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Yoga und Skoliose: Ein Erfahrungsbericht
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Yoga und Skoliose: Ein Erfahrungsbericht

Von Helen Barsby

Warum üben wir Yoga? Weil wir Körper, Atmung und Geist damit befreien können – von belastenden Schwankungen, krankmachender Ausrichtung, irreleitenden Auffassungen. Yoga empfiehlt sich also als perfektes Werkzeug für jemanden, der einen Körper hat, der nicht ausgeglichen ist, der nicht im Gleichgewicht ist. Denn die Essenz von Yoga ist die Balance zwischen Körper und Geist, zwischen individuellem und kosmischem Bewusstsein, und auf anatomischer Ebene die Balance zwischen den linken und rechten Körperseiten, die Balance der Wirbelsäule in dem Senklot, der senkrechten Linie. Man könnte auch sagen: Yoga ist wie geschaffen für alle, die schief sind. Also jemanden, wie ich es war.

Diagnose: Skoliose

Als ich 13 war, entdeckte meine Mutter eine Kurve in meinem Rücken. Seitdem wurde meine Skoliose regelmäßig vermessen und kontrolliert. Mit 16 und einer Kurve von 45 Grad betrachteten die Ärzte meine Skoliose als Grenzfall und sagten, ich müsse mich entscheiden: eine Operation, um die Wirbelsäule zu begradigen, oder ein Korsett. Ich lehnte beides ab. Ich liebte Sport, ich wollte Trompete spielen, beide Optionen kamen nicht in Frage.

Skoliose kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet übersetzt „Bogen“. Wir verdanken diesen Ausdruck dem griechischen Arzt Hippokrates, der damit die laterale (seitliche) Krümmung der Wirbelsäule beschrieb. Ein häufige Abweichung von der Norm sieht so aus, dass die Brustwirbelsäule eine seitliche Kurve nach rechts nimmt. Der Körper reagiert, um die Balance zu behalten, mit Kurven nach links, direkt über und unter diese Hauptkurve. Betroffen sind vor allem Mädchen in der Pubertät.

Dazu kommt eine Drehbewegung, die die Skoliose vorantreibt. Die Rippen auf der rechten Brustseite sind dann nicht nur nach außen gedrückt, sondern auch nach hinten. Gut zu erkennen ist der daraus entstehende leichte Buckel, wenn sich Betroffene beim Adams-Test, den die Ärzte bei der Diagnose durchführen, nach vorne beugen. Die andere, häufig gesehene Abweichung ist die Verschiebung des Beckens, bei der eine große Kurve im Lendenwirbelbereich zu finden ist.


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Ursachen von Skoliose

Skoliose kann viele Ursachen haben. Sie kann vererbt werden oder entsteht durch eine Blockade der Cerebrospinalflüssigkeit, der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit im Fötus. Am häufigsten entsteht sie in der Pubertät, wenn Jugendliche schnell wachsen. Sie kann Folge einer chronischen Fehlhaltung sein, durch unterschiedliche Beinlängen, eine ausgeprägte einseitige Haltung oder durch Unfälle verursacht werden.

Wenn eine Skoliose sich zeigt, reagiert man am besten gleich. Besonders bei Jugendlichen, weil ihre Körper noch weiche Knochen haben und es dadurch eine gute Chance gibt, den Grad der Krümmung zu reduzieren. Bei Erwachsenen ist die Herangehensweise konservativer. Dann geht es eher um Maßnahmen, die eine Verschlimmerung der Skoliose verhindern.

Yoga bei Skoliose: Iyengar Yoga ist optimal

Bei Yoga für Skoliose-Leidende geht es nicht in erster Linie um das Heilen der Skoliose, sondern darum, die Lebensqualität trotz Ungleichgewicht möglichst hoch zu halten. Ziel ist die Freiheit in der Bewegung, die Freiheit von Schmerzen, die Freiheit zu atmen und die Freiheit vom „Störfaktor Asymmetrie”. Durch harte Arbeit kann die Haltung verbessert werden, die Verbesserungen können aber nur durch regelmäßiges Üben erhalten werden. Auch deshalb ist Yoga eine gute Methode, denn Yoga ist eine praktische Disziplin. Ein immerwährendes Studium des Selbst.

Als ich 19 wurde, bekam ich langsam Probleme. Ich studierte damals an einer Musikhochschule Trompete und übte so viel wie nie zuvor. Ich spürte anhaltende Spannung in der oberen rechten Rückenregion, ebenso in der Schulter, im Oberarm. Stillsitzen auf einem Stuhl wurde zunehmend schmerzhaft und schwerer auszuhalten. Der Schmerz hatte seinen Ursprung in der Spitze der äußeren Kurve der Brustwirbelsäule. Mir wurde klar, dass ich etwas unternehmen musste und zwar selbst. Ich brauchte ein Körpertraining, aber welches? Als Musikstudentin in Detmold entdeckte ich Yoga. Ich war 23 Jahre und wusste sofort, dass diese Technik für mich interessant war.

