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Yoga nach einem Bandscheibenvorfall
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Yoga nach einem Bandscheibenvorfall

Von Kristin Rübesamen

Ein Bandscheibenvorfall beschreibt eine degenerative Erkrankung der Wirbelsäule, bei der gallertartige Teile aus dem äußeren Bandscheibenring austreten und sich in Richtung Wirbelkanal vorwölben. So weit, so krass. Du hast hoffentlich Nachsicht, denn wir müssen bei diesem Thema ein wenig ausholen. Fangen wir an mit der Wirbelsäule, von der wir Yogis eine äußerst magische Vorstellung haben: Wir denken bei der Wirbelsäule an Sushumna Nadi, eine Art Highway für Energie oder Prana, wie wir sagen. Im Zusammenhang mit einem Bandscheibenvorfall nützt uns aber erst mal die konventionelle anatomische Sicht mehr.

Die Struktur der Wirbelsäule

Die Wirbelsäule ist ein in sich bewegliches Haltesystem und besteht aus fünf Teilen:

  • Halswirbelsäule (7 Wirbel)
  • Brustwirbelsäule (12 Wirbel)
  • Lendenwirbelsäule (5 Wirbel)
  • Kreuzbein (5 Wirbel)
  • Steißbein (ca. 4, zwischen 3 bis 6 Wirbel)

Du hast sicher schon mal das Modell einer Wirbelsäule gesehen und über ihre komplexe Struktur gestaunt: Die Wirbelkörper und die zwischen den einzelnen Wirbeln liegenden Bandscheiben sind nach vorn (Richtung Bauch und Brust) ausgerichtet, die „Rückseite“ der Wirbel (zum Rücken hin) wird von einem Knochenbogen gebildet, der unser Rückenmark schützt, das entlang der Wirbelsäule läuft. Für Stabilität und Beweglichkeit der Wirbel sorgen die Wirbelbögen, die mit kleinen Gelenken miteinander verbunden sind.

Das ist nicht alles. Zwischen Wirbelkörper und Wirbelbogen liegt jeweils das Zwischenwirbelloch. Daraus wächst auf der einen Seite der rechte und der anderen Seite der linke Spinalnerv. Sie haben ihren Ursprung in den Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark austreten. Ein Teil dieser Nervenfasern führt zu unseren inneren Organen und bildet das Nervengeflecht des autonomen Nervensystems, ein anderer Teil geht in die Peripherie, also in die Außenbezirke des Körpers und informiert Muskeln, Sinne und Haut.

Ein mögliches Indiz für einen Bandscheibenvorfall ist demnach ein Kribbeln auf der Haut, motorische Störungen oder ein Taubheitsgefühl. Gerade diese Sensibilitätsstörungen spielen für die Diagnostik von Bandscheibenvorfällen eine große Rolle.

Auch wenn jede Bandscheibe, die zwischen zwei Wirbeln liegt, für sich genommen kaum beweglich ist, machen sie in ihrer Gesamtheit die Wirbelsäule durchaus beweglich, mal mehr (Halswirbelsäule), mal weniger (Brustwirbelsäule). Ein umfangreiches System aus Bändern schützt sowie stabilisiert die Wirbel und bremst die Wirbelsäule in ihrer Beweglichkeit wenn nötig.

Yoga nach dem Bandscheibenvorfall

Bandscheiben werden in unserem autoliebenden Land gerne mit Stoßdämpfern verglichen. Kein schlechter Vergleich: Denn ein im Inneren der Bandscheibe liegendes Wasserkissen verteilt die Belastung gleichmäßig auf den Bandscheibenring, damit der Druck, der durch die Stöße beim Springen oder Laufen entsteht, an keiner Stelle zu groß wird. Während die Bandscheiben durch langes Stehen, Bücken, Sitzen „flach“ gedrückt werden, „saugen“ sie sich im Liegen und einer Entspannungshaltung wieder mit Gewebsflüssigkeit auf und nehmen ihre ursprüngliche Dicke an.

Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall (Prolaps)?

