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Im Yoga auf mein Gefühl hören oder auf den Lehrer?
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Im Yoga auf mein Gefühl hören oder auf den Lehrer?

Von Dana Pukowski

Es vergeht wohl kaum eine Yogastunde, in der mich die Yogalehrerin nicht dazu anhält, nur so weit zu gehen, wie es an diesem Tag für mich körperlich und mental möglich ist, aus dem Fühlen heraus das wahrzunehmen, was mich begrenzt, und diese Grenzen erst dann aufzulösen, wenn es sich für mich gut anfühlt. Wie oft werde ich gebeten, die Augen zu schließen, um nachzuspüren und das Erfahrene wirken zu lassen. Nur selten, Gott sei Dank, werde ich von Lehrern gedrängt, über mein Maß hinaus ohne Rücksicht auf Verluste meine Praxis weiterzuentwickeln. Oft genug aber führen sie mich behutsam an meine Grenzen heran, um sie achtsam, aber mutig zu erweitern und meine Praxis Schritt für Schritt auf eine neue Ebene zu tragen. Alleine das macht deutlich, dass es mehrere Rollen auf diesem Weg gibt, dass er mehr ist, als nur „unterrichtet zu werden“, und dass der Yogaweg ein Prozess ist, ein Dialog zwischen dir und deinem Lehrer oder deiner Lehrerin.

Die Basis: Yoga als Achtsamkeits-Praxis

Yoga ist immer auch eine Achtsamkeits-Praxis, die dir hilft, sensibler zu werden und auf die Signale deines Körpers zu hören. Während Pranayama dir erlaubt, deinen Atemraum auszudehnen und mehr Sauerstoff aufzunehmen, reinigt eine regelmäßige Meditations-Praxis deinen Geist. Alle Praktiken dienen letztlich dazu, deine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was jetzt ist, zu beobachten und hinzusehen.Es ist fast so, als würden wir einen Lichtkegel auf ein Objekt richten, um es zu durchleuchten. Je länger wir es fühlen und ansehen, desto mehr erfahren wir darüber. Wann auch immer du Yoga praktizierst – Asana, Pranayama oder Meditation –, das Herzstück ist, die Fähigkeit zu entwickeln, Bewusstheit in dein Tun und Denken zu bringen. All das, was an physischen, mentalen und emotionalen Reaktionen entsteht, gilt es zu erkennen und wertfrei anzunehmen.

Bevor es in die Tiefe geht, wir Yoga als Transformation und Bewusstseinsentwicklung verstehen und leben können, erarbeiten wir uns mühevoll eine intuitive Verbindung zu unserer äußeren Form, unserem Körper. In der westlichen Welt ist unser Körper der Zugang, um Geist und Herz auszugleichen. Es geht also gerade zu Beginn unseres Yogawegs eher grobstofflich zu. Der Yogalehrer schult uns, unseren Körper wahrzunehmen, und wir erobern uns Stück für Stück die Fähigkeit zurück, intuitiv zu wissen, was uns guttut. Und auf dieses Gefühl darfst und solltest du als Yogi unbedingt hören.


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Yoga ist kein Konsum: Dem eigenen inneren Lehrer folgen

Es gibt Tage, da falle ich einfach auf die Matte und schaue meinen Yogalehrer erwartungsvoll an in der Hoffnung, dass es heute auch ganz gut ohne meine Intuition geht, weil wir – mein Körper, Geist und Herz – alle drei sehr müde sind. Das funktioniert maximal so lange, bis ich wieder daran erinnert werde, dass mein Yogalehrer zwar den Rahmen absteckt, mich mit Themen inspiriert, sicherstellt, dass die Ausrichtung von Körper und Geist heilsam erfolgt, aber er nicht in mich hineinsehen kann. Natürlich spürt er die Energie, meine Stimmung, aber nur ich alleine weiß, was an diesem Tag hinter mir liegt, wie sich mein Körper anfühlt, wie sehr mein Geist hüpft oder schläfrig ist. All das kann niemand besser erahnen als ich selbst. Ich selbst bin mein bester Lehrer. Niemand sonst kennt mich so gut wie ich mich selbst.

