Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.

  Heute ist Weltyogatag ywy-logo1 Tag gratis einlösen

Large yoga yogalehrer bezahlung
Shutterstock

Einatmen, ausatmen...., ausziehen: Wie bitte?

Von Kristin Rübesamen

Neulich stand ich morgens vor einer Gruppe Yogis und sagte eine Runde Feueratem an. Eine der Schülerinnen schniefte, und ich sagte: „Bleibt bei eurem Rhythmus, nicht nachlassen...“ und weiter an die Schülerin gerichtet: „Zähneputzen?“ Alle lachten freundlich. Ich hatte sie natürlich fragen wollen, ob sie ein Taschentuch braucht, um ihre Nase zu putzen. Es wurde schlimmer. In einer kleinen Rückbeugen-Sequenz forderte ich dazu auf, „mit dem Becken zu kiffen“. Hysterisches Gelächter bei allen, bei mir machte sich Ratlosigkeit breit. Ich vertrage kein Marihuana und die Schüler sind längst aus dem Alter raus. Ein paar Abende zuvor hatten mir Freunde davon erzählt, welche Politiker in Berlin kifften, um „runterzukommen“. Dieser Gedanke hatte sich, ohne dass ich es merkte, in meinen Unterricht geschlichen. Wie war das möglich?

Yoga üben statt kiffen

Ich hatte einen Wochenendworkshop in einer anderen Stadt absolviert, zurück in Berlin noch eine Stunde unterrichtet und stand am nächsten Morgen wieder auf der Matte: Zum Unterrichten, nicht zum Üben wohlbemerkt. Kurz, der Versprecher verriet es, ich war ein bisschen überarbeitet. Zwei Ausrutscher in 20 Jahren sind nicht tragisch, aber mir wurde wieder einmal klar, wie wichtig die eigene Praxis für den Unterricht ist. Ich übe täglich und merke es genau, wenn ich einmal nicht übe, was tatsächlich nur in Notfällen vorkommt oder wenn ich krank bin. Alle Freunde wissen, dass ich meine Praxis vorziehe. Sympathisch ist das nicht, und ich bin dankbar, dass sie mich noch nicht verstoßen haben.

Heimlich mitturnen

Aber wie machen es die anderen? Ich begann, meine Kollegen zu fragen. Das Ergebnis war erschütternd. Viele üben nur ein- zweimal die Woche, einige wenige nur einmal alle vierzehn Tage und andere erzählten mir vertraulich, dass sie ihre Praxis im Unterricht verstecken und einfach „mitturnen“. Anders könnten sie ihren „Job“ nicht machen.

Ist Yoga unterrichten überhaupt Arbeit?

Es fällt uns Yogalehrern schwer, von unserer Arbeit als Job zu sprechen. Weil viele von uns diese Arbeit aus Leidenschaft machen und nicht wie ihre erste Karriere aus Gewinnstreben, fällt es uns schwer, die Kriterien, die jeden anderen Arbeitsplatz als guten oder schlechten definieren, auch auf unsere Yogalehrertätigkeit anzuwenden.

Ich spreche aber bewusst von einem Job, denn ein Grund dafür, dass Yogalehrer die eigene Praxis vernachlässigen, ist, dass ihnen die Zeit fehlt. Sie müssen mehr unterrichten, als sie wollen, um über die Runden zu kommen. Sie sparen also daran, selbst zu üben. Und nicht nur das, sie unterrichten auch, wenn sie angeschlagen sind. Denn sie bekommen kein Geld, wenn sie nicht unterrichten. Sie schaffen es oft nicht, Geld für schlechte Tage zurückzulegen. Was sie tun werden, wenn sie alt sind? Die Frage ist tabu. Wenn sie berufsunfähig werden? Die Frage ist ebenfalls tabu. Meine Umfrage hat ergeben: Viele Yogalehrer verkaufen Gesundheit, und sparen an der eigenen. Sie erlauben sich keine Ferien, weil ihre Arbeit in der Wellness- oder Erleuchtungsindustrie (je nach Standpunkt) ja eigentlich keine Arbeit ist. Besonders Lehrer, die Retreats unterrichten, kennen die Sprüche und haben sie sich zu eigen gemacht: „Immer in der Sonne, ja? Und morgens und abends bisschen Yoga? Geiler Job.“

