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Askese? Nicht in meiner Welt.

Askese? Nicht in meiner Welt.

Von Kristin Rübesamen

Entsagung macht mächtig

Eigentlich logisch, dass Askese so in Mode ist. In einer Welt, in der ein Überangebot an Waren einhergeht mit dem Gefühl, persönlich überfordert zu sein, ist der Reflex, diese Welt abzulehnen, nachvollziehbar. In der Erfahrung, sich der Welt und ihren Freuden zu verweigern, steckt viel mehr, als Askese-Anhänger annehmen. Denn Verzicht macht höllischen Spaß. Entsagung macht nicht nur schlank, sondern mächtig.

Der Asket ist ein Junkie

War vor Weihnachten alles mühsam, sinnlos und zuviel, kommt mit dem Verzicht der Sinn zurück ins Leben. Weg mit dem Spekulatius, dem Champagner, dem Gänsefett, her mit der Gemüsebrühe, dem Ingwertee, dem bedeutungsvollen Schweigen. Was vorher in Form von Weihnachtsfeiern und Familienfesten ertragen werden musste, wird nun Gramm für Gramm abgebüßt. Was sonst als Schicksal und Leid ertragen wird, stellt sich nun als Resultat des eigenen Willens dar. Der Asket bändigt nicht nur seine eigenen Bedürfnisse, er bändigt in seinen Augen sogar die Welt. Damit ist der Asket der größte Junkie von allen. Er bekommt für seinen Verzicht die ungeheuersten Machtgefühle.

Magersucht, Marathon und Drogen

Uns begegnet Askese heute in Form von körperlichen Schmerzen, die Menschen freiwillig auf sich nehmen, um einen tieferen Schmerz zu lindern. Es gibt 60jährigen Frauen, die seit Jahren mit Magersucht leben. Es gibt Marathonläufer, die ihren Körper schinden, um nur ja nicht stehen zu bleiben. Tja, ihr ahnt es, es gibt auch Yogis, die sich kaputt machen, weil sie abhängig geworden sind von der seligen Erschöpfung in Savasana. Yoga ist mit seiner Philosophie des Pratyahara, des Rückzugs von der Welt, die ideale Technik für Leute, die machthungrig sind, aber nichts essen wollen. Und ihr ahnt es: Yoga in dieser Weise zu üben, stellt niemals ein Gleichgewicht her, sondern verstärkt wie jede Droge in dir nur das, was schon da ist.

Knödel für Afrika?

Dabei kommt es im Yoga wie bei jeder Medizin auf die richtige Dosis an. Ich bin zum Beispiel ein schlimmer Kontrollfreak. Das mag den Schülern zu Gute kommen, da ich nichts übersehe. Meine Kinder aber fluchen. Ich habe auch eine Menge übrig für Askese, allein schon aus dem triumphierenden Gefühl heraus, nicht mit den Massen auf der Rolltreppe zu Haushaltswaren in den 6. Stock zu drängeln. Asketen sind nicht nur machthungrig, sie halten sich auch für etwas Besonderes. Fragen sie sich, ob es vielleicht obszön ist, schwungvoll Essen wegzuwerfen, um drei Kilo zu verlieren, während nur ein paar Flugstunden weiter Menschen verhungern? Menschen in Afrika haben mehr davon, wenn man die Knödel am nächsten Tag aufbrät und statt Diät-Shakes zu kaufen eine kleine Spende macht.

Die richtige Dosis Askese

Wir sind Yogis. Nach jeder Yogapraxis stellt sich unweigerlich ein Gefühl dafür ein, was gut funktioniert und was nicht. Wir spüren, wenn wir zu viel reden, wenn wir uns zu viel aufgeladen haben, wen wir vernachlässigt haben, wo wir uns melden müssten und wo es egal ist. Yogis müssen diesen Riesenwirbel um Entsagung nicht mitmachen. Wir haben die beste Technik der Welt, um es gar nicht erst zum Exzess kommen zu lassen. Glaubt mir, ich gebe mir manchmal die größte Mühe, es klappt einfach nicht. Meine Askese betrifft also weniger den Verzicht auf Vollrausch, Fleisch und Pralinen, ich beschränke mich darauf, gelegentlich das Abendessen einzuschränken. Was ich mir, denn ein bisschen weh tun soll es ja schon, dennoch auferlege, ist der Verzicht auf Selbstgerechtigkeit. Nicht immer recht haben voll. Verdammt schwer. Da ist eine Fastenkur nichts dagegen.

Askese tut gut

Askese tut gut. Aber nur richtige. Sie setzt voraus, dass wir verstehen, was wir tun und warum. Geht es um Gesundheit, um Macht, um Kontrolle oder darum, Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein starkes Nein hat eine Menge Kraft. Und machmal brauchen wir diesen Rückenwind.

Wozu man Nein sagen sollte? Da sind wir uns einig, denke ich. Antisemitismus, Faschismus, alles, was den Klimawandel verschlimmert, und natürlich gesättigte Fettsäuren.

Was meint Ihr? Ist Neugier ok? Ich wüsste zu gerne, was auf eurer Liste steht.

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