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Yoga zuhause: Keine Erwartungen, kein Druck

Von Katharina Goßmann

Als ich vor sieben Jahren anfing, Yoga zu machen, schleppte ich mich höchstens ein Mal pro Woche ins Studio. Und das auch nur wegen meines schlechten Gewissens, der Nackenverspannungen und der teuren Club-Mitgliedschaft. Klar, die Lehrerin hatte Recht mit ihrem Hinweis, zwei Mal Yoga pro Woche sei das Minimum, wenn ich Resultate (sprich: unter anderem einen strafferen Körper) sehen wolle. Aber der Fußweg zum Studio dauerte mindestens zehn Minuten! Wie grausam, nach einem langen Arbeitstag noch körperlich aktiv werden zu müssen, wo doch zu Hause eine DVD und ein Bier auf mich warteten!

Heute lache ich über das Luxusproblemchen von damals. Denn mittlerweile weiß ich, dass Yoga eine ungeheure Wohltat für meinen Körper, meine Seele und meinen Geist ist. Konkret zeigt sich das daran, dass ich jetzt alles stehen und liegen lasse, um zur Yogastunde zu eilen – und zwar ungeachtet der Wetterlage. Aber besonders während meiner Ausbildung zur Yogalehrerin fiel auf, dass ich nicht besonders begabt in dem bin, was die amerikanische Yoga-Szene verharmlosend „home practice“ getauft hat. „Home practice“ meint das eigenständige Yogaüben, meist eben zu Hause. Die Idee fand ich ja ziemlich schick – einfach die Matte ausrollen und ein kleines Asana-Programm durchziehen. Aber dann habe ich es versucht. Und musste feststellen, dass es schier unmöglich ist!

Wenn ich mich umziehe, ruft meine beste Freundin an. Beim ersten OM dreht mein Mitbewohner die Musik überlaut. Und wenn ich beim zweiten Sonnengruß ins Schwitzen komme, beschließe ich, dass das ja auch reicht fürs Aufwärmen. Sieht ja keiner, wie schnell ich schlapp mache. Bei der stehenden Vorwärtsbeuge fällt mir dann auf, dass meine Beine völlig unzureichend rasiert sind und „unterbreche meine Praxis kurz“, um nachzurasieren. Und Wäsche zu waschen. Und die Spülmaschine auszuräumen. Und schon haben sich meine guten Vorsätze erledigt…

„Home practice“ klingt in meinen Ohren mittlerweile wie „Hausaufgaben machen“ und ist etwas, das ich mit schlechtem Gewissen vor mir her schiebe. Was hält mich davon ab, zu Hause in aller Ruhe Yoga zu praktizieren? Und zwar zu der Zeit, die mir am besten passt, und auf die Art, die für mich an diesem Tag die beste ist? Das sind immerhin Vorteile, die mir kein Studio bieten kann. Sind es wirklich die Ablenkungen von außen, die mich abhalten? Wenn ich ehrlich bin: Nein. Schließlich schaffe ich es ja ohne Probleme, zum Beispiel einen Film anzusehen. Dann hebe ich das Telefon eben nicht ab, und bitte meinen Mitbewohner kurz, die Musik leiser zu stellen. Die Ursache für meine Schwierigkeiten müssen also in mir zu finden sein.

Ich habe da auch einen Verdacht: Mein Perfektionismus könnte der Übeltäter sein. Tatsächlich baue ich unglaublichen Druck auf, was meine „home practice“ angeht. Zum Beispiel erwarte ich von ihr, dass sie – wie eine „echte“ Yogastunde – 90 Minuten dauert, alle Muskelgruppen anspricht und Stärke, Balance und Flexibilität gleichmäßig trainiert. Wenn ich ehrlich bin, erwarte ich von mir auch noch zusätzliche, originelle, inspirierende Asana-Sequenzen, die punktgenau meine Schwachstellen beheben. Ideal wäre auch, wenn dazu tolle Musik laufen würde. Und die Wohnung extrem gut aufgeräumt und sauber wäre. Überhaupt müsste ich eigentlich erst mal die ganze Wohnung zu so einer Art Yoga-Studio umgestalten!

Dieser kleine Ausschnitt aus dem Erwartungskatalog zeigt, wie unausweichlich mein Scheitern ist – solange ich an meiner Spaß-befreiten Einstellung festhalte. Da ich aber so unglaublich gerne eine völlig entspannte und individuelle Yoga-Praxis hätte, werde ich jetzt zu einer hilfreichen, wenn auch drastischen Maßnahme greifen: Es gibt es keine Regeln mehr für mein Yoga. „home practice“ wird von jedem Druck befreit. Warum sollte ich mir eine wunderbare Sache aufzwingen und mir damit den Spaß und die Leichtigkeit daran verderben? Ich weiß doch, wie gerne ich in Bus und Bahn die Wechselatmung praktiziere, auf dem Fahrrad „Jaya Ganesha“ singe, in Wartezimmern aller Art Hüft-öffnende Haltungen einnehme und beim Surfen spontan ein paar YogaEasy.de-Videos nachturne. Wer sagt denn, dass „home practice“ nur zuhause stattfindet? Mein Yoga wird in Zukunft kein perfektionistisches Erwartungsgefängnis mehr sein. Eigentlich soll Yoga doch befreien und bereichern. Und wenn meine Hausfrauenpsychologie stimmt, wird mein neuer Ansatz in Sachen „home practice“ auf Dauer sicher dazu führen, dass ich deutlich öfter die Yogamatte im Wohnzimmer ausrolle.

Die Illustration stammt von Thomas Kobbe