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Yoga in Deutschland: So ging es los

Yoga in Deutschland: So ging es los

Von Kristin Rübesamen

Yoga kommt aus Indien? Hmm. Yoga haben sich indische Weise in der Höhle ausgedacht? Könnte man annehmen, wenn man sich die Inszenierung vieler Yogakulte heutzutage ansieht. Yoga ist etwas, das einem in den Schoß fällt, wenn man nur lange genug meditiert? Na ja.

Yoga war von Anfang an abhängig vom Handel und den großen Handelsrouten, genau wie Kaffee, Seide oder Religion. Missionare, Seefahrer, Söldner und Kaufleute haben auf ihren Reisen zwischen Asien und unserem Abendland nicht nur Waren, sondern auch Wissen transportiert. Yoga ist also seit jeher Gegenstand eines Kulturaustausches gewesen.

Yoga in der Romantik

In Deutschland war es die Begegnung der Intellektuellen mit der Bhagavad Gita, die im 18. Jahrhundert dafür sorgte, dass Yoga und die indische Kultur in Mode kamen. Wilhelm von Humboldt, ja genau, der Bildungsreformer, der die Humboldt-Universität zu Berlin gegründet hat, war fasziniert von der Bhagavad Gita und hielt sie für „das Beste“. Während es dem britischen Empire vor allem darum ging, der indischen Kolonie zu zeigen, wie sehr man ihren spirituellen Klassiker schätzte, und der ehrgeizige Gouverneur von Bengalen, Warren Hastings, sogar das Vorwort zur englischen Übersetzung schrieb, waren es in Deutschland die Romantiker, die ins Schwärmen gerieten, so wie es aussieht, ohne politische Agenda.

Schelling übersetzte, Humboldt verzweifelte. Seine Frage: Kann man die „Gita“ überhaupt in der Übersetzung verstehen? Humboldt fand, nein, nur, wenn wir das Orginal lesen, haben wir eine Chance zu verstehen, was gemeint sein könnte. Er fing 1821, obwohl bereits Minister für Erziehung in Preussen, an, Sanskrit zu studieren. Hegel, dem „Weltgeist“ immer dicht auf den Fersen, war auch begeistert und optimistischer, was das Problem der Übersetzung angeht, fand allerdings: Nicht die Übersetzung ist schwierig, sondern die Vorstellung, durch Yoga zur Erkenntnis zu gelangen. Die Schlegel-Brüder waren wiederum nur enthusiastisch, August Wilhelm Schlegel übersetzte ins Lateinische, damit es schöner klänge. Es blieb nicht bei der Gita, alles Indische wurde schick. Goethe wurde Fan. Schopenhauer, Nietzsche und später Hermann Hesse folgten.

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Yoga um die Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert)

Noch war es ein langer Weg zum „Power Flow mit Sabine“ und zu Yoga im Fitnessstudio, doch um die Jahrhundertwende begannen sich langsam außer den Intellektuellen auch andere für Yoga zu interessieren. 1897 gründete Dr. Franz Hartmann den deutschen Ableger der 1875 in New York von H.P. Blavatsky gegründeten „Theosophische Gesellschaft“ und verbreitete auf diesem Weg nicht nur den Gedanken an die „allgemeine Menschenverbrüderung“, sondern auch Yoga-Techniken, Meditationen, Atemübungen und Vegetarismus.  

H. P. Blavatsky in ihrem Schlüssel zur Theosophie von 1889: 

„Da die Menschheit essentiell von ein und derselben inneren Natur ist ..., kann nichts ein einzelnes Volk oder einen einzelnen Menschen treffen, ohne zugleich auch alle anderen Völker und Menschen zu treffen.”

Franz Hartmann auf einem Kongress der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland:

„Der allgemeinen Menschenverbrüderung liegt die allgemeine Menschenliebe zugrunde, und diese Liebe ist nicht eine bloße Theorie noch eine phantastische Schwärmerei, sondern sie besteht in der Erkenntnis, dass alle Menschen, ja sogar alle Kreaturen ihrem Wesen nach eine Einheit, wenn auch in ihren Formen, Erscheinungen und deren Eigenschaften von einander verschieden sind.”   (Lotusblüten, Jhrg. 1896, S. 708)

