Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Ess-Meditation ist auch Yoga

Ess-Meditation ist auch Yoga

Von Alina Voinescu

Wie wir essen, ist wichtiger als was wir essen. Ach wirklich...? Ja, wirklich! Gehen wir einen Schritt zurück.

Essen ist vieles – und kann auch achtsam sein

Was bedeutet Essen für uns? Wir alle essen, sogar mehrmals jeden Tag. Essen hat viele Aspekte. Essen ist Überleben, etwas Soziales, und es kann romantisch sein. Essen kann trösten, als Stressabbau dienen und missbraucht werden. Essensmissbrauch? Essen wird als lästig empfunden oder nebenbei vor dem Computer erledigt. Essen kann viele Regeln haben. Kein Zucker, kein Fett, kein Fleisch, keine Kohlenhydrate... nicht mehr nach 18 Uhr. Essen kann ganz schön stressen. Es bietet aber auch eine Möglichkeit, um Achtsamkeit zu üben. Ja, Essen kann zu einer Meditation werden. Und jetzt zu mir.

Wie man praktisch alles wieder „auskotzt”

Ich habe immer schon gern gegessen. Ich war als Kind ein „guter Esser“. Es gab immer viel Lob, wenn der Teller leer war. Für mich war das Essen beendet, wenn mein Magen so voll war, dass der Bauch weh tat. Je mehr ich aß, um so mehr wurde gelobt. Ich lernte nicht, auf meinen Köper zu hören, um zu wissen, wann ich satt war. Dann begann ich, im Ballett zu tanzen und plötzlich sollte ich möglichst wenig essen. Je weniger, umso besser. Du bist gut, wenn du dünn bist. Ein klarer Konflikt. So geriet ich als Teenager mehr und mehr in eine Spirale von Essstörungen. Ich tröstete mich mit massenweise Essen. Und schämte mich. Hungerte und lernte von einer Freundin, wie man ganz praktisch alles wieder auskotzt. Essen wurde zu einem überwältigenden, alles beeinflussenden Problem.

Wäre ich doch Alkoholikerin, dann könnte ich aufhören. Aber essen muss man.

Mir wurde irgendwann klar, dass dieses Verhalten krank war. Einen Ausweg konnte ich erst einmal lange überhaupt nicht sehen. In meinen dunkelsten Momenten wünschte ich mir, lieber Alkoholikerin zu sein, weil ich dann einfach mit dem Trinken aufhören könnte. Aber essen muss man immer irgendwie. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein normales Verhältnis zum Essen zu haben. Es war ein ständiger Krieg in mir. Ich wollte endlich Ruhe finden.

Wie fühle ich mich, wenn ich esse?

Im Yoga lernte ich, nach innen zu hören und nicht mehr nur den Spiegel anzutanzen. Ayurveda lehrte mich kochen und Nahrung als Heilung zu sehen. Am stärksten wirkte auf mich das Achtsamkeitstraining. Ich las viel und ging zu verschiedensten, oft buddhistischen, Vorträgen und Meditationen. Es begann mit dem Beobachten. Ich schaute genau hin, was passiert, wenn ich esse oder mich überesse. Was ist der Auslöser? Wie fühle ich mich beim Essen und danach? Wie fühle ich mich beim Kotzen und danach? All das zu beobachten war ein wichtiger Schritt für mich, um mich besser zu verstehen.

Essen als Meditation

Als ich 2008 im Sommer in Plum Village, Frankreich in einem Retreat bei Thich Nhat Hanh war, machte ich die wohl eindringlichste Erfahrung: Essen wurde hier als Meditation geübt. Thich Nhat Hanh ist ein buddhistischer Mönch aus Vietnam. Er hat viele  Angebote für uns, wie wir unsere alltäglichen Handlungen zu Mediationen werden lassen. Am Anfang fand ich diese Art zu essen sehr anstrengend. Ich erinnere mich, dass ich fast irre wurde, während dieser unendlich langsamen Nahrungsaufnahme. Es war wirklich schwer, aber ich bin dran geblieben. Es fühlte sich an, als würde etwas in mir verbrennen. Heute glaube ich, dass Teile meiner Verhaltensmuster dabei regelrecht verbrannten. Ich war sehr überrascht, wie satt ich wurde, von einer für meine Verhältnisse kleinen Portion. Einfach satt sein, war eine völlig neue Erfahrung. Ein Stück Schokolade so intensiv zu genießen, dass eines ausreicht und wunderbar ist, war wie einen neuen Kontinent entdecken.

Wie genau funktioniert achtsames Essen?