Du bist altruistisch? Selbst schuld

Dabei sind wir Yogalehrer noch sehr gut dran. Aber es geht uns wie anderen Berufständen, die nützliche Arbeit verrichten. Die Gesellschaft bestraft sie. Nach welcher Logik? Nun, offensichtlich nimmt man an, dass altruistisch veranlagte Menschen die Last der Sparmaßnahmen tragen sollen, da sie ohnehin gewillt sind, für andere da zu sein. Wenn Du also Lehrerin bist, machst Du das eh nicht für Geld, so dass du auch kein Geld verdienen musst. Wenn Du als Krankenschwester arbeitest, dann, weil du so ein großes Herz hast und dich gerne aufopferst, also ist es nur logisch, dass dir die Gesellschaft wenig bezahlt. Wir wollen als Gesellschaft keine Lehrer und keine Krankenschwestern, die sich für Geld interessieren, richtig? Deshalb zahlen wir ihnen auch nichts. In der Gesellschaft besteht sogar regelrecht ein Widerwillen gegen Leute, die für das Gesamtwohl der Gesellschaft arbeiten und trotzdem gerne ein normales Mittelschichtsleben führen wollen.

Selbstausbeutung der Yogalehrer

Die Yogaphilosophie füttert diese Ausbeutung. Wie oft hat man uns erzählt, nicht nach dem Gewinn zu schielen, sondern etwas um seiner selbst willen zu tun? So richtig und wichtig dieser Gedanke ist, weil er die Diskussion über die Werteordnung in unserer Gesellschaft ankurbelt und auch dabei hilft, die eigenen Prioritäten wieder in die richtige Ordnung zu bringen, so fatal ist er, wenn er einem ganzen Berufsstand gegenüber angewendet wird. Altruistische Arbeit hat einen Wert an sich, keine Frage, aber sie findet in einem Kontext statt, der alles quantifiziert. Auch Yogalehrer müssen Steuern zahlen, Sozial- und Krankenversicherung, sie müssen Kinder ernähren und ihre Miete zahlen, sie haben ein Fahrrad, das geklaut wird, sie müssen eine Stromrechnung, die Reparatur eines maroden PC und eine teure längst überfällige Weiterbildung bezahlen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Solange die Gesellschaft ihnen diese Kosten nicht abnimmt, müssen Yogalehrer anständig bezahlt werden.

Was sagt Patanjali?

Bevor wir Marx zitieren, fragen wir noch mal, was Patanjali zu sagen hat. In einem meiner Lieblingssutras, Vers 1.12 schreibt er:


abhyāsa-vairāgya-ābhyāṁ tan-nirodhaḥ

Was in meiner Übersetzung so viel heißt wie:

Wir brauchen beides: Enthusiasmus und Disziplin. Und das Gefühl, von allem befreit zu sein. Nur, wenn sich beides die Waage hält, können wir klar denken.

Investiert in Yogalehrer!

Um die Hingabe, das Loslassen, das Gefühl, nicht nach dem Gewinn zu schauen, unterrichten zu können, müssen Yogalehrer selbst ein stabiles Fundament haben. Wer sich mehr Yoga in unserer kranken Gesellschaft wünscht, muss in die Yogalehrer investieren.

Ich liebe meine Kollegen und es rührt mich, wenn ich sehe, wie sie sich Mühe geben und wie hart sie arbeiten, obwohl ihnen diese Mühe niemand bezahlt. Sie lieben es, Yoga zu unterrichten und sie tun dies nicht, weil sie Geld verdienen wollen. Aber sie brauchen Geld, um weiter gut unterrichten zu können. Also bezahlt sie endlich vernünftig!