Wir alle tragen also eine Weisheit in uns, die weit über das Maß hinausgeht, das wir im alltäglichen Leben wahrnehmen. Deine Yoga-Praxis ist der Anfang einer innigen Beziehung mit dir selbst. Ich kann mich ganz genau erinnern, dass ich die ersten Begegnungen mit mir selbst kaum gespürt habe. Wie ein grobmotorischer Stoffel habe ich mich maximal verstört über die Matte bewegt. Blickkontakt mit meinen Füßen habe ich vermieden. Innehalten hat mich innerlich aufgewühlt. Bewegungen habe ich grob und unbequem ausgeführt. Wie beim Militär habe ich die Anweisungen befolgt und ohne Kompromisse durchgeführt. Nur jeder dritte Satz meines Yogalehrers drang zu mir durch, und nur jeden zweiten Satz habe ich gänzlich verstanden. Weder konnte ich die Körperteile finden, in die ich hineinspüren soll, noch viel weniger spürte ich Energieströme oder körperliche Zusammenhänge. Nur ein Yogalehrer kann uns diesen Weg aufzeigen, Impulse geben, individuell unterstützen, zurückzukehren und der eigenen Stimme zu folgen.

Wir brauchen also einen Lehrer, der uns auf unserem Yogaweg begleitet. Aber wie hat sich diese Rolle über die Zeit verändert?

Die traditionelle Sichtweise: Shishya und Guru

Fast schon unwirklich in der heutigen Zeit und in der westlichen Hemisphäre ist die Tatsache, das Yoga traditionell 1:1 und vor allem ausschließlich über das gesprochene Wort weitergegeben wurde. Damals gab es noch keine Yogalehrerinnen in modischen Leggings, sondern spirituelle Gurus und erfahrene Meister. Sie waren die Bewahrer der Kenntnisse und Fähigkeiten. Zu dieser Zeit war Yoga noch keine ertragreiche Branche, sondern einzig und allein ein spiritueller Weg, der sich vom Alltäglichen abgrenzte.

Guru Schüler

Guru bedeutet, die Sichtweise eines Meisters zu teilen und ihr zu folgen. Wörtlich übersetzt heißt „Guru“ so viel wie schwer, gewichtig, im Sinne gefüllt mit Wissen und Erkenntnisreichtum. Ein spiritueller Lehrer, „der unsere Dunkelheit vertreibt“.  Die Beziehung zwischen Guru und Schüler (Shishya) war und ist also eine besondere. So besonders, dass sie sogar über der zu Freunden und Familie stand. Ein Guru wählte dich, nicht du einen Guru. Das war zu dieser Zeit der einzige Weg, den Pfad des Yoga zu beschreiten, die höchste Stufe zu erklimmen, alle Hindernisse und Verwirrungen zu beseitigen.

Der Anspruch an einen Schüler war hoch, das Investment an Vertrauen, Zeit und Disziplin immens. Nur die höchst entwickelten Schüler waren imstande, „den Ozean der manifestierten Welt zu durchqueren“. Neugierig studiere ich die lange Liste der Fähigkeiten, die ich mitbringen müsste, um nach damaligen Maßstäben von einem Guru unterrichtet zu werden. Schon beim Lesen wird mir schwindelig und schnell klar: Ich wäre raus. Es ist nicht nur die Rede von unerschöpflicher Lebensenergie und Begeisterung, es geht um Mut, Sauberkeit, Geschicklichkeit, Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft gegenüber allen Lebewesen, sanfte Wortwahl, Standhaftigkeit, Intelligenz und Unabhängigkeit. Bist du dann auch noch von gutem Aussehen, geistig gesund, frei von Angst und Selbstsucht, nicht allzu melancholisch, bereit zu vergeben und ernährst dich maßvoll, dann gibt es eine Chance, von einem Guru unterrichtet zu werden und dein irdisches Leben voll und ganz dafür zu nutzen, die Erkenntnis des höchsten Selbst zu empfangen.

