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Yogalehrerin Gabriela Bozic im Interview
Bild: www.gabrielabozic.com

Gabriela Bozic über Glamour, Geld und Armut

Von Kristin Rübesamen

Sie ist die bekannteste Jivamukti-Yogalehrerin Deutschlands, gibt Workshops und Retreats auf der ganzen Welt und ist sogar beim Gala-Publikum bekannt: die ideale Gesprächspartnerin für ein Thema, das in der Yogaszene gerne weggelächelt wird.

Geld ist ein schmutziges Thema im Yoga. Können wir trotzdem drüber reden?

Unbedingt. Weg mit diesem ‚Geld ist nicht spirituell’. Geld ist eine Energieform. Ob es heilig oder unheilig ist, entscheidet unsere Absicht. Das Problem ist nicht das Geld, sondern die Art und Weise, wie wir es verwenden und was für eine Bedeutung wir ihm zuschreiben. Das haben Geld und Sex im Übrigen gemeinsam: Wir verlangen, danach, verurteilen dabei aber dieses Verlangen. Die Verurteilung macht dieses Verlangen hässlich. Und dann tun wir so, als ob Sex oder Geld schmutzig sind.

Du bist ein Star in der Yogaszene, wohnst zur Miete, - allerdings sehr niedlich, wie wir hier auf Skype sehen können-, lebst mehr oder weniger aus dem Koffer. Wie passt das zusammen?

Keine Ahnung, woher diese hartnäckige Überzeugung kommt, ein Yogalehrer, der nur einigermaßen bekannt ist, müsse reich sein. Leider stimmt das nicht.

Der Status in der Szene bemisst sich nicht nach Geld, Gott sei Dank, sondern wonach?

Nach der Zahl der Schüler in den Klassen und danach, für welche und wieviele Gigs man gebucht wird. Und heutzutage besonders nach deinem Status in den Social Media. Es gibt Lehrer, die mit Selfies von sich auf Instagram 800 Millionen Likes bekommen, das sind aber nicht unbedingt gute Lehrer. Das Problem ist, dass die Yoga-Welt und die Entertainment-Welt verschmolzen sind.

Ohne Facebook-Gemeinde hat ein Lehrer keine Chance?

Es geht auch ohne, aber wenn er bekannt werden will und mehr Leute erreichen will, muss er sich diesen Gesetzen beugen. In Amerika ist die Starkultur in der Yogaszene noch viel verbreiteter. Ich hoffe, das bleibt uns erspart.

Gerade konnte man im New York Magazine nachlesen, wozu dieser Starkult führt: einige weniger Lehrer führen das Leben von Superstars mit vierstelligen Tagesgagen, und der Großteil hangelt sich entlang der Armutsgrenze.

Mir hat gerade eine befreundete, sehr gute Lehrerin aus New York erzählt, dass sie eine Ausbildung zur Krankenschwester anfängt, um finanziell mehr Sicherheit zu haben. Es ist brutal, wenn Du eine Meditation unterrichten sollst und im Kopf nicht weißt, wie Du deine Krankenversicherung bezahlen sollst.

In dem Artikel ist auch von einer Lehrerin aus Seattle die Rede, die nach 23 Jahren Yoga und eigenem Yogastudio hingeworfen hat, um als Verkäuferin in einem Einkaufszentrum zu arbeiten. Kennst Du solche Fälle in Deutschland?

Ja. Eine Lehrerin aus München läßt sich gerade zur Webdesignerin umschulen, um nicht vom Yoga abhängig zu sein.

Warum verdienen Yogalehrer so wenig?

Ein Teil des Problems ist, dass Lehrer oft wenig Selbstwertgefühl besitzen und sich schwer tun, die eigene Arbeit wertzuschätzen. Manchen Lehrer ist es sogar peinlich nach anständiger Bezahlung zu fragen - siehe Frage 1. Man hört dann Sätze wie "Im Yoga geht es um die Heilung, nicht ums Geld". Dann dürften wir die Ärzte und Heilpraktiker auch nicht zahlen.  Die Studios haben riesige Kosten und damit sie einigermaßen profitabel sind, müssen sie sparen, wo sie können, also zuerst am Gehalt der Lehrer. Das weiß ich noch aus der Zeit, als ich selbst ein Yogastudio hatte. Dazu kommt, dass wir Yogalehrer kein Geld bekommen, wenn wir nicht unterrichten. Es gibt also kein Urlaubsgeld, und kein Geld, wenn du krank bist. Außerdem müssen wir uns privat krankenversichern lassen. Dann noch die Rentenversicherung und die Steuer, die in Deutschland gnadenlos ist. Mir kommen jedesmal die Tränen, wenn ich sehe, wieviel das kostet.