Ich hatte Glück, dass es Iyengar Yoga war. Denn Iyengar Yoga ist für seine präzise Ausrichtung bekannt. Ich ahnte dass dies eine Methode war, mit der ich mir helfen konnte – eine Methode, mit der ich vielleicht meine Skoliose sogar mildern können würde.

B.K.S. Iyengar, nach dem diese Methode benannt ist, übte bis zuletzt täglich selbst Yoga und unterrichte bis zu seinem 96. Lebensjahr in seiner Schule in Pune die Therapieklassen, in denen Schüler mit gesundheitlichen Problemen unter seiner Anleitung übten. In seiner Therapieklasse 2006 in Pune spürte ich den Effekt, den Iyengar Yoga auf meinen Körper hatte. Vier Stunden am Tag übte ich ein spezielles Programm, gehalten von diversen Gurten, die mich zu einer „Geradheit“ zurückführten und mir ein Stück von der Freiheit zurückgaben, die man spürt, wenn kontrahierte Körperpartien sich langsam wieder öffnen, wenn überdehnte Partien im Zaume gehalten werden und wenn langsam das Gefühl einer ausgewogenen Ausrichtung dominiert.

Yoga ist Verbindung, Licht, Leben

Das Großartige am Yoga ist, dass jeder damit anfangen kann, unabhängig von seinem Alter. Alle Asanas, alle Haltungen können angepasst werden, vereinfacht oder unterstützt durch den Gebrauch von Hilfsmitteln wie Stühlen, Gurten, Seilen, Decken, dicken Kissen und Klötzen. Iyengarlehrer hören nie auf zu lernen, wie sie klassische Haltungen für individuelle Ansprüche anpassen können.

Die verschiedenen geometrischen Formen, die wir in den Asanas üben, funktionieren wie Fallstudien: Wie reagiert mein Körper in dieser Haltung? Wie kann ich meinen Körper in die entsprechende Ausrichtung bringen? Besonders in Haltungen, in denen wir jeweils eine rechte und linke Seite üben, zeigen sich die Unterschiede unmittelbar. Und es geht weiter: Was in einer Haltung gelernt wird, kann auf die nächste, die unter Umständen schwieriger und komplexer ist, übertragen werden. So wie wir ohne Unterlass nach Verbindung suchen, existiert eine Kommunikation zwischen den einzelnen Körperteilen, zwischen dem intuitiven Geist und dem analytischen, zwischen Atem und Körper. In Körperregionen, die für unsere Aufmerksamkeit schwer zu erreichen sind, die wenig reagieren, stoßen wir genauso vor und erreichen schließlich auch dort ein Gefühl von Balance und Fülle.

Und auch das Leben fühlt sich so auf einmal reicher an als zuvor. Iyengar sagte: Wo Kontraktion ist, ist kein Leben. In diesen dunklen Teilen, die sich wie gepresst anfühlen, schaffen wir Raum und füllen das geschaffene Vakuum mit neuem Leben und Prana (Energie). Die Atemübungen spielen eine wichtige Rolle dabei, inneres Gleichgewicht zu schaffen.

Die richtige Ausrichtung

Eine entscheidende Etappe, die ich Yoga verdanke, ist das ständige Erforschen meiner selbst. Ich wusste ziemlich bald, dass ich von Ärzten und Therapeuten unabhängig sein wollte. Das bedeutete, dass ich wissen musste, welcher Körperteil auf der rechten Seite zu viel machte und welcher zu wenig in einer Haltung, und gleichzeitig was mein Körper auf der linken Seite machte, dasselbe gilt für die Vorder- und Rückseite des Körpers. Und je mehr ich davon verstand, konnte ich meine Ausrichtung verbessern und schließlich meine Wirbelsäule erreichen.

Menschen mit Skoliose haben oft keine exakte Vorstellung davon, wo sie richtig oder falsch ausgerichtet sind. Yogahaltungen wie stehende Seitbeugen oder liegende Haltungen können uns diese Fähigkeit lehren. Im Yoga üben wir, in den Haltungen zu bleiben, um idealerweise Gelassenheit in ihnen zu finden, um durch Anstrengung Leichtigkeit zu finden.

