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Entspann dich mal! Zu unruhig für Yoga?
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Entspann dich mal! Zu unruhig für Yoga?

Von Merle Blankenfeld

Eins gleich vorweg: Entspannen ist nicht gerade meine Stärke. Ich denke praktisch ständig über eine Situation nach, die ganz vielleicht in zwei Jahren auf mich zukommen könnte, wenn ungefähr acht verschiedene Entwicklungen entgegen allen Wahrscheinlichkeitsrechnungen in einer bestimmten Reihenfolge eintreten. Aber immerhin habe ich dann eine Lösung parat. Wie, und die macht Yoga?, fragst du dich jetzt vielleicht? Auf diese Frage gibt es eine kurze und eine lange Antwort. Die kurze: Ja, Yoga hilft mir tatsächlich sehr. Die lange Antwort folgt hier.

Wie entspannt muss man für Yoga sein?

Eine meiner ersten ernsthaften Begegnungen mit Yoga im Alltag war eine Freundin, die mir vor einigen Jahren erzählte, dass sie und ihre Kollegen jetzt immer dienstags in der Mittagspause Yoga machten. Ich war ziemlich verwundert und ein bisschen entsetzt. Wie sollte man denn bitte nach dem Budgetmeeting direkt auf die Matte hüpfen, da ohne Gedanken an irgendetwas anderes als den Atem seine Asanas ausführen, und danach direkt weiter an der Präsentation für das nächste Quartal arbeiten? Und was genau hatte das bitte mit Entspannung zu tun?

Nach ein paar Jahren Yogapraxis und Auseinandersetzung mit der dazugehörigen Philosophie finde ich diese Lunch-Yoga-Idee großartig. Genau so kann man von den positiven Wirkungen des Yoga wirklich profitieren. Den damals für mich so absurden Gedanken, dass man tatsächlich eine Stunde lang alles, was davor passiert ist, und alles, was danach kommt, ausblendet, finde ich heute absolut einleuchtend. Besonders, wenn einem das beim ersten Mal (oder auch beim 17. Mal) nicht gelingt, kann das eine großartige Yogaübung sein.

Der Affengeist und der wackelige Tänzer

Es gibt Tage, da steige ich auf die Matte, und meine Außenwelt ist für die Dauer der Yogastunde vollkommen verschwunden. Ich bin ganz bei mir und meinem Körper und komme in einen wunderbaren Flow. Es gibt aber auch Tage, da ist dieser Flow in weiter Ferne. Meistens hat es wenig mit meinem Körper zu tun, wenn ich im Tänzer irgendwie wackelig stehe und meine Arme in der Planke schneller anfangen zu zittern, als mir lieb ist. Tatsächlich habe ich das in der Regel meinem Geist zu verdanken, den der Buddha so treffend als Monkeymind, also Affengeist, beschrieben hat. Ich bin unkonzentriert, nicht richtig bei der Sache – und dann scheint die im Yoga angestrebte Einheit von Körper und Geist nahezu unmöglich. Das Ergebnis: der wackelige Tänzer.

Ich habe mir angewöhnt, an solchen Tagen besonders dankbar für meinen Körper zu sein. Dafür, dass er die Asanas meistens so ausführt, wie ich es von ihm verlange. Dafür, wie gesund ich bin, und dass ich mich über solche Luxusprobleme wie Gleichgewichtsprobleme in Natarajasana ärgern darf.


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Gestern war ich bei einer Hatha-Yoga-Stunde im Studio meines Vertrauens. Es waren einige Yoga-Neulinge in der Klasse, eine Frau von ihnen auf der Matte zu meiner Linken. Während der Stunde hörte ich es neben mir immer wieder leicht überrascht aufstöhnen. Als es zum Schluss in Shavasana ging, und ich es mir auf meiner Matte gemütlich machte, sah ich beim Zurechtzuppeln meiner Decke aus dem Augenwinkel, dass meine Nachbarin sich ein wenig verloren im Raum umblickte. Ich konnte in ihrem Gesicht ziemlich genau die Gedanken ablesen: Wie jetzt? Einfach hinlegen? Und dann? Ich dachte, ich soll hier meinen unruhigen Geist in den Griff bekommen und nicht noch mehr Zeit zum Grübeln haben?

Ungefähr so ging es mir auch während meiner ersten Yogastunde. Nur dass ich die nicht einem Yogastudio gemacht habe, sondern – wie vermutlich viele – im Fitnessstudio. 50 Minuten Power Yoga, ein paar Asanas schnell hintereinander weg, kurze Endentspannung, fertig. Und obwohl das nicht wirklich viel mit Yoga zu tun hatte und mich ehrlich gesagt auch nicht besonders entspannt hat, gefiel es mir trotzdem. Ich bin von da an regelmäßig zum Yoga gegangen, habe ein Retreat besucht, mir eine eigene Matte zugelegt (die rutschigen Gymnastikmatten im Fitnessstudio erfüllen doch nur sehr eingeschränkt ihren Zweck, wenn man eine Weile im herabschauenden Hund verharrt) und habe mir irgendwann ein Yogastudio gesucht.

Im Yoga wichtiger als jede Asana: Gelassenheit auch sich selbst gegenüber

Ich meditiere täglich – zumindest für einige Minuten – und habe nach mehreren Jahren regelmäßiger Yogapraxis inzwischen schon einiges an Shavasana-Erfahrung. Und trotzdem schaffe ich es oft nur zwei von zehn Minuten, NICHT an den nächsten Tag im Büro, die Wochenendplanung oder den überfälligen Anruf bei meiner Oma zu denken. Aber genau darum geht es für mich beim Yoga: diese zwei Minuten zu schätzen zu wissen und zu genießen, auch wenn ich in den anderen acht Minuten genauso viel grübele wie den Rest des Tages. Immerhin tue ich das in bequemer Rückenlage und verspanne dabei meine Schultern nicht so stark wie im Sitzen.

Dazu hat B.K.S. Iyengar, einer der wichtigsten Yogagelehrten des 20. Jahrhunderts und Begründer des Iyengar-Yoga, einen wunderbar passenden Satz gesagt: „Der Körperteil, der sich am schwierigsten in die Asanas bewegen lässt, ist der Geist.“ Jeder kann Yoga machen, und Yoga kann vieles bewirken. Es hilft uns bei den unterschiedlichsten körperlichen Leiden, es hält uns fit und entspannt uns – zumindest ein bisschen. Aber Yoga kann Menschen nicht von Grund auf ändern, und das sollte es auch gar nicht. Stattdessen ist es neben den körperlichen Effekten ein wunderbares Instrument, vielen Situationen im Leben mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Zum Beispiel, sich nicht zu ärgern, wenn man während Shavasana doch wieder kurz an die Einkaufsliste für das Abendessen denkt.

Genau diesen Eindruck hatte ich übrigens auch bei meiner Matten-Nachbarin in der gestrigen Yogastunde: Nach der Endentspannung richtete sie NICHT ihren verklärten Blick in die Ferne und wirkte völlig gelöst. Aber der entsetzte Gesichtsausdruck darüber, dass man einfach so im Liegen (!) abschalten sollte, der war weg. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich sie in der nächsten Woche in der Hatha-Yoga-Stunde wiedersehen werde. Vielleicht können wir uns in Zukunft vor den Stunden über die Abendessen-Einkäufe austauschen und so beide Shavasana noch ein bisschen mehr genießen. 

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