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Philosoph Jiddu Krishnamurti über Freiheit
Bild: via Wikipedia Commons

Der Philosoph Jiddu Krishnamurti über Freiheit

Von Kristin Rübesamen

Jiddu Krishnamurti (1895 - 1986) war ein indischer Philosoph und spiritueller Lehrer. Bereits mit 16 wurde der Sohn einer Brahmanenfamilie Oberhaupt des Theosophischen Ordens in Adyar. Als er mit 35 den eigens um ihn gegründeten Orden auflöste, brach für seine Anhänger eine Welt zusammen, doch Krishnamurti wollte kein mächtiger Guru mit Privilegien sein. Er glaubte weder an Religionen noch daran, dass ein Führer irgendjemandem den Weg weisen könnte. "Mein einziges Interesse", sagte er, "besteht darin, den Menschen absolut, unbedingt frei zu machen... Niemand kann uns die Verantwortung für unser Leben abnehmen". In seiner leisen, undogmatischen, dennoch eindringlichen Art scheint er uns der Richtige, um in Zeiten, in denen Angst und Gewalt herrschen, und in denen die Freiheit vieler Menschen bedroht ist, zu Wort zu kommen. In einem Ausschnitt aus seinem bedeutendsten Werk "Einbruch in die Freiheit"*:

Die Furcht

Die Furcht ist eines der größten Lebensprobleme. Ein Mensch, der von Furcht ergriffen ist, lebt in Verwirrung, in Konflikt und muss daher gewalttätig, verkrampft und aggressiv sein. Er wagt es nicht, sich von seiner Denkschablone hinwegzubewegen – und das erzeugt Heuchelei. Solange wir nicht frei von Furcht sind, mögen wir den höchsten Berg erklimmen, Götter jeder Art erfinden – wir werden weiterhin in der Finsternis bleiben.

In einer verdorbenen, stumpfsinnigen Gesellschaft wie der unseren zu leben, mit ihrer auf Wettbewerb ausgerichteten Erziehung, die man uns angedeihen lässt und die die Furcht hervorruft, sind wir alle mit Ängsten irgendwelcher Art belastet; und Angst ist etwas Schreckliches; sie verdüstert unsere Tage, macht sie wirr und glanzlos.

Es gibt eine physische Furcht, aber das ist eine Reaktion, die wir von den Tieren übernommen haben. Wir befassen uns hier mit den psychologischen Ängsten; denn wenn wir die tief verwurzelten psychologischen Ängste verstehen, werden wir fähig sein, den animalischen Ängsten zu begegnen. Wenn wir uns dagegen zuerst mit den animalischen Ängsten beschäftigen, wird uns das nicht dabei helfen, die psychologische Furcht zu verstehen.

Wir alle fürchten uns vor irgendetwas. Es gibt keine abstrakte Furcht. Furcht besteht immer in Bezug auf ein Objekt. Kennen Sie Ihre eigenen Ängste – die Furcht, Ihre Arbeit zu verlieren, nicht genug Nahrung oder Geld zu haben, die Furcht vor dem, was Ihre Nachbarn oder was die Öffentlichkeit von Ihnen denkt, die Furcht, keinen Erfolg zu haben, Ihren Rang in der Gesellschaft zu verlieren, verachtet oder lächerlich gemacht zu werden? Da ist die Furcht vor Kummer und Krankheit, vor Willkür, die Furcht, niemals zu erfahren, was Liebe ist, oder nicht geliebt zu werden, Ihre Frau oder Ihre Kinder zu verlieren, die Furcht vor dem Tode oder davor, in einer Welt zu leben, die dem Tode gleichkommt, die Furcht vor grässlicher Langeweile oder davor, nicht dem Bilde gerecht zu werden, das andere von Ihnen aufgerichtet haben, Ihren Glauben zu verlieren – alle diese und unzählige andere Ängste gibt es. Kennen Sie Ihre ureigenen Ängste? Und was fangen Sie im Allgemeinen mit ihnen an? Sie laufen vor ihnen davon oder erfinden Ideen und Trugbilder, um sie zu verdecken. Aber vor der Furcht zu fliehen bedeutet nur, sie zu verstärken.

