Regel nicht besonders gut – sowohl physisch wie auch psychisch – und da suchen sie nach Möglichkeiten der Erleichterung. Yoga bietet dies durchaus.

Bei den Behörden?

Justizvollzugsanstalten befinden sich oftmals in einer ziemlichen Zwickmühle: Behandeln sie die Gefangenen freundlich, so wird in der Boulevardpresse gerne von „Hotelvollzug“ gesprochen. Sind sie dagegen eher streng, wird ihnen totalitäre Menschenfeindlichkeit vorgeworfen. Unter diesen Vorbedingungen stehen die Justizvollzugsanstalten Neuerungen sehr oft kritisch gegenüber. Auf der anderen Seite ist Yoga inzwischen vollständig in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland angekommen, mehr als sechs Millionen Deutsche praktizieren Yoga, und unter ihnen sind durchaus auch Entscheidungsträger innerhalb der Justiz. Zudem ist vom Bundesverfassungsgericht in den letzten Jahren mehrfach klargestellt worden, dass eine der Hauptaufgaben des Strafvollzuges die Resozialisierung durch Therapie sein soll – und Yoga ist ohne Zweifel  durch fundierte Studien nachgewiesenermaßen ein äußerst wirkungsvolles Therapie-Instrument.

Wie viele Lehrer unterrichten momentan in deutschen Gefängnissen? 

Das kann ich nicht genau sagen! YuMiG e. V. hat zurzeit etwas mehr als 40 Mitglieder – davon unterrichten mehr als die Hälfte in Gefängnissen. Doch es sind ja nicht nur YuMiG-Mitglieder, die in Deutschland in Gefängnissen unterrichten. Es gibt auch sehr viele Initiativen in Deutschland, meistens in eigener Initiative einzelner Yogalehrern, die Yoga in Gefängnisse bringen und noch nicht YuMiG e. V. beigetreten sind.  Wir versuchen, alle Yoga- und Meditationslehrer, die bereits in Gefängnissen unterrichten, unter einem Dach zu vereinen, damit wir dann als gemeinnütziger Verein auf die Institution Strafvollzug zugehen können, um dort unsere Angebote zu offerieren.

Was muss ein Yogalehrer, der im Gefängnis unterrichtet, können, was ein Yogalehrer in einem Fitnesscenter nicht können muss?

Ein Yogalehrer ist eine ausgebildete Fachkraft – auch in einem Fitnesscenter arbeitet er mit Menschen, genauso wie im Gefängnis. Die Entscheidung, ob ich als Yogalehrer im Fitnesscenter oder im Gefängnis anleiten möchte, wird in der Regel ja nicht verstandesmäßig getroffen, sondern entsteht aus einem Wunsch des Herzens heraus. Sofern dies der Fall ist, wird ein Yogalehrer aller Voraussicht nach mit der nötigen Achtsamkeit an die Arbeit im Gefängnis herangehen. Wir haben uns auch aus diesem Wunsch zusammengefunden und den Verein gegründet, um Menschen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, die Yoga und Meditation in die Gefängnisse bringen wollen.

Gibt es Kriterien hinsichtlich Alter, Geschlecht oder Charakter für die Lehrer?

Nein.

Worin besteht die Herausforderung genau?

Zum einen darin, sich mit dem eigenen Wertesystem auseinanderzusetzen, also nur die Menschen zu sehen, die man im Gefängnis anleitet und nicht deren Straftaten.

Zum anderen besteht die Aufgabe darin, sich berühren zu lassen – bereit dafür zu sein, sich den Traumata der Gefangenen zu öffnen, bereit zu sein, sich das Herz immer und immer wieder brechen zu lassen.

Die meisten Lehrer in Gefängnissen arbeiten ehrenamtlich. Worin liegt die Befriedigung für die Lehrer?

In den allermeisten Fällen darin, sehr deutlich zu erleben, dass in jedem einzelnen Menschen ein wunderbarer, liebenswerter Kern zu entdecken ist.

Wie verhindern Sie bei YuMiG e. V., dass neugierige und schaulustige Kandidaten sich als Lehrer bewerben?

