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Erinnerung an 9/11: Die Stille inmitten von Terror

Erinnerung an 9/11: Die Stille inmitten von Terror

Von Kristin Rübesamen

Irgendwann in dieser tausendfach beschriebenen Septemberwoche 2001 saß ich auf meiner Matte im OM, einem kleinen Yogastudio auf der 14th Street in Manhattan. Dem OM, in zweiten Stock eines baufälligen Bürogebäudes gelegen mit einer röchelnden Klimaanlage und den besten Lehrern von New York, das mein zweites Zuhause geworden war. Intuitiv ging ich hin, nachdem mein erstes Zuhause, New York City, Opfer eines gewaltigen Terroranschlages geworden war.

Während sich alles, was am 11. September passiert war, in mein Gedächtnis, wie man so grotesk sagt, eingebrannt hat, verschwimmt, was danach kam. Die Konturen verblassen, die Bilder rutschen durcheinander.

Die Erinnerung funktioniert natürlich nicht

Am 11. September, einem dieser glitzernden Spätsommertage, für die New York bekannt ist, hatte ich gesehen, wie nur ein paar Blocks entfernt südlich einer der Twin Towers einstürzte. Ich hielt meine kleine Tochter auf dem Arm und drehte ihren Kopf vorsichtig zu mir, damit sie es nicht sehen konnte. Idiotischerweise dachte ich, im Kindergarten sei sie am besten aufgehoben, aber Bernice, die Leiterin, stand in der Tür der alten Kirche, in dessen Souterrain die Kinder untergebracht waren, und schickte uns wieder nach Hause. Meine große Tochter hatten wir bereits aus der Schule abgeholt. Mein Mann war mit dem Fahrrad unterwegs zu dem, was später Ground Zero getauft wurde. Er war Reporter, auch in Deutschland hingen längst alle vor dem Fernsehapparat. Verschiedene Leute kamen später in unsere Wohnung, einer voller weißem Bauschutt, selbst in den Augenwinkeln klebte Dreck. Eine Freundin aus Deutschland, die gerade zu Besuch war, versuchte mit allen Mittel die Stadt zu verlassen. Vergeblich. Alle Brücken waren gesperrt. Einmal war von einem Privatflugzeug eines Designers die Rede. Wir blieben natürlich. Wir waren hier wie gesagt zu Hause. Jede Erinnerung, auch diese, ist eine Projektion, der Versuch einen Sinn herzustellen, wo es keinen gibt.

In den nächsten Tagen entwickelte sich eine vorsichtige, gedrückte Betriebsamkeit. Unterhalb der 14th Straße, wo wir wohnten, fuhr kein Auto mehr. Wir schleppten Wasserkanister nach Hause, wurden aufgefordert, Atemmasken zu tragen und die Fenster geschlossen zu halten. Mit einigen linken Freunden in Deutschland gab es Streit. Sie behaupteten allen Ernstes, den Terroranschlag, bei dem fast 3000 Menschen umkamen, habe das imperialistische Amerika verdient. Wir spendeten Blut. In der Grundschule meiner Tochter wurden Schuhe gesammelt für die Feuerwehrleute, von deren Stiefeln die Sohlen weggeschmolzen waren.

Wir ließen die Augen offen

Irgendwann rollte ich jedenfalls meine Matte aus. Jemand leitete eine Meditation an. Durch die verschmierten Fenster drang das Geräusch der Airforce One, mit der George W. Bush über den schwelenden Trümmern downtown kreiste. Wir ließen die Augen offen, manche weinten, einige rangen um Fassung, wieder andere saßen wie Felsen auf dem staubigen Boden. Allen war klar, wir waren hier nicht zum Spass.

Zusammen allein

Wenn ich an diese Tage denke, halte ich den Atem an. Alle schienen den Atem anzuhalten in jenen Tagen. Die Stille, der Schrecken, die Angst machten es schwer, zu atmen. Ich weiß noch, wie mir auffiel, dass sich die Menschen auf den Straßen plötzlich in die Augen sahen. Was man in den Augen der anderen sah, den Schrecken, die Angst und die Sorge, verstärkte beides: das Gefühl, zusammenhalten zu müssen und das Gefühl, am Ende doch alleine zu sein. Allein zu sein, war keine gute Idee. Jeden Abend liefen wir mit den Nachbarn zur 8th und 9th Avenue, um den Feuerwehrleuten, die von ihrer lebensgefährlichen Suche nach Überlebenden nach Hause fuhren, zuzuwinken.

