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Yoga-Szene: Per Anhalter durch die Yoga-Galaxie

Von Alke von Kruszynski

Hatha-Yoga. Power-Yoga. Lach-Yoga. Hot-Yoga. Nackt-Yoga. Mutter-und-Kind-Yoga. Tantra-Yoga. Kundalini-Yoga. Disco-Yoga. Von der schlichten Flechtmatte, die in Indien unter den asketisch dünnen Gliedern eines versunken übenden Yogis liegt, hat Yoga als Lifestyle-Produkt einen bemerkenswert kurzen, dafür umso schillernderen Weg in die Epizentren des internationalen Lifestyles zurückgelegt. Seit vor 45 Jahre Swami Vishnu-Devananda, der Gründer des Sivananda-Yoga, auf den Bahamas die Beatles ins Omm sang – und damit offenbar einen Nerv der Pop-Ära traf –, hat Yoga sich in den westlichen Nationen verbreitet wie sonst nur McDonald’s.

In der Flut modernster Yoga-Hybride scheint trotzdem noch Platz für die ungewöhnlichsten Ausprägungen zu sein. Flexibel wie ein Yoga-Guru passt sich die altindische Lebensphilosophie nach 5000 Jahren Existenz noch den skurrilsten westlichen Modernisierungsmaßnahmen und Übernahme-Attitüden an. Seit in den frühen Siebzigern die ersten Aussteiger und Hippies zu Räucherstäbchen und Esoterik-Klängen begannen, sich meditativ in Lotussitz und Kopfstand wiederzufinden, ist viel passiert. Inzwischen gilt Yoga kaum noch als spirituelles Elfenbein-Türmchen, zu dem nur Auserwählte und Spinner Zugang suchen – im Gegenteil: Dreißig Jahre danach finden Menschen jeder Herkunft, jeden Alters, jeder geistigen und weltlichen Anschauung ihren Weg auf die ökologisch korrekte Yogamatte.

Urbane Menschen können in jedem Viertel ihrer Stadt oder online eine Vielfalt an Kursen besuchen, in denen die unterschiedlichsten Yoga-Stile praktiziert werden. Ein-, zweimal pro Woche eine Unterrichtseinheit, Wochenendseminare mit internationalen Yoga-VIPs, Yoga-Urlaub mit oder ohne Reiten/Wandern/Fasten/Tauchen oder gleich spezielle Trainingsseminare – was man dafür investiert, unterscheidet sich lediglich hinsichtlich Begeisterung, Finanzkraft, Überzeugung und Zeit.

Diesseits von Indien fährt Yoga längst in einem Zug, der seine Haltestellen in Konsum-Country eingerichtet hat. Muskeldicke Sportlehrer mit Gelfrisuren bieten als so genannte Fitness-Manager Yoga ebenso an wie Pilates, Rückenschule, Kickboxen oder Spinning-Stunden. Der Lifestyle-Markt hat die Nische weitgehend für sich erschlossen: In Tchibo-Welten, in Design-Verkleidung bei Habitat, für Kenner in speziellen Yoga-Onlineshops liegt eine bunte Palette an Zubehör parat, ob Nasenspül-Kännchen, Ökomatte, Designer-Yoga-Garderobe und jede Menge Dekor vom Altar-Figürchen über tibetische Klangschalen bis zum Meditationskissen mit Kirschkernfüllung. Ein zeitgemäßer Haushalt ohne Buddha-Bildchen? Spätestens nach Weihnachten 2009 kaum mehr vorstellbar.

Der Inder dagegen braucht auch in 2010 streng genommen nicht einmal eine Matte für seine tägliche Übungspraxis. Dafür ein mindestens fünf Jahre langes Yoga-Studium, um sich überhaupt Lehrer nennen zu dürfen. Die Adepten im Westen dagegen dürfen sich schon nach einer vierwöchigen Crashkurs-Ausbildung als solche bezeichnen.

Natürlich ist im Prinzip unwichtig, wie der Mensch zum Yoga findet – weit wichtiger ist, dass er den Weg sucht. Denn dieses Interesse ist Ausdruck eines allgemein wachsenden Bedürfnisses: nach mehr Lebensqualität, nach einem Ausgleich zur stetig drängender fordernden Welt und Arbeitswelt. Und es ist Ausdruck dafür, dass es eine Lösung zu geben scheint. Könnte Yoga nicht eben jenen Ausgleich bieten, wäre Yoga keine Lösung – und gäbe es im Umkehrschluss keinen Yoga-Boom.

Als erstrebenswert gelten über den Entspannungs-Zuwachs hinaus natürlich der verbesserte Körperzustand (mancher nennt Power-Yoga und Knackpo in einem Atemzug, ganz wie 20 Jahre früher Aerobic und Jane Fondas Barbarella-Body), ein insgesamt gesünderes Leben und Seelenfrieden in einer bedrohlich wirkenden, kälteren Alttagswirklichkeit. Weltfrieden, herbeigeatmet. Wie zur Bestätigung verzeichneten US-amerikanischen Studios einen signifikanten Anmeldezuwachs direkt nach dem New Yorker Trauma-Tag 9/11.

Und je mehr Mainstream zum Yoga driftet, desto mehr wird Yoga zwangsläufig Teil des Mainstreams. Dass manchen vor allem der Ehrgeiz ins Studio treibt, ist kein Geheimnis. Man verfolge nur einmal die neidischen Blicke, die beim Yogaunterricht durch den Raum fliegen, solange man selbst noch nicht in den Handstand wächst oder die Nase ans Schienbein gelegt bekommt.

Das Bein hinter den Kopf knüpfen können wie Sting oder Madonna, ist dennoch nicht, was der Ernsthafte oder gar der Purist unter den Yoga-Lehrern seinen Schülern empfiehlt. Doch streng genommen kennt Yoga kein Falsch und kein Richtig, kein Bewerten – stattdessen lehrt selbst der weltfremdeste Guru die grundlegende Weisheit: Der Weg ist das Ziel. Und ob es nun vom Disco-Yoga einen direkten Weg zur Erleuchtung gibt – ist bislang weder bewiesen noch widerlegt.

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