B.K.S. Iyengar hat diese Methode vorangetrieben, indem er Hilfsmittel wie Klötze, Gurte und Seile eingesetzt hat. Ein Klotz unter dem Fuß eines auswärts gedrehten Beins gibt automatisch mehr Feedback über die Verbindung zwischen Bein und Hüftgelenk, die ausschlaggebend ist für die Arbeit mit der Wirbelsäule. Standhaltungen an der Wand oder welche in Rückenlage helfen uns, unsere Sinne für eine bessere Ausrichtung zu schärfen.

Wenn wir die Haltungen halten, anstelle in einem ständigen Flow zu sein, müssen die Muskeln mehr arbeiten, einige müssen mehr kontrahieren (an der äußeren Seite der Kurve), andere müssen „länger“ werden (an der kontrahierten inneren Seite der Kurve). Wir werden körperlich kräftiger und gewinnen eine Stärke, die uns dabei hilft, die richtige Haltung beizubehalten. Eine Stärke, die den Kräften der Skoliose permanent entgegenwirken kann.

In meinen 3-Stunden-Workshops, die ich alle zwei Monate gebe, sind alle, die sich für Skoliose und Yoga interessieren, willkommen. Viele Teilnehmer sind verunsichert, weil sie nicht wissen, welche Haltungen tatsächlich gut für sie sind, manche haben auch konkrete Probleme in bestimmten Haltungen. In meinen Workshops üben wir, wie wir individuell Haltungen unterstützen und selbstständig korrigieren können, sodass wir den Unterschied zwischen einer richtigen und falschen Haltung lernen. Richtig bedeutet eine Verbesserung der Skoliose, falsch eine Haltung, die die Tendenz der Skoliose verstärkt. Meine Workshops haben jedes Mal einen unterschiedlichen Fokus. Die meiste Zeit verbringen wir damit, die klassischen Haltungen für uns zu erkunden und unsere Körper in die richtige Ausrichtung zu bringen.

Wir schulen die Aufmerksamkeit gegenüber unserem eigenem Körper, lernen auf unsere Atemgewohnheiten zu achten und darauf, wie wir uns gewöhnlich halten, denn beides muss von Grund auf korrigiert werden, um unsere Haltung neu zu programmieren. Wir arbeiten daran, unseren Rücken sowie die Seiten, die Beine und die Arme zu stärken.

Wichtige Asanas bei Skoliose

  • Alle Haltungen in Rückenlage, weil hier der Boden ein entscheidendes Feedback über den Rücken gibt: Der Kontakt der Rippen, Schultern, Flanken, Taille und Becken erzählt uns, was wir in Balance bringen müssen. Bein- und Armdehnübungen in Rückenlage trainieren und mobilisieren die freie Beweglichkeit der Gliedmaßen (Supta Padangusthasana).
  • Unterstützte Vorbeugen: Zum Beispiel eine Vorbeuge unterstützt von einem Stuhl. Hier wächst unsere Aufmerksamkeit gegenüber der vorderen Krümmung und einer schwachen Rückenmuskulatur. Arm- und Beindehnungen führen schließlich zum herabschauenden Hund (Adho Mukha Svanasana, Chaturangasana).
  • Drehungen, um die Wirbelsäule, die Rippen und das Becken aus ihrer Verdrehung zu befreien (etwa Parsva Adho Mukha Virasana oder Parsva Adho Mukha Svanasana).
  • Seitliche Planke, entweder auf dem Ellbogen, oder liegend, stärkt die linke und rechte Seite des Körpers.

Hier erklärt dir Wanda Badwal die volle seitliche Planke, auch Seitstütz genannt:

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Meine Workshops

Regelmäßige Workshops sind eine Möglichkeit, tiefer in die Thematik „Yoga und Skoliose“ hinein zu tauchen. In den drei Stunden wird jeder Teilnehmer animiert, sich genauer anzuschauen, von innen die Balance in Energie, Raum, Beweglichkeit zu beobachten. Durch mehr Unterstützung als im normalen Yoga (z. B. werden Stehhaltungen liegend am Boden geübt), erkennt man schnell, was „nicht in der Linie ist“: Welche Körperregionen sind schwerer, welcher leichter, welcher verdreht, welcher verengt, welcher unter zu viel Spannung? Wir lernen, dass die Asana-Praxis mit ihren Übungen für die linke und rechte Seite unterschiedlich sein muss, um beide Körperseiten in die Balance zu bringen. Und wir schauen weiter  über das Skelett und die Muskulatur hinaus: Die Organe werden betrachtet, die Atmung, der Energiefluss (Prana), die Augen. Durch langes Halten der Asana-Positionen werden die Muskeln gekräftigt und damit Stabilität eingefordert. Die dadurch gewonnene „Freiheit“ ist nach jedem Unterricht stark spürbar.

Hier findet du die Workshop-Termine von Helen Barsby.

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