Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.

  Heute ist Weltyogatag ywy-logo1 Tag gratis einlösen

Large istock 000018230261small

Tradition vs. Moderne: Alles kann Yoga sein

Von Katharina Goßmann

ENTWICKLUNG DES YOGA – VON GÖTTERGESCHICHTEN ZU POWER YOGA

Wenn der Begriff „Yoga“ fällt, denken einige an schweißtreibendes Power Yoga, andere an Entspannung, manche an Mantren oder an Atemübungen, etliche vor allem an Meditation. Es ist kein Geheimnis, dass das, was mit Yoga gemeint ist, sich je nach Yoga-Stil und individuellem Studio oder Lehrer ziemlich unterscheiden kann. Ein Blick auf die Geschichte des Yoga zeigt allerdings schnell, dass diese Vielfalt Tradition hat.

Vor mehreren tausenden Jahren – so genau weiß es niemand – entstand die „Bhagavad Gita“. Diese grundlegende Schrift, vergleichbar mit der griechischen Illias oder der Odysee, umfasst Lehrgespräche zwischen dem Gott Krishna und dem Krieger Arjuna und vermittelt in Versform das Wissen vom „Yoga“.

Krishna erwähnt unter anderem Raja, Jnana, Karma und Bhakti Yoga. Kurz gesagt ist Raja Yoga das Yoga der Meditation, Jnana Yoga ist die Beschäftigung mit den Schriften und der philosophischen Seite des Yoga, Karma Yoga ist selbstloses Dienen und Bhakti Yoga ist das Yoga der Hingabe (Mantren, Altarpflege, Rituale).

Etwas später verfasste Patanjali seine Yoga-Sutren. Diese 195 Verse beschreiben, wie Yoga – bestehend aus ethischen Verhaltensregeln, Atemübungen, und verschiedene Stufen der meditativen Versenkung – zur Erleuchtung führt. Die einzige Asana, also Körperhaltung, die Patanjali erwähnte, war der Lotussitz.

Als jüngste Yoga-Form entstand das Hatha Yoga im 14. Jahrhundert. In der Hatha Yoga-Pradipika (Sanskrit für Hatha Yoga-Leuchte) wurden vor einigen hundert Jahren zum ersten Mal explizit verschiedene Asanas und detaillierte Anweisungen zu anderen körperlichen Reinigungs- und Stärkungstechniken beschrieben.

Yoga hat sich also im Laufe der Jahrtausende von einer stark indisch-hinduistisch geprägten Philosophie (die Meditation, altruistische Taten und Hingabe-unterstützende Rituale umfasste) über eine knappe Anleitung zur Erlangung von Erleuchtung zu einer stärker körperlichen Methode erweitert. Und natürlich haben auch seit Erscheinen der Pradipika etliche Gurus – seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch westliche Lehrer – den Yoga mit eigenen Asanas und Ratschlägen zu Ernährung, Sexualität, Konsum und vielen anderen Themen weiterentwickelt.

OSTEN VS. WESTEN – UNTERSCHIEDLICHE BEDÜRFNISSE, UNTERSCHIEDLICHE PRAKTIKEN

BKS Iyengar, der wohl weltweit bekannteste indische Yoga-Lehrer, wurde mal in einem Interview gefragt, ob er indische und westliche Schüler unterschiedlich behandeln würde. „Ja“, meinte der Guru (sinngemäß), „die Inder muss ich antreiben, die westlichen Schüler dagegen bremse ich eher aus.“

Ich war gerade fünf Wochen lang in Indien unterwegs und reise aktuell durch Australien und kann Iyengars Vorgehen nur gutheißen. Während in Indien überall Männer herum sitzen und stehen und scheinbar stundenlang nichts tun, während um sie herum jede Menge Arbeit wartet, sind die australischen Städte voll mit perfekt geschminkten Geschäftsfrauen und radikal durchtrainierten Geschäftsmännern, die in ihrer Mittagspause gehetzt shoppen gehen und nach der Arbeit mit hochrotem Kopf stundenlang die Küste entlang joggen. Es macht also nur Sinn, dass indische Gurus im Regelfall deutlich strenger sind als westliche Lehrer. Während in Indien durchaus noch der Rohrstock zum Einsatz kommt, zeichnen sich viele westliche Lehrer vor allem dadurch aus, dass sie ihren Schülern den Raum geben, sich zu spüren, Grenzen selbst festzulegen und so ihr Erfolgs- und Konkurrenzdenken und ihren Ehrgeiz abzulegen.

