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Large mag voll verzuckert plakat
Bild: Filmplakat "voll verzuckert"

Im Kino: "Voll verzuckert"

Von Kristin Rübesamen

Die erfolgreichste australische Dokumentation aller Zeiten heißt "Voll verzuckert" und behandelt die Auswirkungen des modernen Zuckerkonsums. Der Schauspieler und Filmemacher Damon Gameau spielt darin Versuchskaninchen und isst, obwohl er sich sonst von raffiniertem Zucker fernhält, jeden Tag 40 Teelöffel Zucker - denn so viel Zucker wandert täglich in den durchschnittlichen australischen Magen. Ob er erst im Zuckerschock auf die Idee kam, den Film brav nach Schema "Super Size Me" zu drehen, wissen wir nicht. Amüsiert haben wir uns trotzdem sehr (und viel gelernt auch)!

Um über einen Film, der einem Zucker verleiden will, zu schreiben, muss man natürlich gerüstet sein. Idealerweise mit einer Tafel Mandel Zartbitter, die ich im Moment kleinmache. Denn wenn ich etwas nicht mag, dann belehrt zu werden, was gesund ist und was nicht. Wenn mir dagegen etwas am Herzen liegt, dann die Menschenrechte und Schokolade. Nicht die ordinäre Rittersport oder die pompöse Lindt, schon das teure Zeug aus dem Bioladen, auch wenn es nicht immer für die Handgeschöpfte langt. Aktuelle Lieblingssorten: alles mit Salz, Espresso, zur Not auch Chili, sprich, ich addiere gerne noch weitere Drogen dazu. Der Mischkonsum von Drogen belastet den Körper schwer, aber was soll ich sagen: Das Leben ist keine Ayurvedakur, ich zumindest brauche gelegentlich etwas Aufmunterung und diesen Dopaminkick im Kopf. Ist doch toll, wenn ich dafür nicht in den Görlitzer Park und in die Illegalität gehen muss, sondern nur um die Ecke zu Kalle Kiez. Außerdem, wenn man Marshmellows, den Tropical Mix von Gut&Günstig und generell Schogetten weglässt, wie schlimm kann es dann sein? Habe ich schon mal aus Verzweiflung Blockschokolade gegessen? Ja! Habe ich es überlebt? Logisch. Habe ich wie Elisabeth I, die ein großer Zuckerjunkie gewesen sein sollte, schwarz verfaulte Zähne? Nein. Bin ich allergisch auf Verschwörungstheorien, die hinter allem und jedem gemeine Industriegiganten entdecken? Oh, ja. Zusammengefasst bin ich also der kritischste Kritiker, den eine aufwendige Kino-Dokumentation mit etwas viel Friedhofsklaviermusik fürchten muss. 

Warum mir während des Filmes trotz süßem australischem Hauptdarsteller, der sich für sein Experiment bereitwillig mit Zucker vollstopfte, dennoch flau im Magen wurde:

  1. Weil er sich im Experiment auf vermeintliche gesunde Lebensmittel konzentrierte: Fruchtsäfte, Smoothies, Müsliriegel, Kellogs, fettarmer Obstjoghurt, überhaupt fettarme Produkte, Teriyaki Sauce, Frozen Joghurt, Eistee. Also auf Zeug, das viele meiner Freunde essen. (Ich nicht, ich bin, was Süßigkeiten angeht, wie gesagt im offenen Vollzug.)
  2. Weil ich in Chemie und Biologie eine bipolare Studienrätin hatte, die uns nie erklärt hat, was mit Fruchtzucker für hässliche Dinge in der Leber passieren kann, und das zum ersten Mal verständlich demonstriert wird. Weil auch etwas Hochinteressantes mit Triglycerin im Blut passiert... aber gerade sinkt mein Traubenzuckerspiegel, und ich brauche dringend ein Stück von Chili Bird’s Eye von Zotter, jene handgeschöpfte Schokolade, welche ich jetzt aus der Verpackung reiße, dabei wollte ich sie eigentlich verschenken. Dummerweise habe ich dabei die „Nutrition Information“ auf der Rückseite zerrissen und kann nicht mehr erkennen, wieviel Gramm Zucker enthalten sind. 160 Gramm gleich 40 Teelöffel nimmt der australische Durchschnittsbürger zu sich, dabei hat er doch viel Sonne und Meer und nicht den grauen Berliner Mief zu ertragen. Warum kenne ich meine tägliche Dosis eigentlich nicht?
  3. Ich lerne auch, dass Zucker gleich Zucker gleich Zucker gleich Zucker ist, dass sich alle die Wichtigtuer mit ihrem Rohrohrzucker und Rübensirup genauso die Leberzellen verfetten. Wirklich, ich möchte mal die ACT-Werte meiner Nachbarin erfahren, die ihren Kindern immer rohes Gemüse kleinschneidet und danach mit einem Löffel Molassenmatsch zur Belohnung winkt.
  4. Die Zuckerindustrie kommt gleich hinter der Waffenindustrie, findet der süße australische Wuschelkopf, der im Film auch heftig in Amerika recherchiert und zwischendurch mit seiner blonden Frau skypt (manchmal rutscht ihr Babybauch und eine Packung glutenfreies Müsli ins Bild). Ich finde, dass es einleuchtend klingt. Schließlich wurde nach Dwight Eisenhowers Herzproblemen 1954 Fett als Schuldfaktor ausgemacht. Und Zucker freigesprochen. Ein Reporter der NY Times kann es toll belegen und verrät, wie Lebensmittelfirmen die maximale Anziehungskraft ihrer Produkte erreichen, indem sie die exakt richtige Dosis Zucker einsetzen, um den so genannten "Glückspunkt" zu erreichen.
  5. Die Zuckerindustrie verhindert die Aufklärung über Zucker, und konzentriert sich auf Kalorien. Dabei tut sie so, als seien alle Kalorien gleich - ob die Kalorien von Zucker, Fett oder Porteinen kommt, so die Hersteller von wie auch immer behandelter Nahrung, spielt keine Rolle. Wer also dick ist, ist selbst schuld.

Tja, mein Zuckerhoch ist nach 45 Minuten erwartungsgemäß gefallen, von mir ist nichts mehr zu erwarten. Entscheidet selbst, wie Ihr leben wollt. (Bitte nicht in einer alkoholfrei lebenden Aborigines-Gemeinde, die sterben alle sehr früh, weil sie zuviel, genau, Zucker essen.)

Dieser Artikel wurde übrigens nach Fairtrade-Standards gehandelt, aber war, ups, alkoholhaltig. Kann also neben Spuren von Schalenfrüchten, Erdnüssen, Sellerie und Milch auch Spuren von freiem Willen enthalten.

Voll verzuckert - That Sugar Film - Trailer (deutsch/german)