Eine der Hauptursachen der Furcht liegt darin, dass wir nicht wünschen, uns so zu sehen, wie wir sind. So müssen wir denn zugleich mit den Ängsten das Netz der Fluchtmöglichkeiten entflechten, das wir geknüpft haben, um uns von den Ängsten zu befreien. Wenn der Geist – wozu auch das Gehirn gehört – versucht, die Furcht zu überwinden, sie zu unterdrücken, zu disziplinieren, sie unter Kontrolle zu halten, sie anders zu benennen, entsteht Spannung, entsteht Konflikt, und dieser Konflikt ist Energieverschwendung.

So müssen wir uns als Erstes fragen, was Furcht ist und wie sie entsteht. Was meinen wir mit dem Wort Furcht? Ich frage mich, was Furcht ist, nicht wovor ich mich fürchte.

Ich lebe in einer bestimmten Art. Ich denke nach einer festgelegten Schablone, ich habe bestimmte Überzeugungen und Dogmen, und ich wünsche nicht, dass diese Existenzformen ins Wanken geraten, weil ich in ihnen verwurzelt bin. Ich möchte es nicht, weil die Störung einen Zustand der Ungewissheit hervorruft, und das mag ich nicht. Wenn ich von allem, was ich weiß und woran ich glaube, hinweggerissen werde, möchte ich verständlicherweise Gewissheit über die Dinge haben, denen ich mich zuwende. Darum haben die Gehirnzellen ein Modell geschaffen, und sie weigern sich, eine andere Norm aufzubauen, die voller Ungewissheit sein mag. Diesen Prozess, der von der Gewissheit zur Ungewissheit führt, bezeichne ich als Furcht.

In diesem Augenblick, da ich hier sitze, fürchte ich mich nicht. Ich habe momentan keine Angst, mir geschieht nichts, niemand bedroht mich oder nimmt mir etwas fort. Aber neben diesem augenblicklichen Zustand gibt es eine tiefere Schicht in mir, die bewusst oder unbewusst darüber nachdenkt, was sich in der Zukunft ereignen könnte, oder die sich damit abquält, dass vielleicht etwas aus der Vergangenheit über mich herfallen mag. So fürchte ich mich vor der Vergangenheit und vor der Zukunft. Ich habe die Zeit in Vergangenheit und Zukunft eingeteilt. Das Denken mischt sich ein und sagt: „Sei vorsichtig, dass es nicht wieder passiert“, oder: „Sei auf die Zukunft vorbereitet. Die Zukunft mag für dich gefahrvoll sein; du besitzt jetzt etwas, aber du kannst es verlieren. Du kannst morgen sterben, deine Frau läuft dir vielleicht davon, du kannst deine Arbeit verlieren, wirst vielleicht nie berühmt werden. Du magst vereinsamen. Du möchtest in Bezug auf die Zukunft völlig sicher sein.“

Meine persönliche Angst

Nehmen Sie nun Ihre persönliche Art der Furcht. Schauen Sie darauf. Beobachten Sie Ihre Reaktion. Können Sie darauf ohne jede Fluchtabsicht, ohne Rechtfertigung, Verurteilung oder Unterdrückung schauen? Können Sie auf diese Furcht schauen ohne das Wort, das die Furcht verursacht? Können Sie zum Beispiel auf den Tod schauen ohne das Wort, das die Furcht vor dem Tode erweckt?

Das Wort an sich erzeugt einen Schauder, wie das Wort Liebe seine eigene Spannung, sein eigenes Bild erzeugt. Ist nun die Vorstellung, die Sie in Ihrem Geiste vom Tode haben, die Erinnerung an so viele Todesfälle, die Sie erlebt haben und mit denen Sie sich in Zusammenhang bringen – ist es dieses Bild, das die Furcht erzeugt? Oder fürchten Sie sich wirklich vor dem Sterben, oder ist es nur die Vorstellung vom Sterbenmüssen? Verursacht das Wort „Tod“ Ihre Furcht oder das tatsächliche Aufhören? Wenn es das Wort oder die Erinnerung ist, die Ihre Furcht verursacht, dann ist es gar keine Furcht.

