Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.

YogaEasy.de weiterempfehlen und gratis trainieren! ywy-logo 1 Freund = 1 Monat kostenlos! Mehr erfahren

Large mag istock 000021726504small
Bild: iStockphoto.com

Guru Brahma, äh, Broome

Von Kristin Rübesamen

Auf Youtube kursiert ein Video von einem kleinen Elefant , der im Indischen Ozean badet. Die Brandung spritzt seine kleinen Elefantenohren nass. Wieder und wieder wirft er sich in die Wellen, bis er  sich plötzlich laut kreischend vor Vergnügen,- wirklich, es sieht genauso aus, - kopfüber in den Ozean wirft, und nur noch seine runden rosa Fußsohlen zu sehen sind.  Die meisten Gurus sehen anders aus, dafür gibt es einen indischen Gott, der aussieht wie ein Elefant. 


Für jeden Yogi im Westen kommt früher oder später der Moment, wo er Ganesh, dem Elefantengott, begegnet. In der Regel in der Form einer kleinen Tonfigur, die im Yogastudio herumsteht, oder als Abbildung auf den T-Shirts, die dort verkauft werden. Ganesh ist ein sehr beliebter Gott, mit seinem großen Rüssel saugt er alle Sorgen auf.  Es gibt eine Menge Götter im Hinduismus, dazu noch Halbgötter, - es ist ein bisschen wie beim Springer Verlag, für einen Außenstehenden sehr verwirrend. Manche haben mehrere Namen, manche zwei Ehefrauen. Ganesh, dessen Rüssel Weisheit verkörpert, reitet auf einer kleinen Maus, die für Ego und Gewinnsucht steht. Er hat sie im Griff, - logisch, er ist Gott, - und die Maus hat nichts zu melden.


Die hinduistische Götterwelt bleibt für mich bis heute abstrakt, obwohl ich auch schon mit einem aus Sandelholzpaste aufgemalten Bindestrich auf der Stirn herumgelaufen bin,- Symbol für Shiva, einen der drei Chefgötter, zuständig kurzgesagt für Vergänglichkeit. Ich gehöre nicht zu den Yogis, die sich dauernd mit den indischen Göttern beschäftigen. Ich habe auch keinen spirituellen Namen so wie viele Yogalehrer, um mich von der materiellen Außenwelt abzuheben. Meine ehemalige Kollegin im London, eine Punkrocksängerin aus Amerika, nennt sich zum Beispiel Durga, (auch eine Hauptgöttin), und verehrt Ganesh. Wenn wir nach dem Unterrichten zusammen ein Bier trinken gegangen sind, habe ich sie gefragt: „ Hast Du eine Zigarette, Durga?“


Mächtiger als die Götter sind auf dem Planeten Yoga nur die Gurus. Heute, wo jeder seinen Zahnarzt Guru nennt oder den, der sich um seine Lendenwirbelsäule kümmert, ist es wichtig, daran zu erinnern, was einen Guru tatsächlich ausmacht. Ein Guru ist wörtlich übersetzt einer, der die Dunkelheit vertreibt. Es ist nicht jemand, der 93 Rolls Royce besitzt (Osho), der Pensionsgelder seiner Lehrer rechtswidrig einfriert und Schülerinnen sexuell abhängig macht (Anusara Yoga-Gründer John Friend) oder gleich in einen Sex-Skandal verwickelt ist (Krichnamacharys Enkelsohn, Viniyoga-Lehrer Kausthub Desikachar).


Als anerkannte Gurus gelten Gandhi, Buddha, Jesus, Martin Luther King und Mutter Theresa. Sie sind ein bisschen wie Nachtwärter, gehen mit einem kleiner Öllampe voraus und weisen uns den Weg durch die Dunkelheit. Wer nicht findet, dass wir im Zeitalter der Finsternis leben, braucht in der Regel keinen Guru. Die meisten Gurus erkennt man also am Licht, das sie umstrahlt, an ihrer Gefolgschaft und daran, dass es wieder dunkel wird, sobald man sich aus dem Scheinwerferlicht ihrer Präsenz entfernt. Deshalb suchen die Menschen, sobald sie einen gefunden haben, auch die räumliche Nähe zu ihrem Guru. Wie in den Bildern von Goya sind die Räume jedoch manchmal unergründlich. Oft kann der Schüler nur das sehen, was der Guru für ihn erleuchtet. Deshalb versucht sich der Schüler die Gunst seines Gurus zu sichern. Deshalb wird jeder Guru früher oder später in Gefahr geraten, die Macht, die ihm vom Schüler zugewiesen wird, zu missbrauchen. Und deshalb hat Edward Clark, der fantastische Gründer der Londoner Yoga-Dance-Company Tripsichore, seine Yoga-Comedy auch „Kill the Guru“ genannt.


Es gibt auch Gurus ohne Wikipedia Eintrag, Gurus, die nicht mal wissen, dass sie welche sind. Der kleine Elefant, der so gerne badet. Liebenswerte Altenpfleger. Aber auch die Nachbarin, die einen täglich zwingt, ihre waschmaschinengroßen Amazon-Sendungen anzunehmen, der Busfahrer, der einem vor der Nase die Tür verschließt, die schwer erkältete Frau, die direkt neben uns auf ihre Yogamatte hustet, Menschen, die uns wahnsinnig machen, grässliche Gesandte einer höheren Vernunft, die uns zur Selbsterkenntnis zwingen.


Wenn der Guru die nächstbeste Person, die nächste rote Ampel, die nächste belanglose Email sein kann, die dich in deine Grenzen weist, dir deine Kleinlichkeit vor Augen führt und deine Selbstversessenheit, was unterscheidet dann den Guru vom Leben? Nichts. Gurus müssen nicht unfehlbar sein. Im Gegenteil, wären sie perfekt, hätten sie keine Ahnung von den Fallstricken und Niederungen des Lebens und könnten uns niemals zeigen, wie wir unseren inneren Frieden finden.


Gandhi zum Beispiel war, obwohl er stets dritter Klasse reiste und ein Meister an Bescheidenheit war, kein Heiliger. Als junger Mann demütigte er seine Frau und zwang sie, Latrinen zu reinigen. Und obwohl ihn Churchill anfangs noch einen „halbnackten aufrührerischen Fakir“ nannte, kapitulierte das englische Königreich schließlich vor ihm. Er lehrte den Westen „Ahimsa“, den Weg der Gewaltlosigkeit.
Mein Guru heißt Oskar. Es ist ein bulliger weißer Kater, der hier im Viertel herumspaziert, groß wie ein Kleinkind mit einem Fell wie Februarschnee. Neulich saß er auf einer für Touristen reservierten Holzbank vor einem Coffeeshop in den Hackeschen Höfen, die kostbare Mittagssonne im Gesicht. Er will nicht bewundert werden und auf seinem Halsband steht „Findet alleine nach Hause“. Das inspiriert mich total.

Diese Kolumne und weitere erscheinen im September in Kristin Rübesamens neuem Buch: "Das Yoga-ABC. Von A wie Atmen bis Z wie Zehnerkarte" bei Random House.

Diese Videos passen zum Thema