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Wie Yoga dir hilft, deine Grenzen zu achten
Bildquelle: Istockphoto.com

„Kein Problem, ich mach’ das.“

Von Kristin Rübesamen

Vor einiger Zeit schrieb mir S. in einer Mail auf einen Artikel, in dem es ums Durchhalten ging:

„Aus Deinem Artikel habe ich einige Impulse bekommen... das Meditationstagebuch und vor allem Mitgefühl mit sich selbst, wenn man bestimmte Situationen nicht ändern kann. Ein wunderbarer Gedanke, denn bei anderen bin ich oft sehr mitfühlend. Bei mir? Ehrlich gesagt habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht, dass das möglich und wichtig ist.

Durchhalten ist eine meiner Stärken und ich neige eher zur Überforderung...

Was kann ich tun bzw. welche Asanas können helfen, damit mich bestimmte Situationen emotional nicht so sehr aus der Bahn werfen und ich mich mehr abgrenze? Und als weiteren Schritt: Welche Asanas unterstützen (mich dabei), die eigenen Grenzen zu erkennen, zu respektieren und zu beachten?“

 

Liebe S.,

erst mal tut es mir leid, dass es ein bisschen gedauert hat mit der Antwort. Was soll ich sagen? Ich habe ausgiebig Ferien gemacht, mich wochenlang ans Meer gelegt und Krimis gelesen. Es war einfach nötig.

Falsch, das stimmt gar nicht, ich hatte tatsächlich sehr viel Arbeit und habe leider so gut wie keine Ferien gemacht, dabei hätte ich sie gut gebrauchen können. Was ich damit sagen will: Ich bin die schlechteste Ratgeberin, wenn es darum geht, Grenzen zu ziehen, gut für sich zu sorgen, Nein zu sagen, und so weiter. Wir sitzen also im selben Boot.

Ich will es trotzdem versuchen, denn deine Mail hat mich nachdenklich gemacht. Ich könnte uns jetzt trösten damit, dass wir Frauen uns aus der Evolution heraus als Mütter, Schwestern und Freundinnen mehr um andere kümmern, wir gewissermaßen gar nicht aus unserer Haut können und naturgemäß mehr Mitgefühl aufbringen als zum Beispiel Männer. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das Schwachsinn ist und uns nicht weiterbringt. Ich könnte uns auch ermuntern, einfach tougher zu sein, uns abzuhärten, uns ein dickes Fell zuzulegen. Ich würde in diesem Fall von der Annahme ausgehen, dass wenn wir nur härter werden wollen, wir auch härter werden können. Das mag für Bauchmuskeln gelten, aber wenn jemand sensibel ist, nützt ihm oder ihr ein solcher Rat nichts.

Mitleid(en) hilft nicht

Also noch mal der Reihe nach. Worum geht es? Wenn uns das Leid nahe kommt, können wir uns nicht schützen. Es kommt uns brutal vor, wenn sich andere in einer existenziellen Situation befinden, an uns selbst zu denken. Wir werden stattdessen lieber vor Sorge selbst krank, können nicht mehr essen, weinen, schlafen schlecht. Wir gehen im Grunde mit vor die Hunde. Kurz, liebe S., du weißt es selbst: Wir helfen damit niemanden.

Intuitiv ahnen wir, dass wir uns abgrenzen müssen, Abstand herstellen müssen, wenn unsere Hilfe etwas bewirken soll. Weil wir nur dann eine Hilfe sind, wenn wir selbst stark sind. Das könnte ein schöner Kalenderspruch sein, aber wie kriegt man das hin? Außerdem, woher können wir wissen, wieviel Abstand nötig ist? Ist es nicht unmöglich, das Leid der anderen auszuhalten, ohne selbst zu leiden?

Zur Erinnerung: Es ist nicht unmöglich. Wir schaffen es täglich. Wenn das Leid nur weit genug weg ist, halten wir es problemlos aus. Oder wir tun etwas, ohne uns vorher zu informieren, einfach nur, um eine Geste zu demonstrieren. Gerade erzählte mir meine Tochter vom „Ärzte ohne Grenzen“-Kongress in Berlin. Dort erzählte ein Arzt, dass die englische Regierung nach dem Hurrikan in Puerto Rico im September ein Schiff mit tonnenweise Decken losgeschickt hat. „Wolldecken!“, sagte ein Arzt, „ das war das Letzte, das irgendjemand bei 40 Grad brauchte.“ Abstand alleine produziert noch keine richtige Entscheidung. Es handelt sich demnach nicht nur um eine quantitative Dimension, sondern einen qualitative. Wie stellen wir uns zum Leid der anderen?

Analysieren – und dann handeln

Liebe S., du ahnst es, es kommt darauf an, die Situation zu akzeptieren, wie sie ist, zu unterscheiden zwischen dem, was wir daran ändern können und dem, was wir hinnehmen müssen. Das ist der erste Schritt. Das wissen wir zumindest, was getan werden könnte. Der zweite Schritt ist ein nüchterner Blick auf unsere Ressourcen. Wie viel Energie können wir aufbringen? Wie lange halten wir durch? Wie nachhaltig ist unser Einsatz? Wir müssen uns also selbst wie eine tüchtige Hausfrau über die Schulter schauen und prüfen, wie viel Vorräte wir haben, um die anderen zu versorgen.

