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9 Tipps für den Umgang mit essgestörten Schülern
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9 Tipps für den Umgang mit essgestörten Schülern

Von Alexandra Kleinheinrich

Tipp 1: Was kann ich als Yogalehrer tun, wenn ich bei einer Person im Kurs beobachte, dass diese immer dünner wird und dabei einen starken, übertriebenen Ehrgeiz an den Tag legt?

Sprich sie (die Person) an und thematisiere, dass dir auffällt, dass sie immer dünner wird. Rechne damit, dass sie  gute Ausreden haben wird („in meiner Familie sind alle so dünn“ etc), denn sie hört das nicht zum ersten Mal. Kommentiere und werte das nicht, sondern signalisiere ihr zwischen den Zeilen, dass du sie siehst: „aha, so ist das also“. Sprich sie in eine der nächsten Stunden in einem zweiten Schritt erneut an und mache ihr klar, dass du dir Sorgen machst und rege an, dass sie einen Arzt konsultieren könnte. „Hast du mal darüber nachgedacht zum Arzt zu gehen?“ Rechne damit, dass sie ablehnend reagieren wird und nimm das nicht persönlich in einem dritten Schritt kannst du sie noch einmal ansprechen und ihr sagen, dass du dir nun ernsthaft Sorgen um ihre Gesundheit machst und dass du die Verantwortung nicht mehr übernehmen kannst. Sag ihr, dass du gerne hättest dass sie zum Arzt geht und ein Gesundheitszeugnis vorlegt, das dir bescheinigt, dass sie Sport machen darf – du hättest das mit dem Studio abgesprochen und das wäre das normale Verfahren, wenn du als Lehrer das Gefühl hättest, die Gesundheit eines Schülers sei gefährdet. Signalisiere ihr dabei, dass du aus Sorge um sie so reagierst und nicht um sie „wegzustoßen“. Zwischen den einzelnen Schritten sollte immer etwas Zeit vergehen und es sollte ein privater Rahmen für ein Gespräch gesucht werden grundsätzlich ist es gut Essgestörte in den Kontakt mit den Körperempfindungen zu bringen, anstatt sie im Kopf abzuholen, in dem sie sich noch mehr als andere Menschen befinden, dadurch, dass sie außer dem Alltagsstreß permanent damit beschäftigt sind, was sie wann essen, oder eben auch nicht. 

Tipp 2: Mit welcher Praxis begegne ich essgestörten Schülern am Besten?

Der Therapeut für Suchtstörungen Hartmut M. riet mir mit akut Essgestörten erstmal „nicht zu meditieren“ und sie stattdessen mit relativ engmaschigen, konkreten Ansagen in den Körper zu holen. Bei stark Untergewichtigen sollte man nicht länger als 20min praktizieren, was in einer Standardklasse nicht zu bewerkstelligen ist. In dem Falle gilt die Empfehlung von Frau P, siehe oben. 

Tipp 3: Wähle die richtigen Worte

Hinter einer Essstörung steckt das Thema Selbstwert und mangelnde Selbstliebe, als Schlachtfeld auf dem die inneren Konflikte ausgetragen werden, haben sich die Betroffenen ihren Körper ausgesucht. Essentiell ist, den selbstzerstörerischen Ehrgeiz nicht zu füttern: ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, den Fokus in der Ansprache darauf zu lenken, liebevoll mit dem Körper umzugehen, neugierig auszuprobieren, wie es sich anfühlt einmal weniger zu machen, Lust darauf machen die eigenen Grenzen zu spüren. Ich arbeite intuitiv mit heilsamen Formulierungen wie: 

  • „Licht an dunkle/enge Stellen schicken“
  • „Fingerspitzen strahlen lassen“
  • „weit und groß werden, Raum schaffen“ 
  • „sanft“ 
  • „liebevoll“ 
  • „achtsam" 
  • „Leichtigkeit und Weite einladen“. 