Sie waren vor zwei Jahren krank, wollen wir einmal annehmen, und die Erinnerung an diesen Schmerz, an diese Krankheit ist geblieben. Die Erinnerung regt sich jetzt und sagt: „Nimm dich in Acht, werde nicht wieder krank.“ So schafft die Erinnerung mit ihren Assoziationen die Furcht, und das ist keine Furcht, denn im Augenblick sind Sie bei guter Gesundheit. Das Denken ist das Vergangene, weil es aus der Erinnerung kommt, die immer das Alte ist. Das Denken erzeugt mit der Zeit das Gefühl, dass Sie sich fürchten, und das ist keine aktuelle Tatsache. Die wirkliche Tatsache ist, dass Sie wohlauf sind. Aber die Erfahrung, die im Geiste als Erinnerung festsitzt, ruft den Gedanken wach: „Hüte dich, werde nicht wieder krank.“

So sehen wir, dass der Gedanke eine Art von Furcht hervorruft. Aber gibt es abgesehen davon überhaupt Furcht? Ist die Furcht immer das Ergebnis des Denkens, und, wenn es so ist, gibt es noch eine andere Art der Furcht? Wir fürchten uns vor dem Tode, das heißt vor etwas, das sich morgen oder übermorgen, im Laufe der Zeit ereignen wird. Es besteht ein Abstand zwischen der Wirklichkeit und dem, was sein wird. Der Gedanke hat nun diesen Zustand erfahren; indem er den Tod betrachtet, sagt er: „Ich werde sterben.“ Der Gedanke erzeugt die Furcht vor dem Tode. Und wenn er das nicht tut, gibt es dann überhaupt Furcht?

Ist Furcht das Resultat des Denkens? Wenn es so ist, dann ist die Furcht etwas, was dem Vergangenen zugehört, weil der Gedanke immer alt ist. Wie wir sagten, ist das Denken niemals neu. Wenn wir einen Gedanken in uns erkennen, ist er bereits alt. So ist denn das, wovor wir uns fürchten, die Wiederholung des Alten, des Vergangenen, der Gedanke an das, was gewesen ist, projiziert in die Zukunft. Darum ist das Denken für die Furcht verantwortlich. Das ist so, Sie können es selbst sehen. Wenn Sie einer Tatsache unmittelbar gegenüberstehen, gibt es keine Furcht. Nur wenn der Gedanke hinzukommt, entsteht Furcht.

Darum fragen wir uns jetzt, ob es für den Menschen möglich ist, vollkommen, ganz und gar in der Gegenwart zu leben. Nur solch ein Mensch hat keine Furcht. Aber um das zu verstehen, müssen Sie den Zusammenhang zwischen Denken, Erinnerung und Zeit erkennen. Und wenn Sie das verstehen, nicht mit dem Verstand und mit Worten, sondern tatsächlich, mit Herz und Hirn und Eingeweiden, werden Sie frei von Furcht sein. Dann kann der Geist das Denken benutzen, ohne dass Furcht erzeugt wird.

Ein dumpfer Geist

Das Denken wie auch das Gedächtnis sind für das tägliche Leben natürlich notwendig. Es ist das einzige Instrument, das wir besitzen, um uns zu verständigen, um unsere Arbeit und anderes zu verrichten. Das Denken ist das Echo des Gedächtnisses, der Erinnerungen, die durch Erfahrung, Wissen, Tradition im Laufe der Zeit aufgestapelt worden sind. Von diesem Hintergrund aus reagieren wir, und diese Reaktion ist das Denken. Der Gedanke ist also auf gewissen Ebenen notwendig, aber wenn er sich psychologisch als Zukunft und Vergangenheit projiziert und Furcht wie auch Vergnügen erzeugt, wird der Geist dumpf und unvermeidlich träge.