Yoga nach einem Bandshceibenvorfall

Von einem Prolaps spricht man, wenn der Bandscheibenring brüchig, schwach oder verletzt wird, den gallertartigen Kern nicht länger innerhalb des Rings halten kann und der Bandscheibenkern austritt oder sich verlagert. Dieser Ausbruchsversuch passiert vor allem seitlich in Richtung Spinalnerv oder rückwärts in Richtung Rückenmark und zwar vorwiegend in folgenden Regionen:

  • L4-L5 (Lendenwirbel 4 und 5)
  • L5-S1 (Lendenwirbel 5 und Steißbein 1)
  • H6-H7 (Halswirbel 6 und 7)

Wer bekommt einen Bandscheibenvorfall?

Auch wenn die Zahl der Bandscheibenvorfälle zunimmt und die Betroffenen (Generation WhatsApp) immer jünger werden, passieren die meisten Vorfälle bei Menschen zwischen 50 und 55 Jahren.

Bei einem Viertel der vorkommenden Bandscheibenvorfälle haben die Betroffenen keinerlei Schmerzen, sie merken es gar nicht. Ebenso gibt es Patienten, die alle Symptome für einen Prolaps aufweisen, ohne dass das MRT dafür Belege liefern kann.


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Symptome für einen Bandscheibenvorfall

In der Regel zeigen sich Symptome wie Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder Lähmungserscheinungen.

Die Schmerzen können durch eine Komprimierung des Spinalnervs oder des Rückenmarks zustandekommen, auf die das ausgetretene Material aus der Bandscheiben drückt. Dieser Nervenschmerz wird oft weniger am Ort, an dem er entsteht, wahrgenommen als vielmehr in der Peripherie des Körpers. Typisch: einseitige Ischias-Schmerzen (Ischialgie), die vom unteren Rücken über das Gesäß, die Oberschenkelmuskulatur und die Wade bis in den Fuß ausstrahlen können. Lähmungserscheinungen an Armen oder Beinen oder ungewohnte Probleme mit dem Darm und den Verdauungsorganen können ebenfalls Indiz eines Prolaps sein und müssen sehr ernst genommen werden.

Warum ist die Diagnostik bei Yogis schwierig?

Die Diagnose eines Bandscheibenvorfalls nimmt ein Arzt in der Regel mithilfe von Tests vor, in denen er die motorische Funktionsfähigkeit des kritischen Bereichs sowie die Sensitivität entsprechender Hautareale prüft. Untersuchungen durch CT oder MRT sind ebenso wichtige Quellen, um anhand von Bildmaterial zu erkennen, wie groß der Schaden ist.

Aber Achtung: Bei geübten Yogis, deren Bewegungsrahmen größer ist als derjenige von Durchschnittspatienten, und die außerdem gewohnt sind, ihre Körper immer wieder in Balance zu bringen, versagen die einfachen motorischen Tests sehr oft. Die Expertise und Disziplin, die Yogis zu Experten ihres Körpers machen, lassen sie Schmerzen unter Umständen länger aushalten und ertragen als „normale“ Menschen. Ein eingehendes Gespräch über die Natur des Schmerzes und die Akzeptanz von apparativen Untersuchungen sind wichtig für eine richtige Diagnose.

Wenn die Diagnose positiv ausfällt, entscheiden Neurochirurg und Patient gemeinsam, ob der Vorfall konservativ durch Therapie oder operativ behandelt werden muss. Ein guter Arzt wird immer versuchen, eine Operation zu vermeiden. Je größer der Vorfall ist und je länger der Patient darunter bereits leidet, desto gründlicher muss man abwägen, wie gefährdet das Nervengewebe ist, damit es nicht dauerhaft beschädigt wird und abstirbt.

Warum ich?

Die Ursachen für einen Bandscheibenvorfall sind vielfältig. Man unterscheidet zwischen traumatischen (akute Krafteinwirkung auf eine vorgeschädigte Bandscheibe, chronische Überbelastung durch Erschütterung, wie sie LKW-Fahrer aushalten müssen, einseitiges Heben) und physiologischen Ursachen (Übergewicht, Bindegewebsschwäche, Unterversorgung der Bandscheiben, Zirkulationsstörung, Schwangerschaft, angeborene Wirbelsäulenerkrankungen, Bewegungseinschränkungen, die neuromuskuläre Blockaden aufbauen, Stress und Unfälle).

