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Ronald Steiner - Der Dr. OM der Yogaszene

Von Kristin Rübesamen

Dr. Ronald Steiner ist einer der wichtigsten Yogalehrer Deutschlands und bei YogaEasy.de von Anfang an dabei. Außerdem ist er Arzt. Und Schwabe. Aber sonst lieben wir ihn.

Du hast viele Hundertausend Male den Sonnengruß geübt. Hast Du einen Lieblingsteil?

Nicht ganz so oft, etwa 84.000 mal habe ich mich am Sonnengruß versucht - und ich habe ihn immer noch nicht völlig erfahren. Für mich transportiert er die Essenz der Praxis, die gesamte Erfahrung des Yoga. Besonders spannend finde ich die Momente, in denen sich die Richtung der Bewegung ändert. Es ist immer nur ein einziger Augenblick, an dem beispielsweise der Atem von der Ein- zur Ausatmung umschlägt oder der Blick wechselt. Gleichzeitig berühren sich die Hände oder nehmen Bodenkontakt auf oder die Füße verlassen den Boden. In einem solchem Moment fällt es mir leicht ganz gegenwärtig zu sein und einzutauchen in die unmittelbare Erfahrung des Jetzt - und das ist die Erfahrung des Yoga.

Mit welchem Gefühl gehst Du in die Vorbeuge?

Die erste Vorbeuge am Tag ist für mich eine Reise in das Unbekannte und damit eine Verneigung vor dem Wunderbaren, dem Göttlichen. Wir machen uns und anderen oft viel vor. Wir geben vor uns gut zu fühlen oder wollen stark sein. Die Vorbeuge ist die zweite Bewegung im Sonnengruß. Hier kommt die Wahrheit. Ich kann in Demut nur abwarten, wie die Praxis sich an diesem Tag entwickeln wird. Fällt es mir leicht oder ringe ich mit jedem Atemzug um meine präsente Aufmerksamkeit?

Wie unterscheidet sich dein Hund heute von dem Hund, den Ronald Steiner vor zehn Jahren gemacht hat?

Im Grunde gar nicht. Natürlich habe ich viel gelernt über meinen Körper. Kraft und Flexibilität und auch die Genauigkeit der Ausführung haben zugenommen. Doch der Hund, also Adho Mukha Śvānāsana, bleibt, was es immer schon war: Eine Position, an der ich mit allem Bewusstsein arbeiten und wachsen kann. Aus dem Streben nach physischer Wandlung entsteht die innere Entwicklung. In diesem Streben ist bis heute kein Unterschied.

Wie würdest Du deinen Atem beschreiben?

Der Atem ist für mich ein Spiegel, in dem ich das Spiel von Guṇa - die drei Ur-Qualitäten - erkennen kann: Sattva, das Reine, Rajas, das Unruhige und Tamas, das Träge. Alle drei Qualitäten finden sich in der Welt um mich herum und in mir selbst wieder. Sie spielen miteinander. Immer wieder gewinnt ein anderes die Oberhand. Wie bei einem Zopf immer wieder ein anderer Strang nach oben kommt. Das Ziel der Yoga-Praxis ist es nun keinesfalls nur Sattva zu fördern und die anderen Qualitäten zu unterdrücken. Vielmehr hilft mir Yoga, weniger abhängig von Guṇa zu sein. An manchen Tagen fließt mein Atem rein und regelmäßig, wir können ihn mit der Qualität von Sattva in Verbindung bringen. Nehme ich diese innere Harmonie zu selbstverständlich, so gleitet sie in die Trägheit, Tamas, ab. Versuche ich am nächsten Tag die Qualität von Sattva im Atem wieder zu finden, so verändert der bloße Vergleich des Jetzt mit dem Vergangenen und die damit verbundene Bemühung den Atem zum Rajas und der Atem wird unruhig. Der eigentliche Trick, Sattva zu erreichen besteht also darin, sich von dem Streben danach zu lösen. Der Atem zeigt mir, wo im Spiel von Guṇa ich im aktuellen Moment stehe.

Wenn Du dich selbst in einem Yogavideo üben siehst, was siehst du da?

Ich schaue mir meine Videos, wenn sie einmal fertig sind, nicht mehr an. Sie sind der Ausdruck einer vergangenen Erfahrung. Ich freue mich, wenn sie anderen als Inspiration dienen können.

Warum machen 98% aller Übenden Chaturanga Dandasana (also den Stütz, auch Planke, Stock- oder Stabhaltung genannt) falsch?

Viele Übende nehmen die äußere Form zu wichtig. Sie glauben wenn sie den Körper in diese spezielle Form bekommen, entstünde daraus ein Nutzen.

Worauf muss man bei Chaturanga achten?

Wenn wir die äußere Form wichtiger nehmen, als unsere innere Balance, ist das Resultat über kurz oder lang eine Verletzung. Es zählt also zuerst auf das Innere zu achten und über gezieltes Nutzen von Bandha die Wirbelsäule aufzurichten. Mit etwas Gespür kann man beobachten, wie aus dieser Ausrichtung sich auch eine Veränderung der Positionierung von Schultern, Armen und Beinen ergibt. Das so entwickelte Alignment wird in Caturaṅga Daṇḍāsana gewaltig herausgefordert. Nun gilt es eine Modifikation der Position zu finden, in der wir diese Herausforderung erfolgreich meistern können. Ist die Übungsausführung zu anspruchsvoll, so fällt unsere Ausrichtung buchstäblich zusammen. Dann rutschen unsere Schultern nach vorne und die Lendenwirbelsäule kollabiert. Überlastung und Schmerzen sind die Folge. In meinen Videos auf YogaEasy.de habe ich gerade für Anfänger einige hilfreiche Möglichkeiten vorgestellt, die eine gesunde Praxis ermöglichen.