Selbstverständlich lässt sich das nicht verhindern – in der Regel bedarf es aber viel Geduld und eines großen Maßes an Einsatz, bis man endlich als Yogalehrer im Gefängnis ankommt. Neugierige und schaulustige Kandidaten werden dieses Maß an Geduld in der Regel nicht aufbringen.

Wer hält durch, wer bricht ab?

Von den Lehrern halten die allermeisten durch – sehr oft interessieren sich Menschen für die Arbeit im Gefängnis, die sowieso schon vielfältig engagiert sind. Dabei kommt es dann immer wieder vor, dass nicht wirklich viel Zeit für die Anleitungen im Gefängnis übrig bleibt – das sind die eher seltenen Fälle, in denen Yogalehrer dann wieder aufhören.

Sie haben gerade eine Ausbildung mit geleitet für Lehrer, die in Gefängnissen unterrichten wollen. Was wurde genau unterrichtet?

Der Fokus war hauptsächlich auf den Umgang mit traumatisierten Menschen gerichtet. Des Weiteren gab es einen Austausch bezüglich der Erfahrungen, die bisher in den USA und hier in Deutschland bei der Yogaanleitung von Gefangenen gemacht wurden.

James Fox (Yoga Prison Project/USA) sagt, das man im Knast die spirituellen Anteile des Yoga besser weglassen sollte. Was denken Sie darüber?

Ich bin der Meinung, dass man dies sehr von der jeweiligen Situation abhängig machen sollte. Auch ich bin der Meinung, dass Anleitungen im Gefängnis eher nicht zu stark auf spirituelle Inhalte ausgerichtet sein sollten, wie es in manchen Yogastudios der Fall ist. Auf der anderen Seite bedeutet Yoga, die Technik zu verinnerlichen, und im Prozess der Verinnerlichung tauchen in der Regel spirituelle Fragen auf – auch bei gefangenen Menschen. Diese Fragen wollen beantwortet werden. Dies in die Anleitungen einzubauen, wird in der Regel sehr viel Fingerspitzengefühl erfordern – es ist aber durchaus möglich.

Er sagt auch, dass Gefängnisinsassen die hingebungsvolleren Schüler sind … Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht?

Auch hier möchte ich lieber nicht verallgemeinern – es ist aber ganz eindeutig so, dass Menschen, denen Yoga eine ganz besonders große Hilfe ist, sich dann auch sehr intensiv damit beschäftigen. Einen solchen Menschen könnte man dann schon als einen „hingebungsvollen Schüler“ bezeichnen. Und selbstverständlich kann Yoga für Menschen in der oftmals ausweglos erscheinenden Situation der Gefangenschaft eine sehr große Hilfe sein.

Wie sind Ihnen die Insassen beim ersten Yogaunterricht in der JVA Fuhlsbüttel, bekannt als „Santa Fu“ begegnet? Und heute?

Als ich meine erste offizielle Yogastunde in Santa Fu gegeben habe, war ich ja bereits seit langen Jahren der im ganzen Knast bekannte „Yoga-Spinner“: Diejenigen, die in meine Stunde gekommen sind, sind gerade deswegen gekommen, weil sie die Technik erlernen wollten, die es mir ermöglicht, immer so gut gelaunt den Gefängnis-Alltag zu bewältigen.

Heute ist es so, dass ich eindeutig einer von „ihnen“ bin, dass wir die gleiche Sprache sprechen, dass ich einen sehr guten Zugang zu den allermeisten inhaftierten Menschen habe.

Wer kommt? Darf überhaupt jeder, der möchte, teilnehmen?

In der Regel kommen zum Yoga-Unterricht die Menschen, in denen schon ein recht hohes Maß an Wandlungsbereitschaft vorhanden ist – sei es durch Einsicht oder aber auch dadurch, dass es ihnen physisch oder psychisch sehr schlecht geht.

In den meisten Fällen, darf teilnehmen, wer will – es gibt aber auch immer wieder Fälle, wo manchen der Zugang verwehrt wird. Eben weil Yoga als „Freizeitangebot“ gewertet wird, und somit als Vergünstigung – auch das würde sich ändern, wenn Yoga als niederschwelliges Therapieangebot etabliert werden würde.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männer und Frauengefängnissen?

