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Ishvara Pranidhana – Hingabe an das Höchste
Elena Kipriotis

Ishvara Pranidhana – Hingabe an das Höchste

Von Birgit Feliz Carrasco

In gewisser Weise ist die „Hingabe an das Höchste”, Ishvara Pranidhana, die Voraussetzung für das, was viele als das eigentliche Ziel des Yogawegs sehen – den erwachten Zustand vollkommener Bewusstheit (gemeinhin bekannt als Erleuchtung). Denn der ist ohne Hingabe nicht zu erreichen.

„Mit der Hingabe an das Höchste
wächst die Fähigkeit in uns, alles in
seiner Vollkommenheit zu erkennen.“

Patanjali Yoga Sutra 2.45

Tatsächlich aber fällt vielen von uns der Zustand der Hingabe nicht leicht, und auch mit dem Begriff des Höchsten tun wir uns oft schwer. Vielleicht sind wir ja deshalb noch nicht alle erleuchtet...?

Fundamente des Yogawegs

Aber von vorn: Patanjali formulierte in seinen Yoga Sutra Empfehlungen – Yama und Niyama: zehn ethische Gebote, ohne deren Einhaltung der Yogaweg und damit der Aufstieg zum Gipfel der Weisheit unmöglich ist. Genau genommen ist jede Yoga-Praxis für den Körper – also Asana (Körperübungen) und Pranayama (Atemlenkung) – sowie für den Geist – also Pratyahara (Sinnesbewusstheit), Dharana (Ein-Punkt-Konzentration) und Dhyana (Versenkung in Meditation) – nur sinnvoll auf Basis dieser Gebote.

Yama (was so viel bedeutet wie „Zügel” oder „Zügellenker”) umfasst fünf Empfehlungen für bewusstes Denken und Handeln im Lebensalltag, also die ethische Interaktion mit deiner Mitwelt. Niyama (was du als „Versprechen dir selbst gegenüber” übersetzen kannst) baut auf deine wachsende Achtsamkeit auf und empfiehlt dir, dich durch Selbstbeobachtung im Alltag deines gesamten Lebenszyklus zu veredeln. Niyama wie auch Yama sind lebenslange Aufgaben, die sich immer wieder und doch in neuen Facetten in deinem Leben zeigen. Themen wie beispielsweise Satya (Wahrhaftigkeit) oder Santosha (Zufriedenheit) tauchen auf wie Pop-ups, um dich während deines Aufstiegs zum Gipfel fortlaufend aufzufordern, dir selbst und deiner Gedanken und Handlungen bewusster zu werden, um dich so in deinem Charakter zu verfeinern und zu verlichten.


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Der Gott-Begriff im Yoga: Was ist „das Höchste”?

Ishavara Pranidhana ist das zehnte freundliche Gebot im Rahmen der Yamas und Niyamas. Konkret empfiehlt Patanjali: Richte täglich deine Gedanken und deine Handlungen auf das Höchste aus.

Was aber ist „das Höchste”? Diese Frage kann letztlich nur individuell beantwortet werden, denn an dieser Stelle trifft Yoga-Philosophie auf religiöse Glaubenskonzepte oder freie Spiritualität auf Dogma. Ishvara ist eine allgemeine Sanskrit-Bezeichnung für Gott, für Göttlichkeit, für die Schöpfung oder – ein heute üblicher Begriff – die Urquelle. „Universum” ist ein ebenso passendes Synonym für das Höchste, also das, was uns umgibt und dessen Ausmaß und Fülle wie Herkunft wir nicht in Worte fassen können. Pranidhana bedeutet Hingabe, Widmung, Weihung und auch Ehrerbietung.

In den meisten Religionen wird unterschieden zwischen dem Mensch und einer höheren Institution, einer höheren Macht, die verehrt wird, weil sie über dein Schicksal entscheidet. Die Vedanta-Philosophie, auf der der Yogaweg fußt, kennt diese Trennung nicht, denn Brahman (das göttliche Prinzip) findet sich als Atman (göttlicher Funke) in jedem lebendigen Wesen. So auch in dir. Daraus ergibt sich folgerichtig: Einheit. Wir sind alle unterschiedlich und doch eins. Und weil es alles eins ist, sorgt ES auch füreinander.