Yoga in der Weimarer Republik

Ob diese Techniken im Ersten Weltkrieg den Soldaten zu Diensten waren, wissen wir nicht, wohl eher nicht. 1921 wurde in Berlin von Boris Sacharow jedenfalls die erste Yoga Schule gegründet. Sacharow, dessen Eltern in der Oktoberrevolution ermordet wurden, studierte Elektrotechnik an der Technischen Universität und verdiente zunächst sein Geld als Übersetzer und Taxifahrer. Als Dolmetscher in den Niederlanden traf er Krishnamurti und später Swami Sivananda, dessen Schüler er wurde. Sacharow träumte angeblich davon, dem Yoga eine naturwissenschaftliche Grundlage zu geben. 1926 soll er dem Komponisten Siegfried Wagner, der eigens dafür nach Berlin reiste, Unterricht gegeben haben, bis dessen Ehefrau Winfried Wagner sich einschaltete. Irgendetwas war ihr offensichtlich suspekt. Warum Sacharow, der kein NSDAP Mitglied war, seine Schule für „indische Körperertüchtigung“, in der Humboldt-Straße in Berlin Schöneberg, im Nationalsozialismus nicht schließen musste, ist leider nicht bekannt. Er schreibt: „Irgendwie konnte ich die Autoritäten vom wissenschaftlichen Charakter (der Übungen) überzeugen.“ Sacharow ist es in jedem Fall zu verdanken, dass er Yoga aus dem Kontext von Okkultismus und Neugeistbewegung befreite. Ihm ging es neben Gesundheit und Körperbeherrschung auch darum, mehr Energie im Alltag zu bekommen. Über die vielen Yogastile, die die Schwärmerei für alles „Orientalische“ mit sich brachte, spottete er: „Als ob die fünf klassischen Yoga-Arten (Karma, Bhakti, Hatha, Raja, Jnana) nicht genügt hätten.“ Gut, dass er nicht miterleben muss, was heute alles Yoga genannt wird.

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Yoga im Faschismus

Seit es Yoga gibt, wurde es von Gesellschaft und Politik vereinnahmt – auch auf seinem Weg nach Deutschland. Dass Yoga gerade wegen seiner vermeintlichen Nähe zum Okkultismus das Interesse der Nationalsozialisten weckte, dass Sacharows sozialdemokratischer Yogalehrer-Kollege Max Moecke erst die Bewunderung von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß erhielt und schließlich, weil er sich nicht mit den Nazis einlassen wollte, als Parapsychologe im Konzentrationslager Buchenwald interniert wurde und schließlich ermordet wurde, hat der Buchautor Matthias Tietke sehr verdienstvoll recherchiert. Ein scheußliches Kapitel in der deutschen Geschichte des Yoga und doch keine echte Überraschung: Wenn jemand in der Weimarer Republik anfällig war für Kultisches, dann die Nazis mit ihrem Hitler-Kult. „Reichsführer” Heinrich Himmler träumte sogar von einer SS als yogisch inspirierter Kämpferkaste nach dem Vorbild der „Kshatriya” aus den archaischen „Veden”, hinduistischen Religionstexten. Wie kam er darauf? Waren es tatsächlich seine Bauchkrämpfe, die nur ein Masseur wegmassieren konnte, der sein Talent als Heiler vom Yoga hatte?

Yoga nach dem Zweiten Weltkrieg

Erlosch das Interesse an Yoga in den „fetten Jahren“ nach dem Zweiten Weltkrieg? War im Wirtschaftswunder Deutschland für Yoga und seinen asketischen Kontext kein Platz oder hatten die Deutschen einfach genug damit zu tun, ihre Vergangenheit zurecht zu biegen? Jedenfalls verhalf erst 1959 der Bestseller „Das Große Illustrierte Yoga-Buch“ von Swami Vishnu-Devananda, dem Gründer von Sivananda Ashrams in der ganzen Welt, Yoga wieder zu einem ersten kleinen Comeback.