Die Meditation bekam etwas Existentielles

Ich weiß nicht mehr, ob es wirklich gleich am nächsten Tag war oder ein paar Tage später, aber irgendwann ging ich in mein Yogastudio. Wußte ich, dass dort eine Meditation stattfinden würde? Ging ich auf gut Glück? Ich ging den üblichen Weg die 6th Avenue hinunter und hoffte, dort im Studio an das anknüpfen zu können, was vor dem Anschlag wichtig gewesen war. Während ich zu Hause Nudeln kochte, die niemand aß, während ich versuchte, die Kinder vom Fernsehapparat abzulenken, während ich stundenlang telefonierte und die Angst vor dem, was Bush den „War on terror“ nannte, wuchs, fand ich in meinem Yogastudio einen Ort, allein mit meinen Gedanken zu sein, allein, aber nicht einsam. Diese Meditation bekam etwas Existentielles. Zwei Sutren, gleich am Anfang der Yoga-Sutra, bringen es auf den Punkt.

1.2. Yogascittavrttinirodhah

Übersetzt: Yoga ist die Fähigkeit, sich ausschließlich auf einen Gegenstand, eine Frage oder einen anderen Inhalt auszurichten, und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verweilen.

1.3. Tada drastuh svarupe vasthanam

Übersetzt: Dann scheint in uns die Fähigkeit, etwas vollständig und richtig zu erkennen.

Das ist jetzt 17 Jahre her. Obwohl wir dachten, nach 9/11 würde nichts mehr sein wie zuvor, hat sich wenig geändert. Der Sound der Airforce One ist lauter geworden. Kriege wurden begonnen, die neue Kriege nach sich ziehen. Die Chance, still zu werden, haben absurderweise andere genutzt.

Alle rettenden Sitzungen während der Finanzkrise fanden am Wochenende statt, alle entscheidenden Deals wurden zwischen dem Schluss der New Yorker und der Eröffnung der Tokioter Börse gemacht. Nach diesen Pausen hat sich das Tempo an der Börse beschleunigt. Das heißt nicht, dass wir keine Pausen brauchen. Im Gegenteil: Die Welt braucht viel mehr Pausen. Vielleicht sind es am Ende die Pausen, die die Menschen am meisten miteinander verbinden. Wenn, und diese Bedingung ist nicht verhandelbar, sie diese Stille gemeinsam erleben. Und dann eine Erkenntnis stattfindet. Und sie dann umgesetzt wird.

Dazugehören – aber wozu?

Hannah Arendt schreibt in „Ursprung von Totalitarismus“  (1951), dass Einsamkeit eine entscheidende Ursache von Terrorismus ist. Nicht die Einsamkeit, die uns die Möglichkeit gibt, in einen inneren Dialog zu treten, sondern jene, in der Paranoia und Angst entstehen. Wenn ISIS-Kämpfer rückblickend darüber reden, was sie dazu brachte, sich der Terrorgruppe „Islamischer Staat” anzuschließen, sprechen sie oft genau über diesen Punkt: dass sie endlich fühlten, „dazuzugehören“.

Ich gehöre zu den Yogis, zu den Pazifisten, zu den Hippies

Dazugehören. Ich hatte dieselbe Sehnsucht, nur nicht als Kämpfer einer menschenverachtenden Killertruppe, sondern als jemand, der zufällig Zeuge eines Terrorakts geworden war, der zufällig überlebt hatte und sich jetzt fragte, was das bedeutete. Ich war mir nicht mehr sicher, aber dann wußte ich es: Ich gehöre zu den Yogis, den Pazifisten, den Hippies meinetwegen, denjenigen, die erlebt haben, wie die Friedensbewegung und die Demonstrationen in Bonn 1982 dem russischen Präsidenten Michail Gorbatschow geholfen haben, massiv abzurüsten.

Manchmal genügt es nicht, still zu werden. Manchmal muss man laut werden. Letzte Woche wurde es in Chemnitz laut. Es war die Popkultur, die die anständigen Menschen in Chemnitz gegen den rechtsradikalen Mob unterstützt haben. Es waren Punkbands, die die Menschen mobilisert haben, sich zu solidarisieren. Wir Yogis sollten uns auch was einfallen lassen.

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