Hey, wir dachten, du bist die Prinzessin der Yogawelt. Dir werden glitzernde Designerkleider nach Hause geschickt, bevor du auf eine Gala gehst, und ein Chauffeur, der dich abholt?

Das macht mir auch richtig Spaß, auch wenn das einige vielleicht doof finden, aber freut euch nicht zu sehr. Solche Auftritte machen vielleicht ein Prozent meines Arbeitslebens aus. Die Realität sieht anders aus, und die Kleider muss ich wieder zurückgeben.

Wir wollen nicht indiskret sein, aber Du scheinst keine finanziellen Probleme zu haben.

Es hat mich über fünfzehn Jahre gekostet, da zu sein, wo ich jetzt bin, und eine Menge harte Arbeit.

Das würde ja bedeuten, dass alle, die es nicht schaffen, faul sind. Das stimmt aber nicht. Welche Rolle spielt zum Beispiel Charisma oder Glück?

70% Arbeit, 30 % Glück und das, was Du Charisma nennst, oder sagen wir besser: Charakter, oder das gewisse Etwas!

In Wahrheit ist die Yogawelt eben nicht besser als die „normale“ Welt, sondern genauso ungerecht, denn das gewisse Etwas kann man nicht lernen. Der Eintritt in die Yogawelt befreit einen also nicht vor weltlichen Dingen wie Altersvorsorge und Umsatzsteuervoranmeldung?

Natürlich nicht. Früher im sogenannten „Guru-System“ taten die Lehrer nichts anderes als unterrichten. Ihre Schüler haben für sie gekocht, geputzt, alles Weltliche erledigt. Heute ist das nicht so, also müssen Lehrer anständig bezahlt werden.

Fällt es Dir leicht, um Geld zu verhandeln?

Leichter als früher, aber ich bin dennoch froh, dass das nun in der Regel meine Assistentin für mich tut. Die Schwierigkeit besteht immer darin, zu erklären, wie viel „unsichtbare“ Arbeitszeit in die tatsächliche Dauer des Unterrichtens fließt. Die Auftraggeber gehen ganz naiv davon aus, dass Du nur 90 Minuten arbeitest, und ignorieren, wieviel Zeit du für die Vorbereitung, die Anreise, die Werbung etc. aufgewendet hast. Ganz zu schweigen von der Energie, die Dir abverlangt wird. Du stellst dich ja nicht vor hundert Leute und liest vom Papier ab.

Als Yogalehrer darfst Du nie zeigen, wenn Du erschöpft bist. Ganz schön grausam, oder?

Im Gegenteil, ich finde es sehr wichtig, nicht zu verbergen, wenn man erschöpft ist. Wir sind alle nur Menschen. Natürlich musst Du deinen Job gut machen, aber es wäre fatal, so zu tun, als wäre man perfekt. Wozu soll das gut sein?

Du machst Werbung für Yogaklamotten. Wie korrupt bist Du?

Gar nicht. Wenn ich etwas gut finde, unterstütze ich es gerne. Genauso bei Reisen. Natürlich gibt es Anfragen, wo dich jemand nach Florida oder St. Moritz fliegen will, damit Du ihn oder sie dort unterrichtest. Mach' ich eigentlich nie. Mich interessieren ganz andere Dinge im Moment.

Was denn?

Zum einen: mehr Projekte mit Frauen zu machen. In die Yogapraxis Erfahrungen, die wir als Frauen alle gemacht haben, zu integrieren - Probleme und auch Lösungsansätze. Zum anderen: Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation, Beziehungen, Karriere, Sinnfragen etc. zu entwickeln, bei denen Yoga die Grundlage bildet. Darauf möchte ich mich konzentrieren.

Dein Rat an deine jungen Kolleginnen, die alles hinwerfen, um Yogalehrerin zu werden?

Da halte ich es mit der Bhagavad Gita: Yoga kannst Du in allem finden, was Du tust. Jede Arbeit wird zu Yoga und jenen Sinn erlangen, nachdem sich alle sehnen, wenn Du sie mit Liebe machst, ohne dich von Erwartungen an ein Ergebnis abhängig zu machen.

Dann ist Angela Merkel gerade der größte Yogi Deutschlands mit ihrer Position in der sogenannten Flüchtlingsdebatte?

Ja, Wahnsinn. Es geht ihr nicht um richtig oder falsch. Darüber können wir lange streiten. Sie macht was getan werden muss, einfach weil es da ist. Ganz die Gita.

Danke für das Gespräch, Gabi!

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