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Was verdanken wir TKV Desikachar: Viniyoga, hurra.
Bild: iStockphoto.com

Was wir TKV Desikachar verdanken: Viniyoga

Von Kristin Rübesamen

Er hätte enden können wie Martin Sheens Sohn Charlie oder Whitney Houstons Tochter Bobby Kristina. Es ist nicht leicht, einen berühmten Vater oder eine berühmte Mutter zu haben. Das führt in der Regel direkt ins Wartezimmer eines Therapeuten. Stattdessen selbst eine Therapie zu erfinden, und damit Millionen Menschen zu helfen, ist schon ein Ding und es begann 1938 in einer kleinen staubigen Stadt in Südindien.

Die Entstehungsgeschichte von Viniyoga

Hier, in Mysore, wurde TKV Desikachar 1938 geboren und hier unterrichte sein Vater Tirumalai Krishnamacharya den Fürsten und seine Familie. Er wurde geboren, nachdem TKS Krishnamacharya seinen Schwager BKS Iyengar nach Pune abkommandiert hat. Yoga war Sache der Oberschicht, Körperertüchtigung etwas, das den besseren Kreisen aus Europa bekannt war. Der kleine TKV fand Hatha Yoga allerdings so langweilig, dass er auf eine Kokospalme kletterte, um nicht üben zu müssen. Später, in seinen Zwanzigern, nach abgeschlossenem Ingenieursstudium, begeisterte er sich dann doch für Yoga und nahm das harte Regime seines Vaters in Kauf, unter dem alle seine Schüler (ebenso BKS Iyengar und Patthabi Jois) zu leiden hatten. 1976 gründete Desikachar im damaligen Madras (heute Chennai), wo sein Vater mittlerweile lebte, das Krishnamacharya Yoga Mandiram und entwickelte mit Viniyoga, eine neue Methode, in der jeder einzelne Schüler nach seinen Fähigkeiten, emotionalen und körperlichen Bedürfnissen, seinem Alter, selbst seinem kulturellen Hintergrund unterrichtet wird. Man könnte sagen: Ultimativer Einzelunterricht, definitiv nicht geeignet dafür, Yoga zu dem Massenphänomen zu machen, das es heute ist.

Geburtsstätte von Viniyoga: Das Yoga Mandiram in Chennai

Die Vorstellung, in einem kleinen schattigen Zimmer in der Fourth Cross Street, einer kleinen Seitenstraße, im Süden von Chennai, Yoga tatsächlich als Therapie zu erfahren, ist herrlich, oder? Ohne den Rummel, das Geschrei um die richtige Matte, die neue Hose, das Spektakel um Instagram und die perfekte Playlist, welches es mittlerweile um Yoga gibt. So minimalistisch wie sich das KYM gibt, so komplex sind die Ansprüche, die an die Lehrer, die hier unterrichten, gestellt werden. Sie kennen sich nicht nur mit Asanas und Pranayama aus, sondern auch mit Meditation, vedischem Chanten, Philosophie. Die Schule ist Anlaufstelle auch für Schüler mit Asthma, Depression, Diabetes, selbst Schizophrenie.

Yoga ist Therapie

Das Comeback des Yoga im Westen, in den frühen 90er-Jahren, begann damit, dass die deutsche Yogaszene in Kontakt mit der „Rückenschule“ kam. Die Ausbilder und Ausbilderinnen des BDY konnten zu jener Zeit eine entsprechende Zusatzqualifikation erwerben, in der sie Grundlagen der Biomechanik lernten.

Gleichzeitig verbreitete sich in Frankreich, Deutschland und Großbritannien durch TKV Desikachar der Vini-Yoga und seine Didaktik in der Tradition von Krishnamacharya und zwar unter dem Namen „Vinyasa Krama“.

Was ist besonders an Viniyoga

Es brauchte einen Vermittler wie Desikachar, um das alte Wissen an die modernen Zeiten und die Bedürfnisse einer modernen Gesellschaft anzupassen. Es ging plötzlich nicht mehr darum, Asanas perfekt zu üben, sondern Asanas dem Einzelnen und dessen Bedürfnissen anzupassen. Qualifizierter Einzelunterricht und auf den Leib zugeschneiderte Übungsprogramme erhielten neue Bedeutung. Aus dieser Strömung erwuchs der therapeutische Yoga, der Yoga aus dem esoterischen Hippie-Dasein befreite. Sogar die Krankenkassen begannen, Yogakurse finanziell zu beschussen.