So frage ich mich: „Warum in aller Welt denke ich an die Zukunft und an die Vergangenheit in Begriffen von Freude und Leid, da ich doch weiß, dass solche Gedanken die Furcht erzeugen? Ist es nicht möglich, dass das Denken im Bereich des Seelischen aufhört, weil die Furcht sonst niemals ein Ende nehmen wird?“

Angst vor der Angst

Zu der Wirksamkeit des Denkens gehört es, dass es ständig mit etwas beschäftigt ist. Die meisten Menschen lassen ihren Geist ununterbrochen tätig sein, sodass sie daran gehindert werden, sich zu sehen, wie sie tatsächlich sind. Sie fürchten sich vor der inneren Leere. Sie fürchten sich davor, ihre Ängste anzuschauen.

Bewusst können Sie Ihrer Ängste gewahr sein; aber sind Sie es auch in den tieferen Schichten Ihres Bewusstseins? Und wie werden Sie diese geheimen, verborgenen Ängste auffinden? Kann die Furcht in eine bewusste und eine unbewusste eingeteilt werden? Das ist eine sehr wichtige Frage. Fachleute, Psychologen, Analytiker haben die Furcht in eine tief liegende und eine oberflächliche gespalten; aber wenn Sie sich an das halten, was der Psychologe sagt oder was ich sage, verstehen Sie wohl unsere Theorien, unsere Dogmen, unser Wissen, Sie verstehen aber nicht sich selbst. Sie können sich nicht verstehen, wenn Sie sich nach Freud oder nach Jung oder nach mir ausrichten. Die Theorien anderer haben überhaupt keine Bedeutung. Sie müssen sich selbst die Frage stellen, ob die Furcht in die bewusste und unbewusste eingeteilt werden kann. Oder gibt es nur Furcht, die Sie in verschiedene Formen zerlegen? Es gibt nur ein Wünschen; da ist nur Wünschen; Sie wünschen. Die Objekte des Wünschens verändern sich, aber das Wünschen ist immer dasselbe. Vielleicht gibt es genauso nur Furcht. Sie fürchten sich vor allen möglichen Dingen; aber es gibt nur eine Furcht. Wenn Sie erkennen, dass die Furcht nicht eingeteilt werden kann, werden Sie sehen, dass Sie das Problem des Unterbewussten beiseite getan haben, und damit haben Sie den Psychologen und den Analytikern ein Schnippchen geschlagen. Wenn Sie verstehen, dass Furcht eine Gemütsregung ist, die sich auf verschiedene Weise ausdrückt, und wenn Sie diese Bewegung sehen und nicht das Objekt, durch das sie wachgerufen wird, dann stehen Sie vor der gewaltigen Frage, wie Sie auf die Furcht schauen können ohne die vom Verstand gezüchtete Zersplitterung.

Im Grunde gibt es nur die eine Furcht. Aber wie kann der Mensch, dessen Denken Stückwerk ist, diese Ganzheit wahrnehmen? Kann er es? Wir führen ein fragmentarisches Leben und können auf die Furcht als Ganzes nur durch den bruchstückhaften Gedankenprozess schauen. Der ganze mechanische Denkprozess besteht darin, alles in Stücke zu zerbrechen: Ich liebe dich, und ich hasse dich; du bist mein Feind; du bist mein Freund; meine persönlichen Idiosynkrasien und Neigungen, meine Arbeit, meine Stellung, mein Ruf, meine Frau, mein Kind, mein Land und dein Land, mein Gott und dein Gott – das alles sind die Fragmente des Denkens, das alles zerstückelt. Und dieses Denken schaut auf die Furcht in ihrer Ganzheit oder versucht darauf zu schauen und verwandelt sie in Bruchstücke. Das zeigt uns, dass der Geist auf diese totale Furcht nur schauen kann, wenn der Denkprozess aufgehört hat.