Den meisten Menschen ist während ihrer Prägung auf die Anforderungen des Erdenlebens ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Einheit verloren gegangen. Deshalb sind wir – ab dem ersten Aufflackern des Gefühls, dass da noch mehr sein muss als ein rein grobstofflicher Lebenszyklus – auf der Suche nach dem heimatlich-wohligen Gefühl des Einseins. Und so kommt Yoga in den Fokus, wie eine Brille, die uns hilft, klarer zu sehen und den Weg zurück zur Urquelle zu finden. Der Yogaweg ist nicht mehr und nicht weniger als der Wanderpfad hin zur Wiedervereinigung des göttlichen Funkens mit seinem Ursprung, der Quelle allen Lichts und Lebens. Einfach ausgedrückt: Das Höchste ist die Urquelle, aber du bist auch das Höchste... irgendwie.

Modern Life mit dem Höchsten

Der religiöse Glaube an Gott ist weltweit sehr verbreitet, hinzu kommen unzählige Menschen, die an etwas Höheres glauben, ohne diesen Glauben mit einer konkreten Religion zu verbinden. Yoga ist keine Religion, und doch befassen sich weltweit viele Menschen mit diesem philosophischen Konzept und leben und streben nach Veredelung ihres Denken und Handelns. Sozusagen Modern Life mit Upgrade. Wer nach Erleuchtung sucht, will das große Ganze erfassen. Die heutigen Yogis und Yoginis in ihren Yogaklassen weltweit mögen vielleicht in erster Linie auf der Suche nach schwitzendem wie euphorisierendem Körpergefühl und Gedankenstille sein, und doch sind sie auf dem Weg zur Vereinigung mit der Urquelle, auf der Suche nach Samadhi (Erleuchtung). Allein regelmäßige Asana-Praxis verändert das feinstofflichen Energiefeld einer Person. Weitere Praktiken wie Pranayama, Pratyahara, Dharana und Dhyana verstärken die Schwingungen im Körper-Geist-System.

Du fragst dich, ob du es bald mal geschafft hast? Dann geh in dich und frage dich, was das Höchste für dich bedeutet. Ist das Höchste für dich der gelungene Kopfstand? Körperliche Höchstleistung ist ein eher irdisches Verstandsprinzip. Oder ist das Höchste für dich das Ziel des Erwachens? Oder vielleicht die Schöpfung selbst, die Urquelle, die du als deine Seelenheimat zu Lebzeiten spüren möchtest? Und was denkst du, fehlt dir, um diesem Höchsten näherzukommen?

Und da kommen wir zu Patanjalis Empfehlung zurück: Füge zu deiner restlichen Yoga-Praxis ein Quentchen wahrhaftige Überzeugung und Herzenstiefe hinzu, dass es irgendwo eine Urquelle, etwas Höheres gibt, etwas, das wahrhaftiger ist und tiefer geht, als wir Menschen es im jetzigen Moment sind. Füge also „Ishvara Pranidhana” hinzu, deine Hingabe an das Höchste. Mach dir bewusst: Wer an nichts Höheres glaubt, muss und wird sich nicht weiterentwickeln können, denn dann bestünde keine Notwendigkeit, keine Perspektive, keine Ausrichtung. Das Warum der Suche beantwortet sich nur in der Anerkennung der Existenz des Höheren.

Ishvara wohnt in deinem Herzen

Und wo findest du jetzt das Höchste? Probier mal Folgendes: Schalte deinen Verstand, der immer Fakten und Beweise für alles haben will, für einen Moment ab. Konzentriere dich stattdessen mit einer Hand auf deiner Brustmitte auf dein Herz. Frage dich, ob das irdische Leben, deine jetzigen Existenz, wirklich das einzige ist, das es gibt? Frage dich, ob du, der feinstoffliche Anteil in dir, deine Seele, nie etwas anderes erleben wirst als diese Jahrzehnte auf Erden, aufgesplittet zwischen Freizeit, Arbeit, Urlaub, Schlaf, Konsum?

