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Zu flexibel: Heute Instagram, morgen Rollstuhl?
Bildquelle: Shutterstock.com

Zu flexibel: Heute Instagram, morgen Rollstuhl?

Von Kristin Rübesamen

Beweglichkeit ist ein Fetisch unserer Gesellschaft, heute Hamburg, morgen Hongkong, zwei Wohnsitze, immer erreichbar: Wir haben uns daran gewöhnt. Auch im Yoga gilt, wer beweglich ist, als fortgeschritten und besserer Yogi. Was für ein Unsinn. Neue Untersuchungen zeigen: Besonders junge Frauen leiden an einer angeborenen Überbeweglichkeit, die im Erwachsenenalter gesundheitliche Schäden nachziehen kann.

Zur Erinnerung: Als Babys können wir mühelos die Beine hinter den Kopf klemmen und ungeheure Dinge anstellen. Doch sobald wir anfangen, zu gehen und zu stehen, brauchen wir mehr Halt, die Beweglichkeit geht zurück. Unser Bewegungsapparat ist ab der Pubertät so eingestellt, dass Knochen, Knorpel, Bänder und Muskeln zusammenarbeiten, Gelenke und Wirbelsäule stabiliseren und erlauben gleichzeitig ein weites Spektrum an Bewegungen, die wir zum Leben brauchen (oben im Schrank nach Zigaretten suchen, die Regenrinne saubermachen, Schuhe zubinden, beim Autofahren auf dem Rücksitz nach den Chips suchen, ihr versteht schon, was wir meinen). Beim Yoga in einer weiten Grätzsche auf dem Boden sitzen den Oberkörper wie ein Klappmesser nach vorne auf den Boden sinken lassen, bringt einem bewundernde Blicke der Nachbarn ein, aber auch die Möglichkeit, zu „überdehnen“ und Entzündungen zu riskieren.

Im Yoga bitte konservativ!

Vor allem die auswärts gerichteten Rotationen, im Yoga so beliebt wie im klassischen Ballett, verlangen von sehr beweglichen Yogis, gegen die „Öffnung“ anzuarbeiten, sich die Sache schwerer zu machen. Ein guter Lehrer hat das Thema im Auge und wird niemals jemanden auffordern, „tiefer“ in die Öffnung und Dehnung zu gehen. Wenn Ihr zur Hypertension neigt, also Beine und Arme wunderbar durchdrücken könnt,- im klassichen Ballett ein Schönheitsideal-, dann gewöhnt euch an, in allen Haltungen, in denen die Gelenke Gewicht tragen, diese minimal anzubeugen. Man spricht vom „Baby-Bend“ oder einer „Minibeuge“. Dies ist auch für Normalbewegliche eine gute Prävention, um die Gelenke zu schützen und stattdessen die Muskeln mehr arbeiten zu lassen. Im Yoga heißt es, schön konservativ zu üben, niemals zu pushen, sondern vor allem zu stabilisieren und den Atem superbeweglich zu machen, nicht die Gelenke. Ihr kommt mit den Händen nicht zum Boden? Egal, stützt euch einfach auf den Schienbeinen ab. Ihr habt nach fünf Jahren noch immer Probleme mit dem Lotus? Nach fünf Jahren wißt Ihr doch längst, dass es darum nicht geht. Quält eure armen Kniegelenke bitte nicht! Setzt euch schön gerade und stolz in einen feinen Schneidersitz und übt euch in Gelassenheit.

Ab wann ist flexibel zu flexibel?

Die Grenze ist, wie vermutet und dem Thema angemessen: Fliessend. Während manche Hypermobile Probleme haben, haben andere keinerlei Probleme. Zum Problem wird die Beweglichkeit dann, wenn die Gelenke unter der „Gelenküberweglichkeit“ leiden und normale Bewegung wie Gehen oder Laufen zu Schmerzen führt. Wer kennt sie nicht, die alten Asthanga-Yogis, die im Alter von 40 bereits eine neue Hüfte brauchen und nur mit Mühe den Bus erreichen? Das ist natürlich ein wenig übertrieben, und es gibt genügend Yogis, die mit der Ersten Serie behutsam umgehen und sich schönster Gesundheit erfreuen, allen voran unser gelieber Ronald Steiner.

Mit diesem Test könnt Ihr herausfinden, ob Ihr zu beweglich seid oder nicht:

  • Das Aufstellen der kleinen Finger auf 90° (mit Hilfe der anderen Hand) ist möglich (rechts und links jeweils 1 Punkt)
  • Anlegen des Daumens an die Innenseite des Unterarms ist möglich (rechts und links jeweils 1 Punkt)
  • Die Überstreckbarkeit der Ellbogen-Gelenke nach hinten um mindestens 10° ist möglich (rechts und links jeweils 1 Punkt)
  • Die Überstreckbarkeit der Knie-Gelenke nach hinten um mindestens 10° ist möglich (rechts und links jeweils 1 Punkt)
  • Es besteht die Fähigkeit, stehend bei durchgestreckten Knien mit beiden Handflächen den Boden zu berühren (1 Punkt)

Maximal können 9 Punkte erreicht werden. Ab 5 Punkten liegt definitionsgemäss bereits ein gutartiges Gelenküberbeweglichkeits-Syndrom («benign joint hypermobility syndrome») vor.

Das Ergebnis eines solchen Tests kann natürlich nur ein Indiz dafür sein, ob Ihr zum Arzt gehen solltet oder nicht. 

Es gibt Theorien, die Hypermobilität in Zusammenhang bringen mit Autoimmunkrankheiten wie Hashimoto, ungewöhnlich hoher Adrenalinproduktion und Osteo-Athritis, aber dazu befragt Ihr besser euren Arzt.

Tatsache ist, dass wir gerne gerne das tun, worin wir gut sind. Für einen hypermobilen Yogis wird es schwierig sein, nicht in Hanumanasana (Spagat) zu sinken, und stattdessen nur den Halben zu machen.

Wir empfehlen euch Superflexiblen im Geist beweglich zu bleiben und auf der Matte konservativ zu üben: Dazu viel Pranayama, Meditation und Yin Yoga sowie das Vermeiden von langen Planks und Chaturanga.

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