Du schreibst, du neigst zur Überforderung. Ich glaube, das tun heute viele Frauen. Wenn ich mir überlege, wie Frauen früher ab 40 die Nachmittage mit Kartenspielen und Kuchenessen verbrachten, und heute? Ein Jammer.

Die Überforderung, die du ansprichst, kenne ich auch von meinen Yogaschülern. Wann immer ich zwei Optionen gebe, kann ich sicher sein, sie wählen die härtere Variante. Das ist nicht immer falsch, aber dahinter steckt etwas, das mir Sorgen macht. Die Ansicht, dass es ok ist, sich immer mehr aufzubürden, ja sogar, die Sehnsucht danach, eine riesige Last zu stemmen, denn nur so fühlen sie sich am Leben.

Nichts tun als schwierigste Übung

Liebe S., wann hattest du zuletzt einen Sonntag, an dem du dich so richtig schön gelangweilt hast? Wann hast du zuletzt „Nein“ gesagt, wenn dich jemand um einen Gefallen gebeten hat? Wann hast du zuletzt jemanden um Hilfe gebeten?

Wir Yogis müssen aufpassen. Ein bestimmter Aufopferungsgestus macht sich breit, im Kielwasser der Askese und ähnlichen Attributen, die Yoga hartnäckig anhaften. Gerade die sogenannten Fortgeschrittenen unter uns neigen dazu, sich am Sonntagnachmittag noch in einen Unterarm-Workshop zu stürzen, anstatt die Beine hochzulegen. Gerade diejenigen, die ein sinnvolles Leben führen wollen, die sich ihren diversen Verantwortungen voll und ganz stellen wollen, halten es für ihre Pflicht, Ja zu sagen, hart an sich zu arbeiten und dennoch stets für alle da zu sein. Wenn dann etwas weh tut, ob körperlich oder emotional, ob auf der Matte in schwierigen Asanas oder wenn wir uns für andere verausgaben, umso besser: Weil wir dann wissen, wir tun das Richtige. Der Schmerz wird zur Belohnung.

Beim Yoga die Schmerzgrenze ausloten

Yoga lebt vom Mythos Schmerz. Ein Spiegel-Artikel mit dem Titel „Riskante Körperkunst“ von 2012 hat gleich im ersten Satz alle Klischees, die der Redakteurin zum Thema Yoga einfielen, vereinigt: Millionen Deutsche „pilgern“ zum Yoga, in der Hoffnung, ihren verkalkten Körper „geschmeidig zu machen“, erfahren aber, sobald sie Yoga mit Leistungssport verwechseln, statt „innerer Ruhe“: „Schmerzen!“. So einfach ist es nicht, liebe Kollegen. Es ist etwas komplexer. Aber dass Yoga und Schmerz etwas miteinander zu tun haben könnten, das ist tatsächlich so. Im GEO erschien bereits 1990 ein Artikel über Iyengar mit der Überschrift: „Schmerz ist dein Meister“, der zumindest in Deutschland dafür gesorgt hat, dass es zu dem Missverständnis kommen konnte, dass Schmerzen etwas Gutes seien. Das ist Unsinn! Das Verhältnis zwischen Yoga und Schmerz ist viel subtiler.

Tatsächlich, geht es auf der Matte darum, seine Grenzen zu erkennen. Wir robben uns also gewissermaßen immer näher an sie heran, bis sie aus dem Nebel auftauchen. Bis wir den Punkt fühlen, an dem aus einem wohldosierten, kontrollierten „Wohlweh“, wie Schmerz in der Naturheilkunde genannt wird, ein echter Schmerz wird. Dies ist ein höchst anspruchsvoller Prozess und gelingt nur in fester Allianz mit unserer Atmung. Wenn wir nicht mehr gut atmen können, wissen wir, wir gehen zu weit. Der Erkenntnisprozess, wo deine Grenzen liegen, findet also in und während der Praxis statt.

Experimentieren mit den eigenen Mustern

Übertragen auf deine Frage, wie du lernen kannst, mit dir selbst mitfühlend zu sein, schlage ich dir ein Experiment vor:

Übe für einen bestimmten Zeitpunkt, zum Beispiel einen Monat, nur diejenigen Asanas, die du magst, und beobachte dabei deine Gedanken. Ist es dir suspekt, wenn es zu viel Spaß macht? Wie fühlst du dich nach der Praxis? Was fehlt dir, oder fehlt dir vielleicht nichts? Wäre es nicht sensationell, mit dieser Haltung, die Dinge zu tun, die du kannst und die dir gut tun, die Probleme jenseits der Matte zu meistern? Wäre nicht das, was du kannst und was du dir zutraust, auch genau das, was den anderen am besten bekäme?

Asanas, die dir helfen, deine Grenzen zu achten

Du hast nach Asanas gefragt, die dir helfen, die eigenen Grenzen zu achten? Naturgemäß müsste ich dir jetzt raten, es mit schwierigen Asanas zu probieren, die dir schnell vor Augen führen, wie stark oder schwach du bist. Aber ich möchte etwas anderes vorschlagen: Asanas, die dich mit deinem Inneren in Einklang bringen, deine Sinne nach innen ziehen, deine Atmung vertiefen.

  1. Bakasana
  2. Nadhi Shodhanam
  3. Bhujangasana
  4. Adho Mukho Svanasana
  5. Baddha Konasana
  6. Paschimottanasana
  7. Savasana

Alles Gute!

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