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Was taugt eine 200 Stunden Yogalehrer-Ausbildung?
Bildquelle: Istockphoto.com

In 200 Stunden zum Yogalehrer?

Von Kristin Rübesamen

Ein paar Meter entfernt stehen Webdesigner aus Stockholm und checken ihre Smartphones, ob sie auch richtig sind. Eine junge Obdachlose kauert vor der Berliner Sparkasse. Rucksacktouristen aus Kalifornien öffnen einen Energy-Drink. Gegenüber kaufen sich ein paar Musiker in der Pizzeria xy noch schnell ein Stück Schinken/Käse, und aus dem Hofeingang torkelt eine Dame im Pelzmantel.

Hermann Traitteur sitzt auf seiner Fensterbank, den Blick auf die Straßenkreuzung gerichtet.  Hier am Rosenthaler Platz, in Berlin Mitte, wo sich die Wege von Berlins internationaler Bohème und derer, die statt im Penthouse in der Platte wohnen, ist auch „Yoga Mitte“, Berlins wichtigste Adresse für Iyengar Yoga, zu finden. Ihr Gründer, Dr. Hermann Traitteur, Arzt und Yogalehrer seit vielen Jahren, ist nicht nur Organisator der Iyengar-Ausbildung, sondern unterrichtet im Rahmen einer solchen Anatomie und Physiologie und ist zusätzlich im Verband Prüfer, ist also auf verschiedenen Ebenen tätig.

Wie er auf der Heizung im Laden des Studios sitzt, sein neues Buch bescheiden auf dem Schoß, verbreitet er Ruhe und Klarheit. Räucherstäbchen, die Farbe Rosa, Superfood und sonstigen Esokram wird man hier vergeblich suchen. Ehrgeiz, Eitelkeit und Geltungsdrang? Schwer zu sagen, aber sicher nicht auf den ersten, und auch nicht auf den zweiten Blick. Dabei hätte er allen Grund. Es gibt nur eine Handvoll Yogis in Deutschland, die sein Wissen besitzen. Also ist er der Richtige, um ein paar wesentliche Fragen nach der Qualität von Yogalehrerausbildungen zu stellen. Denn es gibt heute Yogalehrerausbildungen an jeder Ecke.

YE: Der Yogalehrerberuf ist nicht geschützt und genauso wenig die Ausbildung. Sollte man die 200 Stundenausbildungen, die man heute überall machen kann, verbieten?

HT: Zumindest sollte man darüber aufklären, dass das Ausbildungen sind, die zum Beispiel niemals von Krankenkassen anerkannt werden. Alles, was unter 500 Stunden liegt, da sollte man wirklich kritisch sein.

YE: Komisch, dass ausgerechnet in Deutschland gar keine Regulierungen vorliegen. Bist Du für einen Yoga-TÜV?

HT: Das ist ein zwiespältiges Thema. Die vorhandene Beschreibung der diversen Ausbildungen über die Stundenzahl ist gar nicht so schlecht. Darüber hinaus wäre es ganz gut, sich auch inhaltlich über die einzelnen Yogarichtungen Gedanken zu machen. Im Iyengar-Yoga begegnen wir der Frage nach der Qualitätskontrolle durch ein recht komplexes Level-System. Das ist einerseits gut, weil man so ständig dran bleibt, andrerseits entsteht auch die Gefahr, das eine Eigendynamik entsteht, Konkurrenz und Nebeneffekte, die man lieber vermeiden möchte.

YE: Von außen betrachtet, wird im Iyengar Yoga ein unglaublicher Aufwand betrieben. Was zeichnet eure Lehrerausbildung aus, die als Goldstandard gilt?

HT: Sie dauert drei Jahre, einmal im Monat ein Wochenende, dreimal im Jahr eine Woche, das sind insgesamt über drei Jahre verteilt 1000 Unterrichtseinheiten - kurz, es ist eine lange und intensive Ausbildung.

YE: Nichts, was man in den Sommerferien schnell nebenbei erledigen kann?

HT: Nein.

YE: Was kostet eine Ausbildung zum Iyengar-Yogalehrer?