Langsames Essen, das weiß jeder, ist besser. Achtsam essen muss nicht unbedingt langsam sein. Vielleicht ginge so:

  1. Ein erster Schritt ist es,  interessiert zu beobachten, wie ich esse. Sitze ich? Stehe ich? Lese ich dabei, sehe Nachrichten oder arbeite ich?
  2. Der zweite Schritt könnte sein, das Essen als einzelne Handlung zu erleben. Nur essen. Nichts anderes dabei tun. Nicht reden und auch keine andere Information aufnehmen.
  3. Jetzt wird das Essen zu einer meditativen Tätigkeit. Nun esse ich. Ich schaue mir meine Mahlzeit an, rieche daran, spüre in mich. Was löst der Geruch in mir aus? Habe ich Lust, diese Speise zu essen? Vielleicht erledigt sich hier das Thema schon. Oder ich nehme den ersten Bissen und kaue und schmecke. Wie schmeckt es? Was geschieht in meinem Körper, während ich schmecke und schlucke? So geht es weiter, bis ich satt bin. Und wie fühlt sich das an? Wann habe ich genug gegessen?

Wenn ich eine Ess-Meditation anleite, gebe ich gern kleine Löffel aus, die wir nach jedem Biss wieder ablegen. Wir sitzen dabei in einem Kreis. In letzter Zeit habe ich auch Kerzen aufgestellt. Das macht die Situation feierlicher und erinnert an ein Feuer, um das wir sitzen. So ganz traditionell ist das nicht, aber schön.

Alle sitzen in „noble silence” (edler Stille) und ein Teilnehmer hilft mir, die Schüsseln zu verteilen. Wenn alle versorgt sind, erkläre ich, wie wir üben. Wir lächeln uns gegenseitig an und los geht’s. Ich rechne mit mindestens 30 Minuten nur für das Üben, wie das Essen an sich geht, ein.

Jedes Mal hoffe ich natürlich, dass es allen schmeckt. Ich koche am Morgen mit aller Liebe und manchmal auch in sorgsamer Eile etwas Ayurvedisches. Mit verschiedenen Gewürzen und Gemüse. Dabei achte ich darauf, dass unterschiedliche Konsistenzen enthalten sind. Das macht das Geschmackserlebnis interessanter.

In meinen Workshops ist die Ess-Mediation der 3. Teil. Davor haben wir schon zwei Stunden Vinyasa Flow und Yin Yoga praktiziert. Die meisten Leute sind danach hungrig. Das hilft. So kam es überhaupt zu dieser Idee, Ess-Meditation zu integrieren. Nach meinen regulären Yoga-Workshops war ich immer so hungrig, dass ich manchmal mit den Teilnehmern essen ging. Machen wir doch gleich das Essen zum Teil unserer Praxis. Direkt nach der Asana-Praxis in gutem Kontakt mit unserem Körper und unserer Atmung. Das Verdauungsfeuer Agni ist angeregt und die Nahrung wird besser verwertet. Wir haben etwas Abstand zum Alltag und unsere Aufmerksamkeit und Selbstbeobachtung sind nach innen gewannt. Beste Vorraussetzungen um zu üben, Muster abzutasten und vielleicht aufzubrechen.   

Wer kommt?

In meine Workshops kommen Menschen aller Altersstufen und mit unterschiedlich viel  Yogaerfahrung. Viele Schüler begleite ich schon seit Jahren. Es sind aber auch Yogaanfänger dabei. Ess-Meditation kann für jeden Menschen eine Bereicherung sein. Es ist ja nur eine von vielen Methoden, um Achtsamkeit zu üben, etwas, das wir in unser gesamtes Leben integrieren können. Essen als Meditation ist so schön alltagstauglich, das finde ich sehr praktisch.

Zum Nachtisch eine Rosine

Wenn ihr erlaubt, noch mal zurück zum Ablauf in der angeleiteten Ess-Meditation: In Stille und gern langsam isst jeder so viel und so lange, wie er möchte. Wer seine Übung beendet hat, kann zuerst über das Empfinden nach der Nahrungsaufnahme meditieren oder sich auch hinlegen. So kann jeder, ohne sich angetrieben zu fühlen, in Ruhe zu Ende essen. Zum Nachtisch reiche ich gern eine Rosine oder auch was anderes ganz kleines Süßes. Das zaubert oft ein Lächeln die Gesichter. Wir beenden und beginnen die Praxis mit Om oder einem anderen Mantra.