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Yoga im ZDF

Die Geschichte der 1941 in Mittelfranken geborenen Yogalehrerin Kareen Zebroff wäre einen Roman wert. Nach der Auswanderung nach Kanada, einem Studium als Grundschullehrerin, ist sie nach der Geburt ihrer drei Kinder mit nur 27 Jahren übergewichtig und depressiv und belegt an einer Volkshochschule einen Yogakurs. 1970 ist sie, blond und gertenschlank, ein kanadischer Fernsehstar. Ob sie der damalige ZDF Sportchef Hanns Joachim Friedrichs im kanadischen Fernsehen, das ihren Yogakurs sendete, entdeckte oder nicht, jedenfalls darf sie ab 1973 ihre einfachen Hatha-Yoga-Übungen in der 5-minütigen Serie „Yoga für Yeden“ (kein Tippfehler!)  im ZDF präsentieren, später sogar in der „Drehscheibe“. Natürlich werfen ihr Puristen bis heute vor, Yoga mit ihrem schlichten und turnerischen Stil keinen Gefallen getan zu haben, aber ohne sie wären wir heute, yogisch gesehen, immer noch im Mittelalter. Danke also, Kareen!

Yoga geht in die Breite

Wie nicht anders zu erwarten, entdeckten in diesen Jahren nicht nur die Hippies Yoga, sondern auch die Bürokraten. Erste Yoga Berufsverbände wie der Bund der Yogalehrer (BDY) und die Deutsche Yoga Gesellschaft (DYG) wurden gegründet, deren verdienstvolle Pionierarbeit bis heute andauert. Seit dieser Zeit hat sich Yoga horizontal entwickelt. Heute gibt nach wie vor Yogis, die auf Schaf-Fellen üben. Es gibt Yogis, die sich vor allem für Astrologie interessieren. Es gibt Yogis, denen die Krankenkassen im Rahmen der Gesundheitsförderung („Primärprävention“) Kurse bezahlen (Hurra!). Es gibt Yogis, die denken, Yoga wurde in Los Angeles erfunden. Es gibt Yogis, die glauben, Yoga wurde von Lululemon erfunden. Es gibt mehr und immer neue Yogalehrer-Ausbildungen. Die großen Yogaverbände BDY, Yoga Vidya, Iyengar, Jivamukti, Anusara, Yin-Yoga, Spirit Yoga und andere entwickelten systematische Yogalehrer Ausbildungen. Es gibt Kinderyoga, Schwangerenyoga, Rückenyoga und mehr Spezialisierungen als es Auto-Zubehör gibt.

Yoga in der DDR

Und in der DDR? Stand auf Yoga Gefängnis. Yogis wurden für „geisteskrank“ gehalten. Leute, die verdächtigt wurden, Yoga zu üben, wurden von der Staatssicherheit beobachtet. Vielleicht hätten die Autoritäten damals ein Auge zugedrückt, wenn es zu Zeiten des Sozialismus schon Yoga-Wettbewerbe wie heute in den USA gegeben hätte. Erst als Ende der 1980er Jahre die Russen und andere Sowjetstaaten mit Yoga begannen, durften auch die Genossen in der DDR mit einer Yoga ähnlichen Gymnastik beginnen, der „Yoganastik“. Sogar in der Modezeitschrift „Sybille“ (die „Brigitte“ der DDR) wurde der Sonnengruß erklärt.

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Der Mauersegler „Flying Swami”

Aber schon vorher gelang es Yoga, Mauern zu überwinden. Es war keine Überraschung, als Swami Vishnudevananda am 15. September 1983 mit seinem Leichtbau-Drachensegler südlich des Brandenburger Tors die Mauer überflog und versehentlich statt auf dem Alexanderplatz auf einem Feld in Weißensee landete. Der „Flying Swami“, ein Marketing-Genie, bekannt für seine Aktionen (er flog bereits in den Krisenherd Nordirland, trieb im Himmel über dem Nahen Osten das Militär am Boden in den Wahnsinn und zeigte den Beatles auf dem Flughafen von L.A. den Kopfstand) hatte seine Aktion überall angekündigt. Nachdem ihn die Volkspolizisten zur Sicherheit verhörten, setzten sie ihn mit einem Käsebrot in die S-Bahn zurück nach Westberlin.

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Und heute?

Die Handelsleute vor über 2.000 Jahre hätten niemals erahnen können, was Yoga heute ist: ein Statussymbol, und gleichzeitig tiefgründig, heilsam, transformativ, wenn wir es wollen. Mit Yoga werden in den USA mehr als zehn Milliarden Dollar pro Jahr umgesetzt, in Deutschland mehrere Millionen, der Yoga-Markt in China wächst rasant und seit 2015 gibt es sogar einem „Weltyogatag“. In Deutschland üben über 5 Millionen Menschen Yoga – und die Sehnsucht nach Verbindung wächst, stetig machen sich neue Yogis auf den Yogaweg.

Und wir gehen mit. 

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