Du gibst Workshops übers Fliegen? Wahnsinn, worum geht’s da?

Zunächst geht um Techniken, die das Ziel haben, die Schwerkraft zu überwinden. Viele Yogis versuchen sich an Handständen oder sonstigen Umkehrhaltungen und haben damit einige Mühe. Klar, die Schwerkraft ist für alle gleich. Die Frage ist nur, ob sie für uns oder gegen uns arbeitet. Geschickt genutzt, werden solche scheinbar fordernden Positionen schnell leicht.
Doch das Erlernen von neuen Positionen ist nur die Oberfläche. Denn um dieses Ziel zu erreichen beschäftigen wir uns mit den feinstofflichen, energetischen Konzepten des Haṭha Yoga. Lernen wir dieses Prāṇa gezielt zu bewegen, so verschiebt sich mit der energetischen Mitte, dem Kanda, auch unser physischer Schwerpunkt. Schließlich bemerken wir wie wir die durch unser Denken selbst gesetzten Grenzen überwinden können. Durch intensive Bemühung kommen wir nicht nur unseren physischen Zielen näher.

Wieviele Nichtyogis hast Du in deinem Freundeskreis?

Ich trenne nicht zwischen Yogis und Nicht-Yogis. Es inspiriert mich immer mit Menschen zusammen zu sein, die auf irgendeine Weise an einer positiven Entwicklung zu mehr Lebendigkeit interessiert sind. Gleich ob deren Weg das Physische oder das Spirituelle in den Vordergrund stellt. Der durch den Haṭha Yoga entwickelte Weg ist eine von vielen Möglichkeiten, beide Aspekte zu vereinen. Ich sehe daher eine spannende Schnittmenge der Interessen eines Athleten mit denen eines Mönchs.

Wäre es übertrieben zu sagen, Yoga ist Dein Leben?

Ich würde es eher umgekehrt sehen: Das Leben ist mein Yoga. Die Praxis auf der Matte ist nur ein Übungsfeld für die Aufgaben, die das Leben uns stellt. Die innere Balance auf der Yogamatte zu finden ist ein erster Schritt, diese in unseren Alltag zu tragen.

In welcher Beziehung bist Du ein Guru, in welcher nicht?

Ich folge diesbezüglich der alten indischen Regel, dass der Guru von den Schülern ernannt wird. Ein Guru ist ein Lehrer, der auf dem Weg zur unmittelbaren Erkenntnis unseres wahren Selbst hilft - der Lebendigkeit in uns oder Gott. Ein Guru kann dabei jeder und alles sein: Freunde, Partner oder ganz allgemein Lebensumstände. Wenn ich einen Yoga-Übenden in seiner Praxis begleiten kann und er mich in diesem Sinne als Guru empfindet, dann freut mich das. Meine Hilfe gebe ich gerne jedem, der sich auf dem Weg zu mehr Lebendigkeit befindet.

Schon mal mit einer Pilateslehrerin geflirtet?

Pilates ist mit dem Aṣṭāṅga Yoga sehr verwandt. Wir benutzen nur andere Begriffe. Das Power-House beispielsweise kann als eine Beschreibung der mit Bandha verbunden physischen Aktion verstanden werden. Auch wenn Pilates sich vordergründig auf die körperliche Praxis konzentriert, wird eine innere Entwicklung automatisch folgen, denn grob und feinstoffliche Aspekte des Menschen sind miteinander untrennbar verwoben. Gegen das Flirten mit einer Pilates-Lehrerin spricht auch aus diesem Gesichtspunkt nichts. - außer dass ich schon seit über 12 Jahren in einer glücklichen Partnerschaft mit einer Yogini lebe.

Warum ist Yoga-Therapie das nächste Riesending?

Ehrlich gesagt, das verstehe ich nicht. Denn im Grunde IST Yoga Therapie. Der Weg des Haṭha Yoga beginnt seit jeher am physischen Körper. Die Praxis soll diesen in einen mehr balancierten, gesunden und ausgewogenen Zustand bringen. Die so eingeleitete Veränderung breitet sich dann auf unsere feinstofflicheren Aspekte aus: Energie, Gefühl und Gedanke. Bis wir schließlich unser ganzes Wesen auf die Lebendigkeit oder das Göttliche ausgerichtet haben. Haṭha Yoga ist also ganzheitliche Therapie. Das Streben nach phyischer Gesundheit ist auch Teil des Übungsweges. So gesehen ist Yoga Therapie nichts Neues, einzig der Begriff setzt sich in den letzten Jahren mehr und mehr durch. Ich sehe das als Ausdruck, dass mehr Übende tiefer in den Yoga eintauchen und dabei das therapeutische Potential, das im Yoga schon immer vorhanden war, zu Tage kommt. Eine spannende Entwicklung, bei der wir erst am Anfang stehen.

Vielen Dank für das Gespräch, Ron!

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