Können Sie auf die Furcht blicken ohne eine gedankliche Folgerung, ohne dass sich das Wissen, das Sie darüber angesammelt haben, störend einmischt? Wenn Sie es nicht können, ist das, was Sie betrachten, die Vergangenheit, nicht die Furcht. Wenn Sie es aber können, dann betrachten Sie die Furcht zum ersten Mal ohne die Einmischung der Vergangenheit.

Mut statt Angst

Sie können nur beobachten, wenn der Geist sehr ruhig ist, wie Sie auch einem anderen Menschen nur zuhören können, wenn der Geist nicht mit sich selbst schwatzt, wenn er über seine persönlichen Probleme und Sorgen keine Zwiegespräche mit sich führt. Können Sie in dieser Art auf Ihre Furcht schauen ohne den Versuch, sie aufzulösen, ohne ihren Gegensatz, den Mut, hineinzubringen – tatsächlich auf sie schauen ohne den Versuch, vor ihr davonzulaufen? Wenn Sie sagen: „Ich muss sie kontrollieren, ich muss sie loswerden, ich muss sie verstehen“, versuchen Sie ihr zu entrinnen.

Sie können eine Wolke oder einen Baum oder den dahinströmenden Fluss mit ruhigem Gemüt betrachten, weil diese Dinge für Sie nicht sehr wichtig sind; aber sich selbst anzuschauen ist weit schwieriger, weil die Wünsche in uns so greifbar nahe und die Reaktionen so schnell sind. Wenn Sie nun mit der Furcht oder der Verzweiflung, mit der Vereinsamung oder Eifersucht oder mit irgendeinem anderen unschönen Zustand des Geistes in unmittelbarem Kontakt stehen – können Sie darauf so vollkommen schauen, dass der Geist ruhig genug ist, diese Regungen wahrzunehmen?

Kann der Mensch die Furcht als Einheit wahrnehmen und nicht ihre verschiedenen Ausdrucksformen – kann er die Furcht als Ganzes sehen, nicht das, wovor er sich gerade fürchtet? Wenn Sie nur auf die einzelnen Formen der Furcht schauen oder versuchen, mit einer Furcht nach der anderen fertig zu werden, werden Sie niemals zu dem Kernpunkt kommen, werden Sie nicht lernen, mit der Furcht zu leben.

Mit einem lebendigen Ding, wie es die Furcht ist, zu leben, erfordert ein Empfindungsvermögen von außerordentlicher Feinheit. Ein solcher Zustand kennt keine gedanklichen Festlegungen und kann daher jeder Regung der Furcht folgen. Wenn Sie so die Furcht beobachten und mit ihr leben – und das muss nicht einen ganzen Tag dauern, es braucht nur eine Minute oder eine Sekunde zu sein, um das Wesen der Furcht zu erkennen –, wenn Sie mit ihr so ungeteilt leben, fragen Sie unvermeidlich: „Wer ist denn das Wesen, das mit der Furcht lebt? Wer ist es, der die Furcht beobachtet, der über die Regungen der verschiedenartigen Ängste wacht und der zugleich der Furcht als des Hauptfaktums bewusst ist? Ist der Beobachter ein totes Wesen, ein statisches Geschöpf, das eine Menge Wissen und Informationen über sich angesammelt hat, und ist es dieses tote Wesen, das beobachtet und mit den Regungen der Furcht lebt? Ist der Beobachter die Vergangenheit, oder ist er etwas Lebendiges?“ Wie lautet Ihre Antwort? Antworten Sie nicht mir, geben Sie sich selbst die Antwort. Sind Sie als Beobachter ein totes Wesen, das ein lebendiges Ding betrachtet, oder sind Sie ein lebendiges Wesen, das etwas Lebendiges anschaut? Denn in dem Beobachter liegen diese beiden Möglichkeiten.

