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Bild: iStockphoto.com

Singles: Allein, aber nicht einsam

Von Kristin Rübesamen

Es sind nicht nur die Freaks. 50 Prozent Singlehaushalte in Paris, 60 Prozent in Stockholm, in Berlin sind es 30 Prozent. Eine demografische Tatsache, die das Stigma des Alleinseins aufheben müsste. Denn Menschen, die alleine leben, gehen öfter aus, treffen ihre Freunde häufiger, kümmern sich umeinander. Sie engagieren sich sogar häufiger ehrenamtlich.

„Allein zu leben funktioniert nur deshalb, weil wir in solchen dichten Netzwerken verankert sind. Es ist die gegenseitige Abhängigkeit, die uns unabhängig macht“, sagt der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg (in einem Spiegel-Interview vom 2.1.2013).

Warum haben wir dann solche Angst davor, allein zu sein?

Es gab nicht viele Situationen in meinem Leben, in denen ich wirklich völlig alleine war, in eine Stadt zog, in der ich niemanden kannte, zu einer Gruppe stieß, die mir fremd war oder in ein Land kam, dessen Sprache ich nicht beherrschte. In diesen Situationen, so viel Kälte sie zunächst auch ausstrahlten, versteckte sich ein Reiz, der mich mit der Zeit süchtig machte. Einmal zog ich in eine Stadt und wohnte als Untermieterin in einer kleinen Wohnung in einem toten Viertel ohne jeden Reiz. Mein einziges Programm bestand darin, mich abends mit einem jungen Mann, der schwierig war und schöne Locken besaß, zu treffen. Morgens ging er und ich war wieder allein. Ich trödelte herum und aß alles, was ich im Kühlschrank des Mieters, den ich nur selten zu Gesicht bekam, finden konnte. Dann schlenderte ich mit den Rentnern zum Supermarkt und spazierte lange durch die Gänge. Die Vorstellung, für immer in dieser Warteschleife gefangen zu sein, amüsierte mich, doch eines Abends saß ich auf dem Gepäckträger des Freundes, das Fahrrad bekam einen Platten und die Romanze war zu Ende.

Es gab auch aufregendere Situationen des Alleinseins, in denen ich in einer russischen Limousine landete, auf einer Grillparty in South Central, LA, oder einer Sanskritbibliothek auf einem einsamen Hügel mitten in Karnataka, aber in der Regel war es nichts Besonderes, ein neuer Kurs an der Uni, ein neuer Job, eine neue WG. All diesen Situationen war jedoch eines gemeinsam: Ich fühlte mich auf eine herrliche Weise lebendig.

Regelmäßig, besonders jetzt vor Weihnachten, werden Studien veröffentlicht, die die Einsamkeit von Menschen untersuchen. Oft sind es alte Menschen aus reichen westlichen Ländern, und meist werden sie zusammen mit einer mickrigen Topfpflanze fotografiert, und schauen hinter einer Gardine hinaus ins wilde Leben. Die Botschaft ist klar: Menschen, die alleine sind, bleiben draußen, sie bleiben Zuschauer. Ärzte bestätigen ihnen, dass sie leichter krank werden, schlimme Krankheiten bekommen und früher sterben. Sie treffen damit genau ins Schwarze, denn wovor Menschen, die alleine leben, sich am meisten fürchten, ist die Angst, zu sterben und nicht gefunden zu werden.

Ich finde, diese Studien sind an Scheinheiligkeit schwer zu überbieten. Die Diskussion über Einsamkeit verläuft immer gleich: Einer sagt, Einsamkeit ist das Schlimmste, der nächste sagt, am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit, und schließlich: Alleinsein ist nicht gleich Einsamkeit. Es ist nicht so, dass über Einsamkeit nicht geredet würde, und trotzdem habe ich das Gefühl, es bleibt eine Scheindebatte.

Ich kenne viele Menschen, die alleine leben. Sie wären vielleicht auch lieber zu zweit, vielleicht aber auch nicht. Es sind interessante Typen, und wenn sie älter sind, würde vielleicht auch der Begriff „kauzig“ zutreffen, sie haben ein Innenleben, das oft viel spannender ist und unterhaltsamer als das Programm von verheirateten Frauen, die über die Schulprobleme ihrer Kinder jammern, und dass der Innenhof nicht hübsch begrünt ist. Dem medialen Gejammer über die Einsamkeit vieler Menschen liegt die Annahme zu Grunde, in festen sozialen Verbindungen ginge es immer ausgelassen und warmherzig zu. Was für ein Irrtum. Diese Fehlannahme führt dazu, andere verantwortlich zu machen und sich selbst zum Opfer.

Das Problem liegt in dem Begriff der Schuld, die dem Alleinsein einen hässlichen Stempel aufdrückt. Diesen Schuldzusammenhang gibt es allerdings nur in wenigen Fällen. Wenn man Zuwanderern keine Arbeitserlaubnis erteilt, wenn man Ausländer in Heime am Stadtrand abschiebt, wenn man alte Leute aus ihren Wohnungen vertreibt und all diese Menschen in die Isolation treibt, gibt es Schuld, aber auf Seiten der Gesellschaft, nicht der Betroffenen.

In allen anderen Fällen wäre es mir lieber, wir könnten uns darauf einigen, dass wir zuallererst selbst dafür verantwortlich sind, so zu leben, wie wir wollen. Das ist in keiner Existenzform einfach. Dazu, egal, ob alleine oder zu zweit, Disziplin, Aufmerksamkeit und auch das Festhalten an Ritualen, die sich bewährt haben.

Die wichtigste Beziehung - diese Floskel stimmt, sorry - haben wir zu uns selbst. Wenn dieses Fundament steht und wir uns dabei weder jeden Abend mit einer Flasche Cognac trösten müssen noch zum Querulant werden, der seine Umwelt beschimpft, ergibt sich der Rest von alleine. Der Rest könnte so aussehen, dass wir einem Chor beitreten, einen Buchclub besuchen, ausgiebig mit verrückten Verwandten telefonieren, uns in einer Disko abschleppen lassen oder endlich diese peinlichen Gedichte schreiben.

Einsamkeit ist ein Makel, den die Gesellschaft uns aufdrückt, es ist auch ein kommerzieller Trick, um uns zum Onlineshopping zu überreden. Keine Frage, es gibt Menschen, die unter ihrer Einsamkeit so leiden, dass sie sich nicht mehr trauen, unter Leute zu gehen, und denen muss man helfen. Aber Menschen, die mal länger aus dem Fenster schauen und mit ihren Pflanzen sprechen, sind noch lange keine Sozialfälle.

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