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Die alte Mär vom Hier und Jetzt.
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Die alte Mär vom Hier und Jetzt

Von Kristin Rübesamen

Tick, Tack, Tick, Tack

Zur theoretischen Grundausrüstung jedes Yogis gehört die Überzeugung, dass das Glück im Augenblick liegt und nicht in der Zukunft. Was das Ausrollen der Matte für die Asana-Praxis bedeutet, ist die Vorstellung vom „ Hier und jetzt“ für den Yogi, der durch seine Praxis nicht nur gesund und glücklich werden will, sondern auch etwas über sich selbst erfahren will: das erste Gebot. Das "Hier und Jetzt" ist für den Yogi, was die Birkin-Bag für die Fashionista, der 911er für Porsche-Fans und der FC Bayern für Fußballfans ist - kurz, die Krönung. Wer sie oder besser ihn (den Augenblick) verpasst, hat das Gefühl, etwas Entscheidendes zu verpassen, vielleicht sogar die Essenz des Yoga.

„Bleiben Sie bitte in der Leitung.“

„Hatha yoga nushasanam“ schreibt Patanjali und beginnt seine Yogasutra temperamentvoll mit dem Bekenntnis: Dass Yoga hier und jetzt und überall zu haben sei. Das ist das Tolle im Yoga. Anders als in vielen Religionen wird keine bedrohliche Kulisse aufgebaut, kein Lohn- und Strafsystem, kein Versprechen auf das Paradies gegeben, auch keine Warteschleife eingerichtet wie bei der Telekom. Von wegen: "Bleiben Sie bitte in der Leitung". Der Kontakt zu dem, was Yoga kann, ist jederzeit verfügbar für alle, die Lust drauf haben. Ohne Flatrate und Kündigungsfrist, ohne Sündenablaß oder Korruption. Yoga ist für alle derzeit verfügbar, man kann es gar nicht oft genug sagen. So weit, so toll.

Carpe Diem ist heute eine Limonade.

Die Idee vom legendären Augenblick, in den man versinkt, ohne seine zeitliche Begrenzung zu spüren, ist keine exklusive Erfindung der Yogaphilosophie. Wir kennen sie aus der Romantik, wir kennen ihn von Goethe. "Doch wer den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann" (Faust). Wir kennen ihn von „Carpe Diem“ bis Udo Jürgens, von Nirvana bis Eminem - „Lose yourself in the moment.“

Schon immer haben Schriftsteller und Philosophen auf der Suche nach Wahrheit so getan, als stiegen unsere Chancen auf eine tiefgreifende Erkenntnis, wenn wir nur die Zeit anhalten können. Das Konzept dahinter klingt einfach. Zeit an sich ist leer und nur an die Erfahrung von Ereignissen gebunden. Sobald diese ausdünnen, wird Zeit erst als solche erlebbar. Im besten Fall erschließt sich Zeit als Leere, die beim Meditieren durchaus räumlich erfahren werden kann, und zwar als Platz, unbelastet durch Vergangenheit und Zukunft. Als leere Spielwiese für neue Gedanken oder zumindest als Freiheit von dem, was schiefgelaufen ist, und was als nächstes schiefgehen wird.

Die Nachfrage nach solchen Momenten steigt, weil in ihnen die Sehnsucht schlummert, vielleicht doch den Kurs zu wechseln und Gewohnheiten zu ändern. In einer Transformationsgesellschaft, wie wir sie heute haben, in der immer mehr Leute spüren, dass sich einiges ändern muss, wenn wir als Menschheit überleben wollen, fehlt die Zeit zur Kontemplation, zum Nachdenken. Immer mehr Leute fühlen sich überfordert von den unzähligen Optionen, die sie umgibt, den Entscheidungen, die andauernd getroffen werden müssen.

Stille ist wichtig

Die Stille und das Sitzen in Stille scheint eine der wichtigen Bedingungen zu sein, um sich Klarheit über das zu verschaffen, was schiefläuft. Ohne Stille keine Klarheit, ohne Klarheit kein Kurswechsel. Stille tut aber auch ohne psychologischen und gesellschaftspolitischen Auftrag gut. Ein wesentlicher Grund, warum wir bei YogaEasy.de auch zunehmend Meditationsprogramme anbieten.

Still sitzen ist wichtig, es klärt den Kopf, es hilft, sich darüber klarzuwerden, welche Prioritäten man hat, was überflüssig ist und was nicht. Es ist eine einzigartige Methode gegen die innere Unrast, und ein tolles Mittel, um mit sich ins Reine zu kommen. Wir sind alle große Fans.

Der Mythos vom einen ewigen Moment als Allerheilmittel aber ist zum Werbespruch einer übersättigten Gesellschaft geworden, die spirituelle Erfrischung sucht. Der leere Moment wird derart überfrachtet mit Erwartungen, dass Enttäuschungen vorprogrammiert sind: „Carpe Diem“ heißt heute eine Limonade.

Heilsame Langeweile

Das zähe Verstreichen von identischen, ereignisarmen Momenten, wie wir sie aus der Meditation kennen, könnte aber auch als heilsame Langeweile beschrieben werden. Das Warten auf Nichts hat den Effekt, dass wir danach das nächste Ereignis mit großer Freude begrüßen. Alleine die Aussicht, sich nach der Meditation zu räkeln, einen klaren Plan für den Tag zu fassen oder den alten mutig über Bord zu werfen, lohnt das lange Sitzen. Doch der Moment an sich, wenn die Zeit beim Warten auf die U-Bahn, in der trostlosen Warteschleife eines Kommunikationsunternehmens, oder aber künstlich von uns selbst hergestellt in der Meditation sich zeigt, aus ihrem Versteck kommt und sich als das präsentiert, was sie ist, nämlich leer, ist selbst leer.

Egal.

Verteidigen wir diese Leere, und lassen es nicht zu, dass sie zum Werbeslogan einer Effizienzgesellschaft wird, die mit Kontemplation und Nachdenken in Wahrheit nichts am Hut hat. Nur dann bleibt das „Hier und Jetzt“ befreiend, wenn es nicht von anderen aufgeladen wird mit Bedeutung, sondern ein sensationelles Einfallstor für Phantasie, Abenteuer und Mut bleibt, das wir alle dringend brauchen.

Also, her mit dem Augenblick!

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