Kurz: Mach dich auf die Suche nach dem göttlichen Funken in dir, den du wie alle Lebewesen in dir trägst. Du wirst das Funkeln spüren, denn deine Seele, dein höheres Selbst, ist die Verbindung zwischen dir und dem Höchsten. Du spürst Ishvara bei jedem Wunder deines Herzschlags, bei jedem Wunder eines Atemzugs, bei jedem wundersamen Aha-Erlebnis, wenn du einen bisher nicht sichtbaren Zusammenhang erkennst. Stetig wirst du weiser und innerlich weiter, lichtvoller werden. Jeden Tag wirst du ein Stückchen mehr von der Einheit erfahren. Denn das, was Ishvara ist, ist in dir und ist überall – überall dort, wo das Eis im Herzen der Menschen zu schmelzen beginnt. Das Universum sorgt für alle, auch für dich. Versprochen.

Hingabe im Alltag: Ishvara Pranidhana leicht gemacht

Sobald du Ishvara in deinem Herzen als einen Teil des großen Ganzen entdeckt hast, ist der nächste Schritt der Hingabe leicht. Du widmest deine weitere Entwicklung, die weitere Veredelung deines Denkens und Handeln im Sinne des Yama und Niyama deinem eigenen Wohl. Das ist definitiv nicht egoistisch, denn was zu deinem Wohl ist, ist in der Gemeinschaftlichkeit des großen Ganzen auch zum Wohle aller. Die Urquelle ist deswegen unerschöpflich, weil sie permanent mit unser aller stetigen Hingabe aufgefüllt wird. Du und ich stellen täglich unsere Erfahrungen, unsere Emotionen, unsere Weiterentwicklungen der Urquelle zum Re- und Upcycling zur Verfügung.

Gib in allem, was du tust und denkst, dein Bestmögliches und weihe es der Urquelle und damit auch der Fortentwicklung deiner Selbst auf Erden. Wenn du liest und lernst oder singst, tu es voll und ganz versunken in diese Tätigkeit. Wenn du mit jemanden sprichst, tu das ohne Ablenkung und richte dein Herz auf die Seele dieses Menschen aus. Wenn du Yoga übst, weih deine Yoga-Praxis der Heiligkeit deines Körpers. Wenn du den Garten umgräbst, tu es in Ehrerbietung an die Erde und alle Elementarwesen. Wenn du schwimmst, ehre das Element des Wassers als Lebensspender. Suche und meditiere immer wieder das Licht, suche Ishvara im Licht – und verbinde deine aneinandergereihten Momente des Seins mit dem Höchsten durch persönliche Rituale, die getragen werden von deiner Liebe zum Leben.

Übe dich in Hingabe: Rituale der Liebe

Mit Mantras, mit Affirmationen, mit Gebeten, mit Pujas (Göttergaben) oder mit deinen eigenen Ritualen kannst du täglich deine Liebe zum Höchsten ausdrücken und dir jederzeit Momente voller Hingabe schenken. Wachse täglich ein Stück in Bewusstheit. Das große Ganze ist da, und du bist ein Teil davon.

1. Ein Mantra

Govinda Jaya Jaya Gopala Jaya Jaya. (Ich ehre meinen Hirten, der mich leitet und schützt.)

2. Eine Affirmation

So ham. (Es ist ich, ich bin es.)

3. Ein Gruß

Om Shanti Shanti Shanti. (Om – Friede im Herzen und Friede in der Welt.)

4. Ein Gebet

Ich danke dem Licht, das sich in mir ausdrückt und sichtbar erstrahlt.

5. Ein Ton

OM.

Wenn du täglich Achtsamkeit und Bewusstheit praktizierst, wirst du dich gar nicht mehr so schwertun mit der Hingabe, mit der Erkenntnis des Höchsten. Erwachen findet jeden Tag in kleinen Schritten statt und vielleicht fehlt nur noch ein weiterer Schritt...

Love and light
Birgit Feliz Carrasco

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