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Bild: iStockphoto.com - Marathon in Kanada

Ist Gesundheit die neue Religion?

Von Kristin Rübesamen

Die Kirchen sind leer, die Yogastudios voll.

Die Motive mögen ähnlich sein: Sehnsucht nach Gemeinschaft, das Gefühl von Isolation, Angst vor der bevorstehenden Woche. Auch die Effekte sind vergleichbar: innerer Frieden, leuchtende Augen, das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Doch entsteht dieses Gottvertrauen nicht mehr in der Kirche, sondern auf Gummimatten in verschwitzten Körpern zu den Klängen von Krishna Das, dem Rauschen des Ujjayi-Atems, dem Singen vom OM. Es ist dieselbe Hoffnung auf Erlösung, um ein paar große Worte zu gebrauchen. (Dieser Moment der Stille, bevor Leonard Bernstein loslegt mit dem „Ave Verum“ von Mozart...)

Selig ist, wer gesund und jung ist. Alter und Krankheit sind gesellschaftlich tabu.

Neuerdings werden alte Frauen in der Werbung gezeigt, aber nicht so, wie wir sie auf der Straße sehen, sondern topfit, superschlank und vorzugsweise am „eigenen“ Seegrundstück fotografiert. Wasser in den Beinen, Damenbärte und Schwimmringe erzeugen dagegen Ekel. Mit dem Grundprinzip von Yoga, der Einsicht in den stetigen Wechsel hat die Verehrung der Körper als Tempel in Studios, die „Hard Candy“ heißen, nichts mehr zu tun. (Während wir empfehlen, Damenbärte einfach abzurasieren, finden wir, dass wer Kuchen essen will, es gefälligst dürfen soll)

Die Menschen wollen Spiritualität, aber vor allem keinen Bauch.

Gerade hat man festgestellt, dass allen „Moppel-Ich“s-Bestsellern zum Trotz schlanke Frauen mehr verdienen als moppelige, während Männer mit sogenanntem stattlichem Gewicht mehr verdienen als schmalbrüstige. Der Körper ist also keineswegs nur eine „äußere Hülle“, als welche ihn viele abendländische Philosophen begreifen, sondern wird strategisch als Mittel zum Erfolg eingesetzt. Er ist Teil des „Kapitals“. Auf der Strecke bleibt die Seele, für deren Belange schlicht keine Zeit bleibt. Und dann? Kaufen sich die Menschen esoterische Ratgeber. (Wir empfehlen Yoga-Dates. Mit der Freundin zum Yoga und hinterher ein Glas Wein!)

Religion heißt Glauben und Zweifeln und hat mit Gesundheit nichts zu tun.

Für unsere Gesundheit können wir etwas tun. Wir können uns morgens den Wecker stellen und eine Runde joggen. Wir können statt Torte Tofu essen, und statt Gin& Tonics Grünen Tee. Wir werden uns besser fühlen und wir werden spürbar gesunder. Das ist eine Menge wert, auch wenn Gesundheit für die Jungen von uns abstrakt klingt, und irgendwie langweilig. Mit der Frage, warum wir leben, wie wir leben wollen und welchen Sinn „det Janze“ hat, hat Gesundheit nichts zu tun. Warum nicht? Weil sonst alle schwachen, kranken, wie auch immer gesundheitlich benachteiligten Menschen kein lebenswertes Leben führen könnten. Können sie aber.

FAZIT:  

Gesundheit ist die neue Religion, weil

1. an die Stelle von Gott ein makelloser Körper gerückt ist.

2. die Menschen lieber jung als gut sein wollen.

3. statt Nächstenliebe Unsterblichkeit angebetet wird

4. und doch bleiben alle Fragen, die Spiritualität betreffen, bei dieser Art von Körperverehrung unbeantwortet.

Ist die Frage trotzdem doof, weil

wir Yogis wissen, dass man Körper und Seele nicht trennen kann.

dass Yoga eine Technik ist, um Körper und Seele zusammenzubringen.

dass für uns körperliche Gesundheit alleine zu wenig, und reine Erleuchtung allein auch nicht hilft.

dass Yoga eine Technik ist, um seelische Defizite zu spüren, körperliche Schwächen zu mildern, dankbar zu sein, wenn wir gesund sind, geduldig, wenn wir krank sind, gelassen, wenn wir wütend sind, empathisch, wenn es um Andere geht. All das religiös, also eifrig, zu üben, ist harte Arbeit. Macht aber Spass.

Gott sei Dank.