Der Beobachter ist der Zensor, der ohne Furcht sein möchte. Der Beobachter ist die Gesamtheit all seiner Erfahrungen über die Furcht. So ist also der Beobachter von dem, was er Furcht nennt, getrennt; zwischen beiden ist ein Raum. Fortwährend versucht er, die Furcht zu überwinden oder ihr zu entrinnen, und daher kommt dieser ständige Kampf zwischen ihm und der Furcht – ein Kampf, der solch eine Energieverschwendung ist.

Sich von der Furcht befreien zu wollen, hilft nicht

Wenn Sie achtgeben, wird Ihnen klar, dass der Beobachter nur ein Bündel von Gedanken und Erinnerungen ist ohne jede Gültigkeit oder Substanz, dass aber die Furcht etwas Tatsächliches ist und dass Sie versuchen, eine Tatsache rein vom Verstand her zu begreifen. Das kann natürlich nicht gelingen. Ist nun der Beobachter, der sagt: „Ich fürchte mich“, tatsächlich von der beobachteten Sache, der Furcht, im Geringsten verschieden? Der Beobachter ist Furcht, und wenn das erkannt wird, gibt es keine Energieverschwendung mehr durch das Bestreben, sich von der Furcht zu befreien, und damit verschwindet das Zeit-Raum-Intervall zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten. Wenn Sie sehen, dass Sie ein Teil der Furcht und nicht getrennt von ihr sind – dass Sie Furcht sind –, dann brauchen Sie dazu nichts zu tun; dann hört die Furcht gänzlich auf.

Menschen finden Gefallen an Gewalt

Furcht, Freude und Leid, Denken und Gewalttätigkeit haben einen inneren Zusammenhang. Die meisten Menschen finden Gefallen daran, heftig und gewalttätig zu sein, andere Menschen nicht zu mögen, eine besondere Rasse oder Gruppe von Menschen zu hassen oder zu verabscheuen, feindselige Gefühle gegen andere zu hegen. Aber ein Mensch, in dem alle Gewaltsamkeit aufgehört hat, ist von einer Freude erfüllt, die sich sehr von der Lust an der Gewalttätigkeit mit ihren Konflikten, ihren Feindseligkeiten und ihren Ängsten unterscheidet.

Frei von Gewalt

Können wir bis zur Wurzel der Gewalt vordringen und von ihr frei sein? Sonst werden wir ewig im Streit miteinander leben. Wenn Sie es vorziehen, in dieser Art zu leben – und anscheinend ist das bei vielen Menschen der Fall –, dann mögen Sie es so weiter treiben. Wenn Sie sagen: „Es ist zwar bedauerlich, aber die Gewalt wird niemals enden“, dann haben Sie und ich keine Möglichkeit der Verständigung, dann haben Sie sich selbst blockiert. Aber wenn Sie meinen, dass es möglich sein mag, auf eine andere Art zu leben, dann werden wir in der Lage sein, uns miteinander zu verständigen.

So lassen Sie uns zusammen mit denen, die verständigungsbereit sind, überlegen, ob es überhaupt möglich ist, jeder Art von Gewalttätigkeit in uns ganz und gar ein Ende zu bereiten und dennoch in dieser monströs-brutalen Welt weiter zu leben. Ich halte es für möglich. Ich wünsche nicht, auch nur einen Hauch von Hass, Eifersucht, Unruhe oder Furcht in mir zu haben. Ich möchte vollkommen in Frieden leben. Das bedeutet nicht, dass ich sterben möchte; ich möchte auf dieser prachtvollen Erde, die so weit, so reich, so schön ist, leben. Ich möchte auf die Bäume, Blumen, Flüsse, Wiesen, Frauen, Knaben und Mädchen schauen und zugleich im völligen Frieden mit mir selbst und mit der Welt leben."

* Die zitierten Passagen stammen aus "Einbruch in die Freiheit" von Jiddu Krishnamurti, erschienen bei Lotus. 

Mehr Informationen unter http://www.jkrishnamurti.de/Krishnamurti.35.0.html

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