Im Viniyoga wird den Übenden also eine Alternative geboten, die auf die ganz individuelle Verfassung abgestimmt ist und den Schüler dort abholt, wo er sich gerade befindet. Egal, ob Einschränkungen durch Krankheit oder Konstitution vorhanden sind.

Wie sich Yoga aus dem Verständnis heraus es als Therapie zu sehen, zu einem Massenphänomen entwickeln konnte, das zu großen Stücken die perfekte Asana wieder - wie vor hundert Jahren - vor den therapeutischen Effekt stellt, ist eine andere Geschichte.

Was heißt Viniyoga?

Viniyoga lässt sich im Prinzip mit „Anwendung” oder „Verwendung” übersetzen. Desikachar nutzte den Namen also im Sinne von „angewandtes Yoga”. Wichtig war es ihm zu betonen, dass er mit Viniyoga keinen neuen Stil ins Leben gerufen habe, sondern lediglich Yoga in seiner ganzen Bandbreite nutzbar machen wollte. Der Westen, mit seinem Hang Dinge zu Kategorisieren, nutzt den Begriff Viniyoga dennoch eher im Sinne eines eigenen Stils. Weswegen wir dem Viniyoga auch einen Artikel widmen.

Die wichtigsten Lehrer des Viniyoga

Neben TKV Desikachar, den wir schon weiter oben im Text erwähnt haben und der untrennbar mit der Entstehung von Viniyoga verbunden ist, gibt es noch andere Lehrer, die im Sinne eines angewandten Yoga unterrichten.

Leslie Kaminoff

Der U.S. Amerikaner Leslie Kaminoff ist einer der bekanntesten Schüler TKV Desikachars und Buchautor sämtlicher Yoga-Werke, die sich mit der Anatomie von Yoga beschäftigen. Er ist bis heute aktiv organisiert zahlreiche Yoga Workshops, Konferenzen und Hilfsprojekte.

Gary Kraftsow

Kraftsow ist ein U.S. amerikanischer Psychologe und ebenfalls Schüler von Desikachar. Er brachte Viniyoga von Indien nach Amerika und eröffnete hier das Viniyoga Institute. Bis heute unterrichtet er Schüler und angehende Lehrer. Außerdem entwickelte er Studien um die Wirksamkeit von Yogatherapie zu beweisen. 

Mark Whitwell

Mark Whitwell ist Neuseeländer und ebenfalls Schüler von – vielleicht sogar sein wichtigster. Mit seinem Projekt „Heart of yoga” versucht der Mann mit dem langen, grauen Zopf, wie kein anderer, die Idee seines Meisters zu verwirklichen: Er hat sich zum Ziel gesetzt ein authentisches Yoga, abgestimmt auf den Übenden, zu etablieren und bereist dafür die ganze Welt.

Natürlich gab es auch Ärger

Oder sagen wir, Verwirrung, Trauer, Eifersucht und Gerüchte. Leslie Kaminoff, veröffentlichte 2014 im Yoga Magazin „Elephant Journal”, dass Desikachar schon 2009 erste Anzeichen von Demenz zeigte, und dass es eine Schande sei, dass die Geschäfte in Chennai nun in den Händen seines instabilen Sohnes Kausthub lägen.

Angefangen hat es schon viel früher, nachdem der große Yoga Anatomie-Experte Gary Kraftsow, in den 80er-Jahren Desikachars Yogatherapie als „Viniyoga” in Amerika bekannt machte. Anfang des 20. Jahrhunderts bat Desikachar darum, Viniyoga bitte nicht mehr Viniyoga zu nennen. Es sei doch einfach nur Yoga. In Amerika dagegen hielt man nichts von dieser Bescheidenheit und baute Viniyoga als Marke in einem wachsenen Markt weiter aus. Während Desikachar sich weigerte, als „Guru” behandelt zu werden, geriet sein Sohn Kausthub in den Verdacht, Schülerinnen sexuell zu mißbrauchen.

Weshalb wir das erwähnen? Weil es zeigt, dass die Yogawelt nicht perfekt ist, Yogis nicht automatisch Helden sind, und dass Transparenz, Kritik und Mut auch im Yogamilieu gefragt sind. Aber das weißt du ja.

Viniyoga und TKV Desikachar jedenfalls gehört unser allergrößter Respekt. Und Desikachars Bücher sollte jeder, der Yoga liebt, lesen.

Und hier die Bücher, die du lesen kannst:

„Yoga. Tradition und Erfahrung”

„Yoga. Über Freiheit und Meditation”

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