Meistens haben die Teilnehmer den Wunsch, sich danach auszutauschen. Manche finden es wunderbar und friedlich. Andere fühlen sich allein oder traurig und auch genervt, gelangweilt, neugierig, überrascht oder genießen entspannt. Alles, was uns in der Ess-Meditation begegnet, ist willkommen. Wir beobachten, was wir schmecken, fühlen und denken. Einfach alles. Wir bemerken wohlmöglich, das wir mit unseren Gedanken abschweifen. Das ist genau das, was wir üben – dies zu bemerken.

Vielleicht haben wir das Gefühl, das wir das nicht können, falsch machen oder finden uns ganz grossartig. Das ist die Übung – genau das zu beobachten. Wir lernen viel über uns. Ob wir uns bewerten, blöd finden oder lobpreisen, alles mögliche kann uns begegnen und das ist eben die Übung. Oft kommt es erst Stunden nach dem Workshop zu überraschenden Reaktionen. Viele Teilnehmer kommen immer wieder und erleben wie sich Ihre Ess-Meditation verändert. Und natürlich kann diese Praxis, wie bei mir, das Essverhalten generell verändern.

Ich bin sehr dankbar, dass Essen für mich wieder etwas Schönes, Erlaubtes und Experimentales ist. Es gibt dennoch immer wieder Situationen, die total schräg laufen. So ertappe ich mich schon mal dabei, dass ich vor meinem Computer sitze und esse, während ich einen Artikel lese. Obwohl ich das doch besser wissen sollte. Das Wichtige dabei ist: Ich bemerke es und beobachte, ohne zu bewerten. Alte Muster kommen leider immer mal wieder zum Vorschein. Auch das lohnt es sich anzuschauen und liebevoll zu behandeln.

Kauen baut Stress ab

Wie wir essen, spielt eine große Rolle. Es beeinflusst unseren gesamten Energiehaushalt und unseren Schlaf, Stressresilienz, Kreativität und Lebensfreude. Leider essen wir unter Stress oft sehr schnell oder gar nicht. Tatsächlich hilft Kauen beim Stressabbau. Kauen ist ja eine Bewegung. Bewegung baut Stress ab. Wenn wir uns auf die Kaubewegung besinnen, wirkt es entspannend. Beim langen Kauen wird viel Speichel entwickeln und der Kontakt der Rezeptoren im Mund mit der Nahrung ist länger. Es steigt das Sättigungsgefühl und das Geschmackserlebnis ist auch stärker.

In vollen Zügen entdecken und geniessen – ganz kleine Kinder machen das oft ganz  instinktiv. Wobei das Essen mit Kindern eine Herausforderung sein kann und wahrscheinlich selten meditativ ist. Meine supertolle Esspraxis brach erstmal völlig zusammen, als ich Mutter wurde. Ich ass plötzlich wieder schneller und gehetzter. Umso wichtiger war und ist mir die Praxis, zu der ich immer wieder zurückkommen. Ich übe immer wieder wie ein Anfänger. Es gelingt mir öfter auch in der Unruhe, bewusst wahrzunehmen, was und wie ich gerade esse. Ich erschaffe mir eine Oase, in der ich mich wirklich ernähre, genieße und Kraft schöpfe.

Auch Kinder können schmecken

Auch mit Kindern kann man dieses Essexperiment machen. Wir könnten nur mal eine Kleinigkeit servieren und 2 bis 5 Minuten lang die Gespräche einstellen. Dann wird ganz langsam gekaut, gelutscht, geschmeckt und gefühlt. Das kann für Kinder eine nachhaltige Erfahrung sein. Essen als Meditation kann zu einer täglichen Praxis werden. Hin und wieder zu üben ist gut. Idealer Weise starten wir jedes Mal neu, ohne etwas Bestimmtes zu erwarten. Das ist nicht immer leicht oder schön, aber wertvoll.

Das, was uns gut tut

Jede unserer Handlungen kann achtsam erfolgen. Alles was wir tun bekommt so eine andere Qualität. Unsere Atmung, Bewegung, unser Zuhören, Beobachten, unsere Sprache. Meine Einladung: Seid interessiert, neugierig und eröffnet euch eine Freiheit und Feinheit in der Nahrungsaufnahme. Wir haben alle irgendwelche Muster, die wir mal betrachten können. Die Idee ist, dass wir mit dieser Wachsamkeit ganz automatisch das essen, trinken und konsumieren, was und soviel uns gut tut.

Ihr nächster Workshop findet am 25. März in Berlin statt.

Mehr über Alina Voinescu und auch ihre nächsten Workshop-Termine findest du unter www.alinayoga.de.

zurück nach oben