Ein Guru wurde nicht geachtet, er wurde verehrt. Er war ein geistiger Lehrer, beantwortete Fragen, lehrte einen Lebensweg und vermittelte dabei die Weisheit des Geists. Selbstlos und ohne jede Erwartung an Ruhm und Erfolg begleitete er seine Schüler voller Hingabe auf dem Yogaweg. Traditionell wurde die Essenz des Yoga also mit dem Meister-Schüler-System von Gurus über Jahrhunderte weitergegeben. Wort für Wort. Die fähigsten Schüler eines Gurus sind wiederum selbst Gurus geworden, aber nur wenige von ihnen haben die höchste Verwirklichung erreicht (Sat Guru).

Das klingt magisch und nach einer lebenslangen, intensiven spirituellen Beziehung. Es gibt sie noch, Gurus, spirituelle Wegweiser durch den dunklen Dschungel unseres inneren Irrgartens. Leider haben widerlichste Skandale durch alle Traditionen hinweg dazu geführt, dass alleine der Begriff des Guru oft mit „blindem Vertrauen“ und „Scharlatan“ gleichgesetzt wird. Wie immer gibt es dort, wo viel Licht ist, auch Dunkelheit. Und sind wir mal realistisch, in unserem alltäglichen Dasein zwischen irdischem Müsli, drängelndem Verkehr, weinendem Kind und nervendem Chef ist wohl kaum Raum für eine derart intensive Meister-Schüler-Beziehung. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Ein bisschen mehr „Guru“ darf es gerne wieder sein.

Wer Yoga praktiziert, braucht einen Yogalehrer

Auch wenn wir uns längst von dem uralten Konzept entfernt haben, bleibt es dabei: Wer Yoga praktiziert, braucht einen Yogalehrer oder eine Yogalehrerin. Heutzutage praktizieren wir Yoga im Regelfall in Gruppen. Du kennst das. Vielleicht hast du ein Lieblingsstudio, einen Lieblingslehrer oder mehrere Yogalehrerinnen, die dich inspirieren. Wir folgen nicht nur einem Yogalehrer, wir suchen uns heute aus, wem wir zuhören, von wem wir uns das Zuhören beibringen und unsere Fragen beantworten lassen.

YogalehrerInnen haben gelernt, auf deine Bedürfnisse einzugehen. Sie können erkennen, mit welchen Fähigkeiten und Einschränkungen du in den Kurs kommst, sind in der Lage, die Übungen so anzupassen, dass sie für dich am wirkungsvollsten sind. Aber sie sind keine Hellseher. Okay, ich bin keine Hellseherin. Ich liebe Kontinuität in den Yogaklassen. Je öfter wir uns begegnen, desto besser kann ich dich sehen, dich beschützen und dich trotzdem weiterentwickeln.

YogalehrerInnen haben oft nicht nur mehrere Ausbildungen und Weiterbildungen durchlaufen, sondern durchleben vor allem selbst den Prozess, sich ständig mit sich auseinanderzusetzen. Bestenfalls unterrichten wir Yoga aus unseren eigenen Erfahrungen heraus. Wir kennen die Mühe, die Durststrecken, die Hindernisse auf diesem Weg. Wir sind ansprechbar, vor und nach den Kursen, teilen unsere Erfahrungen, motivieren dich, geben Impulse, hören einfach zu, schenken dir Vertrauen, geben unser Wissen weiter. Fordere diesen Dialog ein, und du wirst sehen, dass sich erst dann deine Yoga-Praxis richtig entfalten kann.

