Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Yoga im Gefängnis: „Die Insassen lächeln öfter“
Shutterstock

Yoga im Gefängnis: „Die Insassen lächeln öfter“

Von Cornelia Brammen

Yoga für alle e. V. bietet Yogastunden für ganz unterschiedliche soziale Projekte an: für Menschen mit Essstörungen etwa oder für Geflüchtete. Der Verein organisiert einmal im Jahr die LANGENACHTDES YOOOGA als Fundraising-Event – zuletzt in neun Städten in ganz Deutschland und der Schweiz. Seit 2017 bietet Cornelia Brammen Yoga für Insassen der Sozialtherapeutischen Anstalt der JVA in Hamburg-Fuhlsbüttel an. Das Angebot wird sehr positiv aufgenommen: Viele Häftlinge kommen jede Woche in die Yogastunde und profitieren nachhaltig von den positiven Effekten von Yoga und Meditation auf Körper und Psyche. Cornelia spricht im Interview mit YogaEasy über dieses wichtige Projekt.

Seit September 2017 läuft dein Yoga-Angebot für Straffällige im Gefängnis. Warum und wie genau hast du das Projekt ins Leben gerufen?

Wir hatten bei Yoga für alle e.V. schon länger den Wunsch, Yoga im Strafvollzug zu ermöglichen. Viele Studien haben gezeigt, dass Yoga die Resozialisierung unterstützt. Und dann fragte eines Tages die Sozialtherapeutische Anstalt der JVA Fuhlsbüttel in Hamburg bei uns an, ob wir Interesse hätten, einen Yoga-Kurs für Gewalt- und Sexualstraftäter in der SoTha zu geben. Der Kurs ist innerhalb von vier Wochen gestartet. Er wird auch von der Einrichtung finanziert – es wurde also sogar Budget für dieses Projekt bereitgestellt.

Wie hast du dich gefühlt, also du zum ersten Mal das Gefängnis betreten hast?

Wir haben am Anfang zu zweit unterrichtet. Ajuni Kaur ist eine sehr erfahrende Kundalini-Yogalehrerin, die schon seit neun Jahren in verschiedenen Strafvollzugsanstalten in Hamburg unterrichtet und auch schon Fortbildungen zu Yoga im Gefängnis gegeben hat. Ich selbst war beim ersten Mal dennoch sehr aufgeregt. Durch diverse Stahltüren zu gehen, den Personalausweis abzugeben, hinter Mauern mit Stacheldraht eingeschlossen zu sein, ist beklemmend. Und ich hatte ein mulmiges Gefühl. Das hat sich in der Kapelle, in der wir unterrichten, sofort gelegt. Wahrgenommen habe ich stattdessen tiefe Traurigkeit.

Wie wird das Angebot von den Inhaftierten angenommen? Wer kommt zu deinen Kursen?

Beim ersten Mal waren acht Gefangene in der Stunde. Davon fest geblieben sind drei bis vier. Es gibt auch in der SoTha Fluktuation. Insassen werden verlegt. Oder sie haben Termine. Und man darf nicht vergessen, dass die Insassen in der SoTha eine besondere Klientel sind. Der Oberbegriff ist Persönlichkeitsstörung, wobei ich persönlich diese Zuschreibung problematisch finde. Viele sehr persönlichkeitsgestörte Menschen laufen frei herum und begehen Verbrechen. Auch in höchsten Führungsebenen, wie aktuell der Fall Winterkorn zeigt. Die heißen dann Top-Manager. Weil sie vordergründig funktionieren. Gewalt- und Sexualstraftäter haben schwere Straftaten begangen und sind verurteilt worden. Was ihnen in der Kindheit in der Regel nicht vermittelt wurde, sind Selbstvertrauen, Konfliktbewältigungsmethoden, Frustrationstoleranz. Alles Fähigkeiten, die im Laufe einer gesunden Kindheit erlernt werden. Bei Straftätern versucht der Staat im Rahmen von Resozialisierungsmaßnahmen, diese Fähigkeiten nachzuschulen. Yoga tut denen, die es regelmäßig üben, sehr gut.

