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Wie geht das gute Leben?
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Wie geht das gute Leben?

Von Kristin Rübesamen

Neulich fragte ich die Berliner Yogalehrerin Gaelle Georges, wie es ihr geht. „Gut“, sagte sie, „wenn die Sonne scheint, brauche ich nicht mehr.“ Man könnte jetzt denken, naja, Gaelle hat gut reden, sie hat eine bezaubernde Zahnlücke, den Körper einer Tänzerin, einen hinreißenden französischen Akzent und unterrichtet einen konzentrierten, eleganten Vinyasa-Stil, den nicht jeder so hinkriegt. Man muss nicht wissen, dass es Gaelle eine Zeitlang gar nicht gut ging, dass ihre Augen müde waren, wir alle in großer Sorge und dass es keineswegs selbstverständlich ist, wie sie heute wieder vergnügt in ihrem blauen Sommerkleid aufs Fahrrad steigt. Entscheidend ist sie, dass sie etwas zu besitzen scheint, worum sich viele umsonst bemühen: das Talent, glücklich zu sein.

Warum gelingt es manchen Menschen, glücklich zu sein, und den meisten anderen nicht? Der Glücksboom der letzten Jahre, der viele Glücksexperten geboren hat mit Taschenbüchern, auf denen gerne Wiesenblumen abgebildet werden, hat nur herausgebracht, was wir intuitiv schon immer ahnten:

Materielle Dinge machen nicht glücklich, vorausgesetzt wir können unsere Existenz sichern. Freundschaften und feste soziale Gefüge machen glücklich. Eine erfüllende Partnerschaft macht glücklich. Sogar Pflichten machen glücklich. Ja, Pflichten sind, wie die großartige Schriftstellerin Zadie Smith behauptet, sogar unentbehrlich für Glück.

Ich würde, sehr deutsch, hinzufügen: Kaffee, Yoga und Waldspaziergänge. Aber während es einfach ist, eine Liste aufzuschreiben mit Dingen, die uns glücklich machen, ist es schwierig, die Frage zu beantworten, was das gute Leben eigentlich ist. Ist ein gutes Leben eines, das uns abverlangt, immerzu glücklich zu sein? Oder eines, in dem wir mit berühmter stoischer Gelassenheit verpatzte Ehen, verpasste Flüge und verkrachte Existenzen in Kauf nehmen? Wieviel Einsatz sollen wir bringen, wieviel Kampf ist nötig? Wann sollen wir uns überhaupt bemühen und wann sollen wir uns abfinden? Warum diese riesige Unsicherheit, das Gefühl, nicht glücklich zu sein, obwohl wir alles haben? Denn es ist doch so: die Bewohner der Ersten Welt jammern viel mehr als jene der sogenannten Dritten Welt, die eine Flutkatastrophe nach der nächsten trifft, denn es gibt immer die eine Untersuchung, die belegt, dass eine bettelarme Familie aus Bangladesh viel glücklicher ist als jemand im Hochparterre an der Außenalster.

Für uns? Für den Wald? Für Afrika?

Wenn wir danach fragen, was das gute Leben ist, dann meinen wir damit meistens: für uns. Dabei müssten wir als erstes klären, für wen wir ein gutes Leben wollen? Ist unser gutes Leben notwendigerweise von der Ausbeutung anderer Lebewesen oder ganzer Kontinente abhängig? Wünschen wir uns ein gutes Leben für uns, für den Wald, für Afrika, für Tante Emmi, die sich alles vom Amazon bringen läßt? Genügt es, auf der Matte für den Weltfrieden zu meditieren, und machen die richtigen Räucherstäbchen schon einen besseren Menschen aus mir?

Die Lebensphilosophie ist ein altes Geschäft und nicht erst von der Huffington Post erfunden worden. Da gibt es die, die behaupten, alles müsse nach dem Lustprinzip geregelt werden, und nur das habe einen Wert, das unsere Lust befriedigt. Diejenigen, die von Pflicht und Ehre sprechen, sind auf dem Rückzug, Gott sei Dank. Aber schon bei der Überlegung, ob wir nur danach entscheiden sollen bei der Beurteilung von Dingen, was uns Lust verschafft oder was der Mehrheit der Bevölkerung Lust verschafft, bekommen sich alle in die Haare. (Wen das interessiert, bitte einfach Utilitarismus googeln)

Epikur-Asana

Nein, das erfolgreichste Konzept unserer Zeit scheint tatsächlich das zu sein, das uns Glück verspricht, wenn wir auf unsere Bedürfnisse hören. Was spricht denn auch gegen Lust? Was gegen den sogenannten Hedonismus? Wer könnte im Ernst etwas einzuwenden haben, dass mehr Leute ein gutes Leben führen? Selbst Wolfgang Schäuble würde hier unterschreiben. Doch so einfach ist es leider nicht. Epikur, der Erfinder des Hedonismus, definierte als erster abendländischer Philosoph den Gegensatz zwischen Hedoné  (Wohlsein) und Lúpe (Unwohlsein). Sein Hedonimus, der über Jahrhunderte hindurch auffällig falsch verstanden wurde, gründete in Wahrheit auf der Vision eines bescheidenen Lebens, zusammen mit Freundin, fern ab aller Versuchungen eines öffentlichen Lebens. Kannte er Yoga? Nein, vermutlich nicht, auch wenn wir es nicht wissen können. Aber er formulierte, wie wichtig Balance sei für unser Glück.

Wenn die Sonne scheint, brauche ich nicht mehr.

Dazu ein paar Sonnengrüße und einen extra für Schäuble!

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