YOGA KANN ALLES SEIN, ALLES KANN YOGA SEIN

Es ist ziemlich offensichtlich: Alle Aspekte von Yoga sind entstanden, weil sie gebraucht wurden. Im Laufe der Zeit änderten sich die Umstände und damit die Anforderungen an die Menschen – Yoga wuchs mit. Yoga hat sich also immer an die Bedürfnisse des Einzelnen angepasst, die bekanntermaßen maßgeblich durch kulturellen Entwicklungen der Zeit beeinflusst werden. Warum also sollte es sich – wo es doch von indischen Gurus in den Westen gebracht wurde, um uns Gutes zu tun – gemäß den Bedürfnisse der westlichen Kultur weiterentwickeln dürfen?

Natürlich sollte sich das westliche Yoga glücklich schätzen, dass die älteren Aspekte von Yoga existieren und sie lebendig halten. Schließlich bestätigen Untersuchungsergebnisse der modernen Psychologie und Medizin immer wieder, dass die Jahrtausende alten Yoga-Praktiken richtig gut tun: Meditation, gemeinsames Singen und soziales Engagement gelten allgemein als Stress-, Angst- und Depressions-reduzierend und Immunsystem-stärkend, und auch die Vorteile vegetarischer Ernährung sind bestens belegt.

Es scheint aber so, als bestehe gar keine Gefahr, dass die traditionellen Praktiken verloren gehen. Im Westen wird meditiert und zumindest das Om gesungen, viele Yoga-Lehrer zitieren während des Unterrichts Patanjali oder die Bhagavad Gita und nicht wenige Yoga-Studios engagieren sich auf die ein oder andere Weise für wohltätige Organisationen. Und viele Yogis halten sich an Patanjalis moralische Leitlinien, ernähren sich etwa vegetarisch im Sinne von Gewaltfreiheit („Ahimsa“).

Gleichzeitig kann es aber sein, dass während des Unterrichts Hip Hop-Musik läuft, die Yoga-Schüler schicke Designer-Klamotten tragen und nach der Stunde in den angrenzenden Wellness-Bereich zur Anti-Cellulite-Massage gehen. Warum auch nicht? Wir erinnern uns: Nicht mal BKS Iyengar, einer der präzisesten Yoga-Lehrer der Welt, behandelt alle Schüler gleich, sondern gibt den Schülern das, was sie brauchen. Und manch moderne Seelen brauchen eben flotte Rhythmen und ein cooles Outfit, um Yoga zu erfahren – das macht sie nicht zu schlechteren Menschen.

Ich persönlich habe beschlossen, das Nebeneinander von östlich und westlich, traditionell und modern, von ernsthaft und Spaß, von spirituell und körperlich einfach nur toll zu finden. Toll, weil die Vielfalt der Yoga-Angebote und der Weiterentwicklungen bedeutet, dass jeder das Yoga finden kann, das ihm gut tut. Denn um was geht es bei all den östlichen Schriften eigentlich? Was sollen die beschriebene Regeln und Techniken erreichen? Richtig, den Zustand des „Yoga“: das Gefühl der „Einheit“ (eine Übersetzung von “Yoga“), die Glück bringende Erkenntnis, mit allem verbunden zu sein.

Für mich bedeutet das, dass alle Methoden, die irgendwem dabei helfen, die Welt entspannt und geistig klar anzunehmen – wohl die wichtigste Voraussetzung für das Gefühl der Einheit -, „Yoga“ ist. Das heißt auch, dass es Yoga sein kann, mal nicht zum Yoga-Unterricht zu gehen, sondern mit dem/der Süßen auf der Couch zu kuscheln. Das heißt auch, dass es im Zweifelsfall wichtiger ist, eine entspannte Mutter zu sein, als fünf Mal pro Woche zum Yoga zu hetzen. Um es kurz zu sagen: Wenn es wirklich glücklich macht, ist es Yoga. Und Glück teilt sich glücklicherweise nicht in Osten und Westen auf.