Oft baut sich ein Bandscheibenvorfall über Jahre auf, oft wäre er ohne Yoga viel früher gekommen. Das Schuldgefühl, das Yogis überfällt, wenn sie die Diagnose „Bandscheibenvorfall” erhalten, ist kontraproduktiv. Die Ursache lässt sich oft einfach nicht feststellen, eine Schulddiskussion ist deshalb überflüssig und kostet nur Kraft.

Andererseits können auch Yogis überarbeitet sein und überlastet. Das Gefühl, dass alles zu viel ist, sollte jeder Mensch sehr ernstnehmen. Manche Menschen reagieren darauf mit Schlafproblemen,  andere mit Verdauungsstörungen, andere bekommen unter Umständen einen Bandscheibenvorfall.

Eine sehr effektive Methode, um ein inneres Grund-Gefühl von Freiheit und Ruhe zu kultivieren und so Erschöpfung und Überarbeitung gegenzuwirken, ist Meditation. Die folgende Meditation von Patrick Broome ist für alle geeignet - wenn du gerade nicht sitzen kannst, kannst du sie selbstverständlich auch im Stehen, Gehen oder auch im Liegen üben:

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Nach der Bandscheiben-OP

Wenn operiert werden muss, muss sich jeder Patient, auch der Yogi, unbedingt daran halten, was der Arzt vorschreibt. Wer zu früh wieder mit Yoga anfängt, setzt die Genesung aufs Spiel. Wichtig sind:

Schmerzbehandlung: Als Erstes geht es darum, die Schmerzen zu lindern und den Körper zu schonen. Anhaltende Schmerzen begünstigen eine Schonhaltung, die außer der betroffenen „Baustelle“ noch weitere Regionen in eine Fehlhaltung bringt.

Entspannung: Gerade für Yogis eigentlich selbstverständlich, aber in der Praxis schwierig. Nichts zu tun, Körper und Geist ohne vorangegangene Asana-Praxis ruhen zu lassen stellt für viele von uns eine große Herausforderung dar, ist aber essenziell für den Genesungsprozess und hilft dabei, den Tonus der hypertonen Muskulatur zu reduzieren oder, salopp gesagt, die „verkürzte“ Muskulatur zu entspannen und sanft zu dehnen.

Stabilisierung: Hier sind wir Yogis im Vorteil. Um eine gesunde Stabilität aufzubauen, fangen wir an mit sehr sanften Beckenbodenübungen. Anstatt der oberflächlichen Muskulatur wollen wir die tiefste Muskulatur kräftigen. Alle Arten von „Core-Übungen“ sind die erste Zeit tabu.

Mobilisierung: Wann dürfen wir uns trauen, unserem Körper wieder etwas mehr Bewegung zu gönnen und in welchem Rahmen? Auch in diesem Bereich haben wir Yogis einen großen Vorteil, denn wir sind gewohnt, Atem und Bewegung zu verbinden. Eine verschriebene Physiotherapie wirkt besser, wenn wir mit unserer Atmung aktiv bei der Sache sind. Mobilisierung hat viel damit zu tun, Angst zu überwinden. Wenn wir lernen, kleine Bewegungen mit hundertprozentiger Aufmerksamkeit durchzuführen, schwindet die Angst vor der Bewegung, und wir gewinnen wieder Vertrauen.

Neuraltherapie, Osteopathie, Physiotherapie, manuelle Therapie, Reizstromtherapie, Akupunktur oder Alexandertechnik sind ebenfalls bewährte Maßnahmen nach einem Vorfall. Auch Therapiestunden in Iyengar-Yoga-Schulen oder bei BDY-Lehrern, die therapeutisch ausgebildet sind, helfen dabei, langsam und sicher wieder auf die Beine zu kommen.

Zuletzt: Ein Bandscheibenvorfall wird in unserer Kultur oft mit Schuld in Verbindung gebracht - nur übergewichtige Faulpelze oder ehrgeizige Manager bekommen ihn. Richtig ist, dass es jeden treffen kann. Je schneller wir akzeptieren, was mit uns los ist, desto einfacher können wir mit der Situation umgehen. Du wolltest schon immer Arabisch lernen, einen Teppich knüpfen oder deine Meditationspraxis vertiefen? So, in dieser Richtung, du verstehst schon.

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