Tipp 4: Innere Weite schaffen

Thema Hara, Bauch, Solarplexus (zweites, drittes Chakra, Swadisthana, Manipura Chakra). Hier sitzt bei Essstörungen  eine Menge Spannung und Blockade. Gute Erfahrungen mache ich mit Supta Baddha Konasana auf dem Bolster, Hände auf Bauch und Herz legen und den Bauch weit, weich und groß atmen. Auch gut funktioniert der sanfte Sonnengruß, anfangen und abschließen mit Armbewegungen mit großem Atem (durch die Nase ein, durch den Mund aus). Im Laufe der Stunden haben die Teilnehmerinnen immer freier und größer geatmet und es war zu spüren wie sie über den Atem erstaunlich schnell einen Zugang dazu fanden Anspannung loszulassen (ich habe mit Techniken von Max Strom gearbeitet).

Tipp 5: Den Atem lenken

Ich habe nie explizit mit Ujjayi Atem gearbeitet oder ihn erklärt, ich persönlich finde ihn zu „fordernd“ für diese Gruppe Menschen. Stattdessen habe ich versucht den Atmen der Teilnehmerinnen in die Länge, in die Weite und an verschiedenste Räume im Körper zu schicken. Dadurch wurde er automatisch hörbar, aber hatte nicht den harten „Darth Vader Sound“

Tipp 6: Leichtigkeit trotz eines schweren Themas

Auch Essgestörte lachen gerne und werden gerne auch mal „ganz normal behandelt“ Eine schöne Stunde war, als ich mit ihnen den Tänzer mit Gurt geübt habe. Sie haben mit mir gewackelt, sind umgefallen, haben gelacht, aber standen für Momente stolz in der anspruchsvollen Haltung und haben sich gefreut zu so etwas in der Lage zu sein. Ich habe bewusst eine Balancehaltung gewählt, die auch ohne große Kraft das spielerische Element hervorkitzelt.

Tipp 7: Achtsamkeit für die Gelenke

Stark Essgestörte haben oft Probleme mit den Gelenken (sowohl bei Dick wie auch bei Dünn). Achtung bei Knie und Handgelenken, immer Decken als Unterstützung anbieten und wenn möglich kein Chaturanga / Urdhva Mukha Svanasana / Urdhva Dhanurasana etc. zulassen. Das ist sicher schwierig in einer großen Klasse zu handeln. In dem Fall siehe wieder 3 Punkte Plan.

Tipp 8: Berührungen für die Seele

Ich hätte es nicht gedacht, aber Essgestörte lieben Hands On. Es kann sehr heilsam sein, einfach nur liebevoll und sanft die Hände aufzulegen, aber ACHTUNG: es kommen über den Körper auch Themen und Traumata hoch und als Lehrer sollte man sich klar sein, dass „Übertragungen und Gegenübertragungen“ stattfinden (wer sich dazu weiter schlau machen will, zu Übertragung und Gegenübertragung in der Psychotherapie googeln). Wenn ich erkenne, dass auffallend unter- oder übergewichtige SchülerInnen im Raum sind, würde ich grundsätzlich fragen, ob Hands On gewünscht sind oder ob es Personen gibt, die heute lieber nicht angefasst werden möchten. Den kleinen Zusatz heute verwenden, um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie das nächste Mal umbestellen können.