Yoga ist eine Erfahrungswissenschaft: 3 Schritte zur Entfaltung deiner Yoga-Praxis

LehrerInnen unterschiedlicher Traditionen mit unterschiedlichen Erfahrungen unterrichten Yoga aus ihrer eigenen Wahrheit heraus. Das ist wunderbar, denn die heilige indische Schrift, die Upanishaden, unterscheidet nicht zwischen dem, was erkannt wird und wie dies geschehen soll. Wie aber gehst du mit neuem Wissen um? Was beschützt dich vor blindem Glauben? Wie kannst du tiefer eintauchen, einen Prozess entstehen lassen, der Widersprüche aufgreift, auflöst oder integriert? Die indische Tradition hat drei Schritte entwickelt:

1. Zuhören wie ein Kind (shravana)

Shravana bedeutet hören, oder noch besser zuhören, fast schon meditativ Wissen inhalieren ohne jede Form von innerem Dialog oder eigener Bewertung. Da ist also der Haken. In der Praxis habe ich das oft über das Wiederholen (mindestens siebenmal) von Mantras erlebt. Durch die ständigen Wiederholungen, vielleicht auch in Form von Gesängen, nehmen wir das Wissen ungefiltert auf, schaffen das Fundament. Du wirst es erleben, wenn dein Yogalehrer oder deine Yogalehrerin dir etwas mitgeben möchte – erinnere dich daran, zuzuhören wie ein Kind. Stell dir das gerne vor, wie du diese Worte liest oder hörst, als wäre es das allererste Mal und als gäbe es noch nichts, was schon im Topf ist. Vollkommen leer empfängst du dieses Wissen.

2. Nachdenken und Klärung (manana)

Manana bedeutet diskursive Meditation und beschreibt den Prozess des kognitiven Lernens und Verstehens. Ist das Fundament geschaffen, startet dein hitziger innerer Dialog, und du beginnst, dich über Fragen mit deinem Lehrer zu reiben. Großartig. Diese schmerzhafte Reibung ist Teil des Prozesses und kann zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen:

  1. Du überschreibst das alte Wissen direkt mit dem neuen.
  2. Du bleibst beim alten Wissen, und das neue Wissen wird bewusst beerdigt.
  3. Du integrierst beide Welten und schaffst etwas Neues.
  4. Beide Wahrheiten dürfen nebeneinander bestehen. Spannend.

Spätestens jetzt hast du einige Beispiele im Kopf, und allein auf deine Asana-Praxis bezogen können es simple Ausrichtungsprinzipien sein, deren Sinn du anzweifelst und dessen Umsetzung du einfach ignorierst.

3. Verstehen über die Worte hinaus

Nididhyasana beschreibt letztlich die Essenz. Yoga ist und bleibt eine Erfahrungswissenschaft. Worte allein können nicht beschreiben, nicht begreiflich machen, was Yoga ist. Nididhyasana bringt dich zum Schweigen, lässt dich die Magie hinter den Worten erfahren. Nur durch deine eigene Yoga-Praxis und damit Erfahrung kannst du das Gelernte und Geklärte beleben. Zellwissen. Auf deine Asana-Praxis bezogen kann das etwa ganz einfach bedeuten, verschiedene Ausrichtungen deines Fundaments in Tadasana zu spüren und dich für das zu entscheiden, was sich letztlich gut anfühlt: geschlossene Füße, hüftschmaler Abstand oder eine deiner Hüfte entsprechenden Fußstellung. Egal, um welches Wissen es sich handelt, unabhängig davon, wie grob- oder feinstofflich es ist, der Prozess ist derselbe.


Damit schließt sich der Kreis. Denn das ist die Yoga-Praxis: ein ständiger Kreislauf aus Zuhören, Reiben, Klären, Erfahren. Ein Dialog, der ohne deine innere Stimme und ohne (d)einen Yogalehrer schnell langweilig wird und in eine Sackgasse führt. Um diesen Dialog wieder lebendiger werden zu lassen: Trau dich, Fragen zu stellen, nimm dir Zeit, deine Erfahrungen zu teilen, such den Kontakt zu deiner Yogalehrerin, sprich an, was dich umtreibt, vertrau auf diesen fruchtbaren Diskurs. Namasté!

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