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Beweglichkeit? Wichtig, aber anders, als du denkst

Beweglichkeit? Wichtig, aber anders, als du denkst

Von Kristin Rübesamen

1. Beweglichkeit macht widerstandsfähig

Menschen, die widerstandsfähig sind, tendieren dazu, flexibel zu sein. Flexibel in der Art und Weise, wie sie Herausforderungen begegnen, flexibel vor allem auch in der Art, wie sie emotional mit Stress umgehen. Sie haben nicht nur eine Masche drauf, sondern wechseln ihre Strategie entsprechend der Umstände. Dazu gehört auch, Umstände, die man nicht ändern kann, zu akzeptieren und aus Fehlschlägen und Misserfolgen zu lernen. Dazu gehört, Wut und Trauer als Treibstoff zu nützen für Mut und Mitleid, Gelegenheiten zu erkennen statt Widerstände, Sinn statt Widerspruch. All das ist Yoga. Warum? Weil Yoga uns lebendig macht und Leben Veränderung heißt. Veränderungen aber fordern uns heraus. Damit sie nicht wie Wellen über uns zusammenbrechen, müssen wir uns bewegen. Deshalb ist Beweglichkeit vor allem eine Charaktereigenschaft, und hat nichts damit zu tun, wie „offen“ deine Hüften sind.

2. Der bewegliche Mann

Männer tun sich schwer, auf dem Boden zu sitzen. Immer wieder sieht man Männerberge auf übereinandergestapelten Klötzchen sitzen, die Rücken krumm, die Knie unter Kinn und in den Augen die nackte Panik, herunterzufallen. Männer haben oft Angst vor Yoga, weil sie denken, sie seien zu steif. Und sportliche Typen reden gerne über Definition und Muskelbau, und nur selten über Beweglichkeit. Schon Stretching hat den Status von Zahnseide.


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Warum ist es für Männer schwerer?

Beweglichkeit ist neben Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit eine der vier motorischen Grundeigenschaften der Menschen. Beweglich zu sein, bedeutet den natürlichen Bewegungsspielraum der Gelenke optimal ausschöpfen zu können. Dafür muss die Elastizität von Muskeln, Sehnen und Bändern durch regelmäßiges Dehnen erhalten bleiben. Da Männer schneller als Frauen Muskeln aufbauen, neigen sie auch eher zu Verspannungen. Besonders der vordere Oberschenkelmuskel, die hintere Oberschenkelmuskulatur, die Rückenstrecker und die Brustmuskulatur weisen eine höhere Spannung der Muskulatur auf, genannt Muskeltonus. Hinter dem Mythos der Muskelverkürzung – Achtung: Muskeln sind immer gleich lang und können nicht „verkürzt“ werden – stecken in Wirklichkeit dieser Tonus und der jeweilige Grad der Spannung. Befinden wir uns im Gleichgewicht, erhöht sich der Tonus der Muskeln, die wir bewegen, entsprechend. Neigen wir aber zu einseitigen Bewegungen (die unvermeidliche „Sitz-Beugehaltung“ am Schreibtisch, harte einseitige körperliche Arbeit) wird der erhöhte Tonus zum Dauerzustand und führt zu jenen quälenden Verspannungen, die dann eine Thai-Masseurin wegzaubern soll. Deshalb ist Yoga für Männer auf dieser anatomischen Ebene so außerordentlich wichtig. Von allen positiven mentalen und emotionalen Effekten (siehe oben) abgesehen.

3. Die hyperflexible Frau

Über Frauen, sorry, es sind in erster Linie Frauen, die hyperflexibel sind, haben wir schon berichtet. Zunächst zu den Frauen, die sehr beweglich sind. So graziös und elegant es aussehen mag, wenn sie in den Spagat gleiten oder in eine breite Grätsche, so riskant ist dieser Spaß auf Dauer. Ich spreche aus Erfahrung, über Jahre konnte ich mich nicht zurückhalten. Das Gefühl der massiven Dehnung weitet, so kenne ich es jedenfalls, den Geist. Ich fürchte, ich war ein wenig süchtig nach danach. Der Wunsch, weiter zu gehen, weiter gehen zu wollen, verdankt sich weniger als angenommen dem Wunsch danach, flexibler sein zu wollen als die anderen, als vielmehr dem Wunsch danach, etwas auszureizen, an und über die eigene Grenze zu gehen. An diesem Punkt wirkt Yoga auf einer tieferen Ebene. Sobald wir nämlich spüren, dass wir nicht nur an, sondern konstant über unsere Grenzen hinausgehen, sollten wir uns fragen, warum. Ein Spagat hat noch niemandem das Leben gerettet. Ein perfekter stehender Spagat vergrößert nicht das Mitgefühl gegenüber anderen.  Ein stehender Spagat, in dem wir unsere Balance testen, genau spüren, was gerade gleichzeitig auf allen Ebenen, der körperlichen, emotionalen und geistigen, abgeht, hat dagegen einen Effekt. Er schärft unsere Aufmerksamkeit, lässt uns genau hinhören, wie viel Dehnung guttut, wann es zu viel ist, wo wir zu phlegmatisch und wo zu draufgängerisch sind. Ein halber stehender Spagat ersetzt unter Umständen eine Psychotherapie (Oh, hier wird es Widerspruch hageln...).

Unfreiwillig hyperflexibel

Es gibt auch Menschen, die ohne eigenes Zutun hyperflexibel sind. Ich kenne einen Anwalt in London, der wie eine Balletteuse am Royal Opera House mühelos in einen 180-Grad-Spagat rutscht. Ich kenne Menschen, die ihre Finger auf eine Weise zurückbiegen können, dass mir dabei schwindlig wird, und solche, die im Rad, Urdhva Dhanurasana, ihre Fersen umklammern, dass einem angst und bange wird. Sogenannte Schlangenmenschen, die ihre Beine hinter den Kopf klemmen können im Stehen, haben als Zirkusattraktionen im 19. Jahrhundert dazu beigetragen, dass Yoga als krasse Körpertechnik bekannt wurde, lange bevor man sich daran erinnerte, was Yoga sonst noch kann. Für Menschen, die hyperflexibel sind, ist dieses Talent nicht ungefährlich. Sie müssen lernen, gegenzusteuern, um ihre Gelenke zu schonen. Dazu braucht es die entsprechende Erkenntnis und Selbstdisziplin.


Fazit

Wir lernen also, dass Beweglichkeit nicht immer eine Gnade ist, sondern auch eine Belastung sein kann. Beweglichkeit in der Weise, die uns wach hält und aufmerksam gegenüber unseren eigenen Bedürfnissen und denen unserer Umwelt, dagegen eine Tugend ist. Und zuletzt: Wenn uns Beweglichkeit hilft, robuster und stabiler, mutiger und origineller mit Herausforderungen umzugehen, warum verändern wir uns dann nicht zum Besseren? An Herausforderungen mangelt es nicht gerade, oder? Nicht weniger ist gemeint, wenn wir sagen: GO WITH THE FLOW.

Und jetzt du.

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