Heute, nach fast einem Jahr des Projekts, ist so viel geschehen. Die Insassen, die regelmäßig kommen, sind beweglicher, lächeln öfter, öffnen sich dem Yoga jedes Mal mehr. Und stellen immer mehr Fragen zu Yoga und Mediation. Natürlich gibt es viele Widerstände und wie außerhalb der Kapelle über die Yogastunde gesprochen wird, erzählen uns die Schüler natürlich nicht. Aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur ist es für die meisten Insassen einfacher, in den Hof zu gehen oder Playstation zu spielen oder auch Krafttraining zu machen.


Anna Trökes Basis-Meditationsprogramm
Du möchtest dich besser entspannen können und Ruhe, Stabilität und Ausrichtung in deinen Geist bringen? Lerne in 10 Tagen die Basics des Meditierens mit der Yoga- und Meditationsexpertin Anna Trökes.
JETZT ANMELDEN

Was kannst du ganz persönlich aus deiner Yoga-Arbeit mit Häftlingen ziehen?

Die Arbeit in der Sozialtherapeutischen Anstalt zeigt mir immer wieder neu, wie schmal der Grat zwischen Freiheit und dem Verlust der Freiheit ist. Aber auch, wie viel in unserer Gesellschaft schief läuft. Je mehr Menschen weggesperrt werden müssen, desto mehr läuft falsch. Strafvollzug ist wie Krieg auf einer anderen Ebene. Wir hier draußen, ihr da drinnen. Aber so einfach ist das nicht.

Eine Yogastunde im Gefängnis muss natürlich anders aufgebaut sein als im klassischen Studio. Wie stellst du dein Yoga-Programm für das Gefängnis zusammen? Wie reagieren die Inhaftierten darauf?

Durch die Fortbildung „Yoga und Trauma”, die Yoga für alle e.V. mit der Psychotherapeutin Nicole Witthoefft entwickelt hat, war ich sehr gut vorbereitet. Im Strafvollzug habe ich es meistens mit traumatisierten Menschen zu tun und Gefängnis ist, bei allen Bemühungen der Leitung, ein lauter, latent retraumatisierender Ort. In den ersten Stunden geht es vor allem um Vertrauen und um die innere Mitte. Vom Grübeln ins Spüren kommen, eine Erfahrung im eigenen Körper machen. Interessanterweise steigen die Gefangenen sofort beim Chanten ein. Im Kundalini Yoga singen wir viel. Zu Beginn der 90 Minuten und am Ende. In Gurmukhi. Und alle singen mit, das ist sehr ergreifend.

Du hast schon gesagt, dass Yoga gerade traumatisierten Menschen immens helfen kann. Kannst du diesen Effekt im Umgang mit den Häftlingen spüren? Wie verändert sich ihr Leben durch Yoga?

Wie allen meinen SchülerInnen gebe ich die Methode des Kundalini Yoga weiter. Schon dass Menschen sich überhaupt öffnen, in eine Stunde zu kommen, ist eine Veränderung des Gewohnten. Wenn sie abends vor dem Einschlafen die Mantren hören, ist das eine Veränderung. Wenn sie ein Mantra denken, statt einen anderen Menschen anzublaffen, ist das ein enormer Schritt. Ein Insasse sagte nach der letzten Stunde: „Mir ist jetzt eine Riesenlast von den Schultern genommen.“ Wenn dieser Effekt eintritt, hat sich erfüllt, was ich ja selbst sehr genau weiß: Yoga hilft! Ich hoffe, wir können in den nächsten Jahren Yoga in noch mehr Strafvollzugsanstalten bringen. Und großartig wäre es, wenn wir dazu eine wissenschaftliche Studie machen könnten.

zurück nach oben