In Deutschland sind nur 7 % der inhaftierten Menschen weiblich. In unserem Land dauert es relativ lange, bis eine Frau eingesperrt wird. Diejenigen, denen dieses Schicksal zuteil wird, sind in der Regel schwer traumatisiert. Sehr oft denken ja weibliche Yogalehrer, die gerne im Gefängnis unterrichten möchten, dass sie, quasi zum Ausprobieren, erst mal in einem Frauengefängnis anfangen möchten. Die Erfahrung zeigt aber, dass dies in der Regel der schwerste Weg ist. Nichtsdestotrotz wird er oftmals gewählt, und dies sehr oft auch mit großem Erfolg.

Werden auch Vollzugsbeamte unterrichtet?

In den deutschen Justizvollzugsanstalten wurde schon mehrfach versucht, Yoga als Gesundheitsfürsorge für die Bediensteten anzubieten – mit eher mäßigem Erfolg. Ich weiß von einem Gefängnis, in dem dies noch stattfindet, ansonsten gilt es da, ein weites Feld zu bestellen.

Wie reagieren die Insassen, die kein Yoga machen, auf die Yogis?

Genau so, wie Menschen, die keine Ahnung von Yoga und seiner Auswirkung haben, eben auf Yogis reagieren – sie verstehen es nicht, und amüsieren sich deswegen meistens darüber. Was allerdings fast nie lange andauert, weil sie bald feststellen, dass Yogis mit all den Situationen, die sie unglaublich viele Nerven kosten, erheblich entspannter umgehen.

Wie hat Ihnen Yoga persönlich geholfen, in einer völlig veränderten Welt wieder Fuß zu fassen?

Meine tägliche Yogapraxis war für mich eine der festen Größen, als ich mich nach meiner völlig unvorbereiteten Entlassung in einer stark veränderten Welt wiedergefunden habe. Es war eine tägliche Routine, die mir aber nicht nur durch ihre Struktur geholfen hat, weitere Struktur in meinen Tagesablauf zu bringen, sondern auch beständig als positive Kraftquelle diente. Yoga war quasi mein Anker und auch der Motor, den ich brauchte, um mein Ziel, Yoga in die Gefängnisse zu bringen, vom Plan in die Tat umzusetzen.

Haben Sie ein Smartphone, ein Ipad, sind Sie auf Facebook?

Ja, ich habe ein Smartphone – und kann damit auch recht gut umgehen. Direkt nach meiner Entlassung habe ich mir mehrere Monate Zeit dafür genommen, mich mit dem Internet, mit meinem Smartphone und mit Facebook auseinanderzusetzen. Mir war vollkommen klar, dass ich das Netzwerk, das mir vorschwebte, ohne diese Medien nicht würde aufbauen können.

Das Interesse an Ihrem Schicksal, Ihrer Karriere – wie wichtig ist das für Sie?

Es ist tatsächlich so, dass ich durch mein Engagement für YuMiG e. V. relativ bekannt geworden bin … was allerdings zu oftmals nicht positiven Reaktionen führt. Sie können sich gerne mal die Kommentare auf Facebook auf der Seite von Maischberger ankucken oder die Reaktionen auf den Artikel in der „Welt“: Das zeigt sehr deutlich, wie sehr viele Menschen auf meine öffentlichen Auftritte reagieren. Die Menschen reiben sich an meiner Geschichte, und dies nutze ich ganz gezielt dafür, um das Interesse auf Yoga im Gefängnis zu lenken. Mir war von Anfang an vollkommen klar, dass ich mich damit auch großer Kritik aussetzen werde. Aber mein Schicksal hat mir dieses Werkzeug in die Hand gespielt, um aus all der ehemaligen Destruktivität in meinem Leben dann letztlich doch noch etwas Positives und Konstruktives bewirken zu können.

Was macht Sie glücklich?

Zu erleben, wie ich durch dem bewussten Umgang mit meiner Lebensgeschichte sehr vielen verzweifelten Menschen Hoffnung geben kann.