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Erleuchtung ist der Vitamix für den Geist
Bildquelle: Istockphoto.com

Schon erleuchtet oder gehst du noch zu Lidl?

Von Kristin Rübesamen

Erleuchtung: Der Vitamix für den Geist.

Zum Beispiel Devi Duweißtschonwerdubist: Sie will nichts, sie braucht nichts, sie ist vollkommen im Reinen mit sich und der Welt. Wie sie da steht in ihren Yogaklamotten, mit einem seligen Lächeln, wie sie gleich einen kleinen Hund streicheln wird und sich zu einem Obdachlosen setzt, bauchfrei, einen Matchatee in der Hand und strahlt, so jenseitig, so unverschwitzt, so...anders als die anderen. Später geht sie nach Hause, zieht die Vorhänge zu und weint, weil es so anstrengend ist, erleuchtet zu sein.

Liebe Devi Duweißtschonwerdubist, bitte sei nicht trauig. Du musst nicht erleuchtet sein. Du musst keinen Altar in deinem Zimmer aufstellen mit einem indischen Gott drauf, du musst keine Mala tragen, keinen Sanskritkurs belegen, deinen Besitz verschenken inklusive deiner geliebten blöden Halskette, du musst keine Hunde streicheln, obwohl du lieber Katzen magst, du musst auch keinen grünen Tee trinken, obwohl dir nach Kakao zumute ist. Erinnere dich, wie alles angefangen hat. Wie gut es dir getan hat, Yoga zu üben, wie schön es war, hinterher in eine Bar zu gehen und mit deiner Freundin ins Kino? Wann warst du zum letzten Mal unter Leuten? Sicher, du wirst jetzt vorgestellt als Yoga-Aktivistin, du spürst die neidischen Blicke der anderen Frauen, aber wann hast du zum letzten Mal einen blöden Witz gemacht und trotzdem gelacht?

Der Erleuchtungsterror unserer Zeit

Vielleicht ist das das Traurigste am Erleuchtungsterror unserer Tage, dass er so langweilig ist. Und die Sehnsucht nach endgültigem seelischen Frieden trotzdem rührt. Doch beginnen wir am Anfang. Denn ursprünglich war Erleuchtung etwas Feines.

Im Buddhismus und im Yoga galt derjenige als erleuchtet, der den höchsten Bewußtseinszustand erreicht hatte, der frei war von allen irdischen Sorgen und Nöten, der in vollkommener Einheit mit Gott lebte.

Im spirituellen Penthouse

Das Phänomen der Erleuchtung gibt es in den meisten Religionen, soweit ich weiß, in jedem Fall auch in der christlichen Mystik. Erleuchtet ist dort zum Beispiel derjenige, der den Heiligen Geist persönlich kennt. Erleuchtet sind also alle jene, die es geschafft haben, die nicht wie wir in unseren Kellerlöchern Sünden begehen und von Netflix abhängig sind. Die Erleuchteten wohnen woanders, irgenwo da oben, in einer Art spirituellem Penthouse.

Erleuchtung im Yoga

In den meisten alten Yogaschriften wird Erleuchtung als das Licht am Ende des Tunnels gesehen, mit Freiheit (Moksha) und Einheit (Samadhi) gleichgesetzt. Es ist ziemlich kompliziert, denn Erleuchtung gilt in der Tradition des Patanjali, in der die meisten Yogamethoden wurzeln, als Aufhebung des dualen Denkens. Sobald die Trennung zwischen dir und Gott oder jener höheren Macht, an die du glaubst, aufgehoben ist, bist du erleuchtet. Das Ziel, eins zu sein mit dem Universum, hebt auch die Trennung zwischen Körper, Geist und Seele auf. Man steckt sofort tief in Fragen der Metaphysik und Psychologie oder deren Kombination, wie sie ein Star der Szene, Ken Wilber, furios beherrscht.

Der spezielle Zauber, der vom Begriff der „Erleuchtung“ ausgeht, erklärt sich auch von dessen Verständnis als heilsvermittelnder Versenkungszustand. Um diesen zu erreichen, kann man auch etwas nachhelfen. Zumindest war „Erleuchtung“ schwer in Mode, als man damit auch psychodelische Drogenexperimente legitimieren konnte. Als deren Image und das der drogennehmenden Boheme nicht mehr galt, verlor auch der Begriff der Erleuchtung an Bedeutung. Reste von diesen ehemals gloriosen, gleichwohl verschwommenen Lobpreisungen visionärer Lichterlebnisse, wie sie Drogenphilosophen wie Timothy Leary beschworen, finden sich bis heute in der Rhetorik noch der bravsten Yogaschule, die in eine aufwendige Lichtinstallation investiert.

Heute ist Erleuchtung ein Wort geworden, das zwar nur augenzwinkernd benutzt wird, das jedoch zum Marketingrepertoire einer Konsumgesellschaft gehört, die von nichtgesättigten Fetten über Hanfshampoo, von Superfoods alles ins Regal stellt, was sich zu Geld machen läßt.

Hätte Buddha heute einen Twitter-Account?

Auch die ursprüngliche harte Arbeit und Disziplin, die an den Tag legen muss, wer erleuchtet werden will, passt auffällig gut zu neoliberalen Tugenden wie Mobilität, Effektivität und Optimierung. Hätte Buddha heute einen Twitter-Account? Natürlich.

Die Sehnsucht nach Erleuchtung, danach, dass es keine Trennung mehr zwischen Gut und Böse, zwischen unserem Ego und dem von Harald oder Gesine gibt, dass wir nie mehr neidisch, und ängstlich und enttäuscht werden können, ist nachvollziehbar. Aber dass Yogis erleuchtet durch die Einkaufspassage schweben sollen, frei von allen Bedürfnissen, von Vorlieben und Abneigungen, ist in Zeiten, wo die Welt im Umbruch ist und ein klarer Geist gefragt ist, nicht nur fragwürdig. Sondern auch bequem. Deshalb liebe Devi (die du in uns allen steckst), frage dich, weshalb du gerne erleuchtet wärst und ob sich der Stress, besser als andere sein zu wollen, lohnt?

Erleuchtung isoliert, selbst vorgetäuschte. Viel schöner wäre es doch, wenn alle erleuchtet wären.

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