HT: Etwas über 6000,- Euro.

YE: Das gleiche kann man ohne weiteres in Amerika für eine vierwöchige Ausbildung bezahlen.

HT: Ich finde die Iyengar-Ausbildung günstig für das, was man bekommt. Wenn ich es vergleiche mit Ausbildungen im medizinischen Bereich, ist es sehr günstig. Aber es kommt natürlich darauf an, wie viel Geld man zur Verfügung hat. Aber der finanzielle Aufwand ist, finde ich fast, geringer als der zeitliche.

YE: Welche Rolle spielen Praxis und Theorie?

HT: Hauptfokus liegt in der Praxis wirklich in den ersten beiden Jahren auf dem Üben. Die Schüler müssen üben, üben, üben, und dann geht es langsam ins Unterrichten und Reflektieren hinein. Parallel dazu wird das theoretische Wissen vermittelt, zum Beispiel Philosophie und Anatomie. Drei Jahre ist eine lange Zeit, da kann man eine Menge lernen. Am Ende gibt es eine große, vom Verband organisierte Prüfung mit theoretischem Teil, Praxisteil und auch einer Lehrprobe.

YE: Warum, mal etwas provokant gefragt, muss man bei einer Technik wie Yoga, die Körper und Geist verbinden möchte, soviel lernen? Warum kann man sich nicht auf seine Intuition verlassen? Oder wenigstens auf eine flotte Playlist?

HT: Die Intuition, oder sagen wir, die Erfahrung, die man als Lehrer sammelt, ist sehr wichtig. Auf der anderen Seite wird man im Unterricht auch manchmal gefragt als Lehrer, ein theoretisches Korsett ist für den Lehrer auch eine gute Unterstützung. Das praktische und theoretische Wissen sollten sich im Idealfall gegenseitig fördern.

YE: Ist es hinderlich, im 21. Jahrhundert, im Zusammenhang mit einer Karriere als Yogalehrer vom „Yogaweg“ zu sprechen?

HT: Warum?

YE: Für viele Leute ist es die zweite Ausbildung, die sie machen. Hat man da als Ausbilder nicht immer auch mit Enttäuschungen zu tun?

HT: Aber genauso auch die Lebens- und Berufserfahrungen. Am Ende macht es dann den guten Yogalehrer aus, was dann persönlicher Vorgeschichte auf welche Weise in den Unterricht mit einfließt.

YE: Bei euch muss man sich für eine Ausbildung bewerben. Was für äußere Bedingungen gibt es?

HT: Generell ist es gut, nicht zu alt zu sein. Es kommt natürlich darauf an, wie lange jemand schon übt, ob es körperliche Probleme gibt, wie die Praxis ist, wenn jemand da erst anfängt und nicht mehr jung ist: da raten wir den Leuten eher ab und sagen, übe doch für dich, das ist doch auch wunderbar. Auch da gibt es natürlich Ausnahmen.

YE: Gibt es eine Altersgrenze?

HT: Also, 50 finde ich schon schwierig, über 60 würde ich es nicht empfehlen.

YE: BKS Iyengar hat unterrichtet, bis er über 90 war. Ist man denn irgendwann zu alt zum Unterrichten?

HT: Nein. Aber wenn man spät anfängt und dann vielleicht denkt, ach, dann unterrichte ich Senioren, sollte man wissen, dass man gerade für Senioren, um ihnen wirklich helfen können, richtig fit sein muss, man muss sie halten können, man muss richtig viel über den Körper wissen, weil jeder zehn Probleme hat.

YE: Für viele dieser Instant-Ausbildungen ist die einzige Bedingung, dass man sie bezahlen kann. Ihr dagegen lehnt sogar Leute ab. Wen?

