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Bild: YogaEasy.de

Yoga für schwerhörige und taube Menschen

Von Betty Schätzchen

Nach einer Schätzung aus dem Jahre 2011 durch den Deutschen Schwerhörigenbund e.V.* sind etwa 12-13 Millionen Menschen in Deutschland hörgeschädigt. Der Bereich der Hörschädigung umfasst die leicht- bis hochgradige Schwerhörigkeit sowie die Taubheit. Ich zähle die Menschen mit einem CI, einer Hörprothese (Cochlear Implant), dazu. Mit dieser Hörprothese können sie zwar zum Teil komplett hören, aber ist diese Prothese ausgeschaltet, defekt oder die Batterie leer, sind diese Menschen taub. 

Schwerhörigkeit und Taubheit

Je nach Grad und Art der Schwerhörigkeit ist es diesen Menschen möglich zu hören. Diese Menschengruppe nimmt ihre Umgebung durch das Hören und/oder Ablesen von den Lippen wahr. Andere wiederum beherrschen neben dem Hören zusätzlich die Gebärdensprache.

Taube Menschen kommunizieren hauptsächlich über ihre Gebärdensprache. Die Wahrnehmung ihrer Umwelt erstreckt sich darüber hinaus, in dem sie neben der Gebärdensprache auch die Mimik und Gestik der Umgebung deuten und darüber kommunizieren. Es gibt taube Menschen, die von den Lippen lesen können, doch die Mehrheit bevorzugt ihre Gebärdensprache.

Warum Yoga schwerhörigen und tauben Menschen gut tut

Hörgeschädigte Menschen kämpfen mit der größten Herausforderung, der hörenden Welt gerecht zu werden, mit ihr zu kommunizieren, sich an sie anzupassen. Die Gesellschaft suggeriert diesen Menschen, dass Schwerhörigkeit und Taubheit etwas ist, was man korrigieren müsse. Sie verlangt direkt und indirekt von ihnen, die Identität eines Hörgeschädigten aufzugeben und nach dem Optimum der Identität eines Hörenden zu streben. 

Das ist ein enormer Druck, der auf hörgeschädigten Menschen lastet. Wenn hörgeschädigte Menschen in meinen Unterricht kommen, spüre ich wie eine schwere Last von ihren Schultern weicht. Ich spüre, dass sich diese Menschen öffnen, dankbar sind und so sein dürfen wie sie sind. 

In den letzten Jahren habe ich viele Hörgeschädigte begleitet und mit Freude beobachten dürfen wie Yoga sie über die Jahre mehr und mehr verändert hat. Sie sind stärker geworden, weil sie sich ihren eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Werten bewusster sind. 

Aufgrund der Besonderheit Hörschädigung beanspruchen schwerhörige und taube Menschen ihre Sinne stärker. Häufig führt es zur schnellen Erschöpfung, Konzentrationseinbußen und Müdigkeit. Auf längere Sicht können diese Symptome sich verschlimmern bis hin zu Depressionen, Burn-Out, Tinnitus und Hörsturz. Yoga schafft die Verbindung zu einem selbst. Es unterstützt den hörgeschädigten Menschen darin sich seiner Besonderheit klar zu werden, sie anzuerkennen und sich zu fragen: Wer bin ich? Was sind meine Stärken? Wo sind meine Grenzen? Was kann ich verändern? 

Yoga hilft, sich selbst zu befragen, selbst zu handeln. Dadurch kommt der schwerhörige oder taube Mensch sich selbst näher. Er schafft es selbstbewusster und stabiler mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

Der besondere Yogaunterricht für schwerhörige und taube Menschen

Aufgrund der unterschiedlichen und besonderen Wahrnehmung ihrer Umwelt brauchen hörgeschädigte Menschen einen anderen, besonderen Yogaunterricht. Einen Unterricht, der genau auf ihre Bedürfnisse und Sprache abgestimmt ist. 

1. Ein großer, quadratischer Raum

Hörgeschädigte brauchen diesen Platz, so dass jeder Teilnehmer den Yogalehrer gut sehen können.

Die Platzierung der Yogamatten erfolgt in 2 möglichen Anordnungen:
In einer Halbkreisform
Der Yogalehrer positioniert sich am Rand des Raumes und die TeilnehmerInnen im Halbkreis um ihn herum.
In einer Dachform
Der Yogalehrer positioniert sich am Rand des Raumes und die TeilnehmerInnen in einer Dachform um ihn herum.

2. Der Yogalehrer an (s)einem Platz

Schwerhörige und taube Menschen müssen von ihrer Position aus den Yogalehrer gut erkennen können. Daher ist es wichtig, dass der Yogalehrer nicht durch den gesamten Raum geht und dabei spricht. Sein Bewegungsradius sollte klein bleiben. Das gilt insbesondere für Erklärungen und Anleitungen theoretischer Art. 

3. Erklärung der Praxis aus verschiedenen Blickrichtungen verdeutlichen

Wenn der Yogalehrer Yoga-Asanas demonstriert, so ist es erforderlich, dass diese mindestens zweimal gezeigt werden. Nach jeder Demonstration wiederholt der Yogalehrer diese Übung in einer anderen Position. So haben hörgeschädigte Menschen die Möglichkeit die Übungen und Abläufe mehrdimensional zu erfassen.

4. Gemeinsam praktizieren

Besonders wenn es um Übungsabläufe wie z.B. die Sonnengrüße geht, wird empfohlen, dass der Yogalehrer mit den TeilnehmerInnen gemeinsam praktiziert. So können diese Menschen den Ablauf in der Bewegung noch mehr verinnerlichen. 

5. Gute Ausdauer und Kondition des Yogalehrers

Der Yoga-Unterricht für schwerhörige und taube Yoga-Anfänger erfordert ein großes Maß an Ausdauer, Kondition und Konzentration seitens des Yogalehrers. Ganz besonders, wenn der Lehrer Yogaformen unterrichtet, die sich auf die aktive Körperarbeit konzentrieren. 

Hörgeschädigte Yoga-Anfänger brauchen besonders am Anfang intensive Anleitung, um das Wissen tief und nachhaltig zu festigen. Ist das Wissen einmal verinnerlicht, so kann der Folgeunterricht mit kurzen Andeutungen der Yoga-Asanas oder „Kurzbefehlen“ fortgeführt werden.

6. Welche Sprache? 

Viele schwerhörige und taube Menschen sind auf die deutsche Gebärdensprache angewiesen. Der Yogalehrer sollte Gebärdensprachkenntnisse mitbringen. Eine gute und klare Mimik und Gestik unterstützt die Kommunikation mit hörgeschädigten Menschen. Wichtig ist, den Schülern direkt ins Gesicht zu schauen. Eine langsame und deutliche Aussprache erleichtert schwerhörigen Menschen das Lippenlesen.

7. Einblick in die schwerhörige und taube Kultur und Welt 

Die Besonderheit Yoga für Hörgeschädigte zu unterrichten liegt auch darin, sich mit ihrer Kultur auseinander gesetzt zu haben. Schwerhörige und taube Menschen haben ein anderes Sprachverständnis und somit eine andere Wahrnehmung und folglich andere Bedürfnisse. Selbst Redewendungen und Humor unterscheiden sich von der hörenden Welt. Es sind diese kulturellen Feinheiten, die ein Yogalehrer beachten bzw. im optimalen Fall mitbringen sollte.

Ein Artikel von unserer Gastautorin Betty Schätzchen.

*Quelle: http://www.schwerhoerigen-netz.de/RATGEBER/SCHWERHOERIGKEIT/STATISTIK/statistik2011.pdf