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Positiver Stress
Bildquelle: Shutterstock.com

Positiver Stress

Von Kristin Rübesamen

Gerade als wir gelernt haben, jeden Handgriff in größter Achtsamkeit zu verrichten, behutsam die Kaffeemaschine anwerfen, dem verpassten Bus hinterherlächeln und uns zur Muße zu zwingen, nun das: Stress ist gut für uns, denn Stress hilft uns, unser Immunsystem auf Trab zu bringen und beugt Alterungsprozessen vor. Er schützt sogar gegen Hautkrebs, Alzheimer und Erkältungskrankheiten.

Wir dachten immer, Stress ist schuld an Schlaflosigkeit, Übergewicht, Rückenproblemen, wenig Sex und viel Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Laut WHO ist Stress sogar „ eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts“. Oder war?

Die ZEIT hat im Frühjahr diesen Jahres jene Wissenschaftler zitiert, die versuchen, Stress in einem anderen Licht zu betrachten: Nämlich als entscheidende Überlebensfunktion (und nicht als Gesundheitsgefahr). Der Neuroimmunologe, Krebsforscher und Psychiater Firdaus Dhabhar bewies mit Tierversuchen, dass „akuter Stress die Schutzmechanismen des Organismus wachruft“. Warum ist Stress dann so unbeliebt bei den Menschen?

Stress ist nicht gleich Stress

Wie uns Stress bekommt, hängt von drei Parametern ab:

  • Wie lange dauert der Stress?
  • Wie bewerten wir ihn?
  • Wie gehen wir mit ihm um?

Schlechter Stress reißt nie ab, wir können ihn nicht kontrollieren und fühlen uns ausgeliefert.

Guter Stress sorgt dafür, dass wir uns wach und lebendig fühlen, dass wir gut durchblutet sind, alle unsere Sinne einsetzen, schnell reagieren können und nach Verletzungen wieder gesund werden. Das Leibniz-Institut für Altersforschung hat festgestellt, dass milder Stress unsere Selbstheilungskräfte stärkt, ja sogar, dass Stress „zelluläre Schutzantworten“ auslösen und spätestens, als wir das gelesen haben, ist uns ein Licht aufgegangen.

Denn was sind herausfordernde Yogastunden anderes als milder Stress?

Stress ist Anpassung

Stress „hilft uns“, sagt der Hamburger Kognitionspsychologe Lars Schwabe, „ins Gleichgewicht zurückzufinden“. Evolutionsforscher haben untersucht, wie Stress uns in der Vergangenheit geholfen hat, unsere Fähigkeiten weiterzuentwickeln: Der Sprung auf der Flucht, die Anpassung an widrige Umstände, die Reaktion auf Feinde.

Stress als Chance

Ein stressfreies Leben ist unser aller Traum. Vielleicht ist das Bild, das wir uns von einem idealen (=stressfreien, komplikationslosen) Leben machen, nicht nur falsch, sondern auch dumm: Denn, wie Darwin bereits herausfand, wachsen wir unter Bedrohung und Angriff am besten, nur, was sich unter Druck bewährt, überlebt. Dieser Gedanke aber klingt in unseren Ohren geradezu zynisch. Wir jedenfalls möchten nicht syrischen Geflüchteten aus Aleppo dazu gratulieren, den Krieg zu Hause als Chance wahrnehmen zu dürfen.

Stress besser als Gelegenheit zum Angriff, nicht zur Flucht nutzen

Um in den Genuss all der guten Stresssymptome (starkes Immunsystem, schnelle Heilung, Lebendigkeit) zu kommen, kommt es darauf an, wie wir in Stress-Situationen reagieren: Flucht oder Angriff.

Auf die Matte übersetzt, heißt es: Sich durch die Vinyasa mogeln oder extra langsam üben? In der Balanceübung krampfhaft festhalten oder sich mutig fallen lassen? In Savasana gedanklich schon die Abendgarderobe zusammenstellen oder tatsächlich das Gefühl aushalten, alles loszulassen?

Bakasana statt Bungeespringen

„Holen Sie sich den Adrenalinkick“, lautet die Werbung für Bungeespringer. Vielleicht sind wir Yogis, auch wenn wir nichts für lautes Geschrei und Show übrig haben, in diesem Aspekt doch nicht so verschieden von der Masse, die süchtig nach dem „Kick“ ist. Auch wir wollen aus dem Alltag heraus. Im Yoga machen wir Umkehrhaltungen, anstrengende Armbalancen, herausfordernde Rückbeugen, manchmal fast schon akrobatisches Zeug. Wir verordnen uns auf der Matte Haltungen, die uns an die Grenze des Zumutbaren bringen, um dadurch unsere Stressreaktion zu stärken. Flippen wir aus? Bleiben wir ruhig?

Der entscheidende Unterschied ist, dass wir diesen „Yoga-Stress“ lieben, dass wir ihn freiwillig üben, und dass wir wissen, wie gut er uns tut. Wir können ihn, genau wie den Atem kontrollieren.

Heute stresst uns schon jede Kleinigkeit, die nicht so läuft, wie wir wollen. Wenn es gelänge, die mentale Kontrolle nicht nur auf der Matte, sondern auch jenseits der Matte zurückzugewinnen, wäre die Welt (zumindest Berlin) ein freundlicherer Ort. Die Warteschlange vor der Kasse ist ab der Sekunde erträglich, in der wir jemandem, der nur die Butter vergessen hat, vorlassen. Dann nämlich haben wir das Warten gewählt.

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