HT: Wir unterhalten uns mit den Anwärtern und entscheiden dann. Es klingt doof, aber es ist wichtig, ehrlich miteinander zu sein. Da wir eine kleine Gruppe sind, müssen wir darauf achten, dass es niemanden gibt, der die Gruppe sprengt. Auch neben menschlichen können körperliche Einschränkungen eine Rolle spielen. Wenn jemand tatsächlich kaum eine Asana selbst üben kann, macht es wenig Sinn, dass er Lehrer wird. Es gibt aber auch immer wieder die Situation, dass wir sagen: Lass es uns versuchen. Und dann kommt man nach einem halben Jahr zu dem Schluss, dass es keinen Sinn ergibt oder aber eben doch und dann macht man erst einen festen Vertrag.

YE: Viele Leute aus kreativen Berufen, Schauspieler und Künstler drängt es, Yogalehrer zu werden. Wie groß darf das Ego sein für diesen Beruf?

HT: Ich weiß, was du meinst, aber diese Leute haben wir hier nicht so. Iyengar Yoga ist ja etwas trockener und sehr technisch. Wir haben gar nicht so diese Bühne. Wichtiger als das Ego ist vielleicht die Geduld, die verlangt ist. Nach der Ausbildung brauchst du mindestens noch mal drei Jahre, fünf oder sogar zehn Jahre, um Erfahrung zu sammeln, bis das Ganze läuft. Je nach dem auch, wie man begabt ist.

YE: Was für ein Talent braucht man, um Yogalehrer zu werden, oder umgekehrt: was kann man nicht lernen?

HT: Ich nenne mal zwei Extreme. 1. Jemand übt wahnsinnig schön, hat einen „einfachen“ Körper und vielleicht auch eine schnelle Auffassungsgabe. Der ist möglicherweise relativ schnell ein guter Lehrer, aber er macht nicht die Erfahrung, wie es ist, sich schwer zu tun beim Üben. 2. Das andere Extrem ist jemand, der einen schwierigen Körper hat, vielleicht Probleme mit der Orientierung und überhaupt dem Verstehen, aber dadurch gerade einen starken Willen entwickelt, derjenige braucht natürlich länger, aber möglicherweise ist dieses oder dieser dann der bessere Lehrer, weil der Weg steiniger war und auf diese Weise das Einfühlungsvermögen für die, die es auch nicht so leicht haben, stärker ist. Da bin ich wirklich immer überrascht von Leuten, die eine Ausbildung anfangen, und man denkt, tolle Praxis, und dann machen die das auch irgendwie ok, oder aber man denkt, Katastrophe, oder die werden phantastische Lehrer. Da freue ich mich richtig darauf, mich immer wieder überraschen zu lassen, wie sich Leute entwickeln können.

YE: Bekommt denn jemand, der bei Euch die Ausbildung macht, auch einen Job?

HT: In Berlin ist es natürlich schwierig, aber wer Lust hat und unternehmenslustig ist, kann hier natürlich auch noch Bezirke finden, in denen es noch gar keinen Iyengar Yoga gibt, selbst im Wedding oder Moabit-Tiergarten ginge das. Für Leute, die aus anderen Städten, wo es gar nichts gibt, kommen und dort dann etwas aufziehen wollen, ist der Anfang natürlich hart, aber dann hast du ganz andere Möglichkeiten.

YE: Was lernst Du denn gerade?

HT: Wenn man Yoga übt, lernt man immer weiter. Mich interessieren immer wieder die Sutren, auch die Yoga-Therapie. Außerdem schreibe ich wieder ein neues Buch über Physiologie zusammen mit einer Kollegin, die Internistin ist. Und dann... schwimme ich gerade sehr gerne.

Vielen Dank für das tolle Gespräch Hermann!

Hermann Traitteur Yogalehrer-AusbildungUnd hier möchten wir Euch unbedingt das neue Buch von Hermann Traitteur ans Herz legen!

 

 

 

 

 

 

Für alle, die ihre Ausbildung vertiefen wollen, empfehlen wir die Seminare und Workshops von Anna Trökes, besonders interessant finden wir das Thema "Yoga und Atemtypen"! Das ist wirklich ganz etwas Besonderes.

Nächste Woche gibt es eine spannende Veranstaltung des BDY in der Berliner Kalkscheune, u.a. mit Patrick Broome. Auch wer nicht überlegt, eine Ausbildung zu machen, darf sich an der Diskussion beteiligen!

 

 

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