Tipp 9: Wahre deine Grenzen

Nach der Stunde unbedingt ein eigenes „Reinigungsritual“ etablieren. Ich wasche mir immer direkt nach der Stunde ausgiebig die Hände und versuche in Ruhe und alleine einen Tee zu trinken bevor ich zu den anderen Aufgaben des Alltags übergehe. Die Erfahrung im Verein hat mir gezeigt, wie umfangreich und auch verantwortungsvoll es ist Essgestörte zu unterrichten. Ich bin mit einer ordentlichen Portion Naivität rangegangen und durch Phasen gegangen, wo auch ich mir der eigenen Grenzen bewusst wurde und erst durch Gespräche mit Therapeuten zu einer Haltung finden konnte. Einerseits finde ich es ganz wichtig, dass Essgestörte auch an normalen, offenen Gruppen teilnehmen können und es sich nicht nur in einem kleinen, exklusiven „Problemzirkel“, wie einer Gruppe bei einem Verein für Essstörungen handeln muss. Andererseits können wir als Lehrer diese psychisch komplexen Störungen auf keinen Fall alleine tragen und sollten im Falle, dass wir beobachten, dass eine Schülerin immer dünner (oder dicker) wird, auf den 3-Stufen Plan von  Frau P zurückgreifen und damit dafür sorgen, dass diese Menschen von verschiedenen Seiten Unterstützung erfahren und sich liebevoll gesehen fühlen (Achtung: gesehen und nicht beobachtet). Sicher werden einige Betroffene nach einer solchen Ansprache nicht wiederkommen, aber dann war es für die Person nicht der richtige Zeitpunkt Hilfe zuzulassen. Ich persönlich würde darauf vertrauen, dass ein Mensch mit einer Essstörung, der bereit ist Hilfe anzunehmen es wohltuend auffassen wird, wenn ihm mitfühlend (Achtung nicht Mitleid) signalisiert wird: ich sehe dich, ich mache mir Sorgen um dich. Yoga ist ganz sicher eine heilsame Säule im Gesundungsprozess aus einer ernsthaften Essstörung heraus, reicht alleine aber wahrscheinlich in den seltensten Fällen aus. Falls es möglich ist und der Kontakt vom Lehrer zu einem essgestörten SchülerIn es zulässt, gerne auf Stellen verweisen, die professionelle Hilfe anbieten. Wichtig zu wissen ist, dass sich eine ernsthafte Essstörung erst dann entwickelt, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. Sie ist von einem „Diät-Flitz“ mancher jungen Frauen zu unterscheiden. Dazu habe ich folgende hilfreichen Zeilen gefunden:  „Im vergangen Jahr (2013) mussten 20 Prozent mehr junge Frauen wegen Magersucht oder Bulimie stationär behandelt werden als in 2012. Das geht aus einer aktuellen Statistik der KKH hervor. Doch sind Heidi Klum & Co wirklich der Auslöser, wie gerne behauptet wird? So kann eine genetische Veranlagung ebenso Auslöser sein, wie psychologisch-familiäre Ursachen. Gesellschaftliche Ursachen wie verzerrte Schönheitsideale sind daher allenfalls ein Teil eines äußerst komplexen Zusammenspiels aus Umwelt und Persönlichkeit. Da Magersucht häufig in der Pubertät beginnt, gehen Ärzte davon aus, dass viele junge Mädchen ihren reifenden Körper und ihre zukünftige Rolle als Frau ablehnen. Durch das Hungern wirken vor allem die Mädchen ihren körperlichen Veränderungen entgegen, ihre Figur bleibt mädchenhaft und ab einem bestimmten Untergewicht setzt sogar die Menstruation aus. Weiter können einschneidende negative Erlebnisse, etwa ein gestörtes Verhältnis zur Mutter, Missbrauch oder ein einengender Erziehungsstil den Anstoß für die gefährliche Hungerkur geben. (Quelle: Gesundheitsstadt Berlin)

 

Im Rahmen des von Spirit Yoga initierten und finanzierten "Social Project" unterrichtete die Spirit Yogalehrerin Alexandra Kleinheinrich Yoga für einen Verein, bei dem Essgestörte Hilfe finden. Ihren Erfahrungsbericht kannst du hier nachlesen. Mehr Erfahrungsberichte von Spirit Yoga Lehrerinnen über Yoga in sozialen Einrichtungen findest du unter www.spirityoga.de. Vielleicht hast du auch ein Herzensprojekt, dass ihr mit Yoga unterstützen möchtet. Dann schreibt eine Mail an: info@spirityoga.de.

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