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Body Positivity und der Umgang mit dem Körper
Titelbild Sabine Skiba, Innenteil Sebastian Schmidt

Body Positivity und der Umgang mit dem Körper

Von Sandra von Zabiensky

Ich nenne sie Eberhard und Heinz. Weil sie mich irgendwie so treudoof angucken. So riesengroß und rund. Sie sitzen – mitten drauf. Na gut, Heinz eher so rechts unten. Wer sie sind? So heißen die daumengroßen Cellulite-Dellen auf meinem Hintern. Mein Hintern weist frappierende Ähnlichkeit mit einem festen Klumpen Teig auf, in dem herzhaft ein paar Finger reingedrückt worden sind. Ob ich sie liebe? Nein. Aber akzeptieren kann ich sie immer öfter.

Ich bin zum Beispiel keine grazile, langbeinige Yogagazelle, sondern, das sage ich häufig, eher ein gemütlich-freundliches Yogagnu. Die oben erwähnten Eberhard und Heinz haben es sich schon eine ganze Weile auf mir gemütlich gemacht und grüßen von dort oben ihre Kollegen, die meine Oberschenkel hinabwandern. Ehrlich, an manchen Tagen ist mein Körper wie der Berliner Flughafen: ganz gut gemeint, aber überall läuft was nicht. An manchen Tagen ist mir das alles total egal, und ich fühle mich super, wie eingepackt in eine weiche Decke der Zufriedenheit. Mehr noch: Ich finde mich hot. An diesen Tagen strahlt die Welt manchmal ein bisschen heller, die Menschen sind freundlicher, und es läuft einfach rund. An manchen Tagen ist das komplette Gegenteil der Fall. Ich ärgere mich dann nicht nur häufig über die Mondlandschaft auf meinen Beinen und die hängenden Arme, ich musste tatsächlich feststellen, dass ich mich sogar ab und an für sie schäme. Gerade wenn ich in Situationen komme, in denen ich bewertet werde: öffentliche Events, Fotoshootings, Drehs. Und ja, auch als Yogalehrerin. Schmeißt bitte den ersten Stein, falls ihr anders fühlt, ich bin jedenfalls nicht erleuchtet und kann mich nicht immer davon freimachen.

Bodywas? Body Positivity und das Feiern der Individualität

Seit einigen Jahren feiert die Body-Positivity-Bewegung auf Social Media riesige Erfolge. Laut Wikipedia ist Body Positivity eine Bewegung, die Menschen davon zu überzeugt, dass ihr Körper schön ist, auch wenn er nicht dem von der Gesellschaft diktierten Ideal entspricht. Die Bewegung feiert die individuelle Vielfalt: Dehnungsstreifen werden als Tigerstreifen bezeichnet, Kurven zelebriert, alles Andersartige als das 08/15-Werbeklischee-Aussehen stolz geposted und geliked. Ein Trend, den ich grundsätzlich gut finde. So begeistert Influencerin Karina Airby etwa eine Million Follower mit selbstironischen Videos, Ekzemen an den Beinen und Cellulitis. Und ganz ehrlich: Mir hilft es, meine Kraterchen zu akzeptieren, wenn ich sehe, wie lässig, hot und selbstverständlich Frau Airby am Strand entlangstolziert. Attitude, Baby! Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Menschen, insbesondere Frauen, die der Bewegung zuzuordnen sind oder die Message „Jeder Körper ist schön“ weitertragen. Die deutsche PR-Frau und hierzulande Vorreiterin für Body Positivity Melodie Michelberger wurde von sämtlichen Medien zu ihren freizügigen Fotos mit Message interviewt. Dabei wurde sie häufig als mutig bezeichnet, was schon zeigt, dass irgendwas im Argen ist, wenn eine Frau jenseits Kleidergröße 38 sich in Unterwäsche zeigt und das als mutig bezeichnet werden muss.

Let’s talk about bodyshame!

Die Bewegung ist ein dringender und wichtiger Anstoß zur Diskussion. Noch immer ist der Standard, den wir überall präsentiert bekommen, dünne bis sehr dünne, große, weiße Frauen, häufig mittels Technik vollkommen makellos gefotoshoppt. Selbst bei den Plus-Size-Models und -Influencerinnen finden wir häufig das eingängige Schönheitsideal: eine kurvige Sanduhrfigur, ein dünnes Gesicht und meistens sind sie weiß. „Zitat Paula“ sagt TV-Moderatorin und Autorin Paula Lambert, die schon im Vorfeld ihrer neuen Sendung „Nobody is perfect“, in der sie auch nackt zu sehen ist, Kritik hinsichtlich ihres Körpers auf den sozialen Medien bekam, wünscht sich ebenfalls mehr Vielfalt: „Die Wenigsten machen sich klar, was wir für ein eintöniges Frauenbild durch die Medien gezeigt bekommen. Eines, dem praktisch keine Frau entspricht. Anstatt sich jeden Tag verrückt zu machen über den Mangel an Übereinstimmungen mit diesem merkwürdigen Ideal, wäre es schön, einfach Menschen zu zeigen, wie sie eben auch in der Gesellschaft vorkommen. Das versuche ich mit meiner neuen Sendung auch zu erreichen.“

Es ist wichtig zu diskutieren, es ist wichtig zu sehen, dass die Beine keine „Schenkelschande“ sind (ich empfehle dazu das Video von Caroline Kebekus), sondern 99 Prozent aller Frauen so aussehen. In einer Welt, in der alles glattgefiltert wird, tut es mehr als gut, Ecken und Kanten zu zeigen und zu feiern. Dennoch darf es nicht in Druck ausarten, findet Paula Lambert: „Ein wirklicher Fortschritt der Gesellschaft wäre, wenn die Menschen sich eher darum kümmern würden, wie man anderen helfen kann, sich besser zu fühlen, anstatt die dumme und einfach Methode zu wählen, sich einfach auf das Bewerten zu verlegen. Ich kann diesen Unwillen zum geistigen Wachstum einfach nicht verstehen.“

Was wir von hier aus sehen können...

Body Positivity

Was bedeutet es also konkret im Umgang mit unserem Körper? Wir müssen ihn nicht immer lieben. Aber wir können ihm danken, dass er uns durch das Leben trägt, dass er ein unglaubliches Gefäß für diese Reise, die wir unser Leben nennen, ist. Ist das nicht ein schöner Weg, seinen Körper als individuellen Ausdruck des Göttlichen zu sehen? Nicht als Hülle, die hochgezüchtet werden muss, sondern ein Instrument, mit dem du auf dieser Welt etwas bewegen kannst? Ein Feiern, das kein hedonistisches Anhaften an die Körperlichkeit ist, sondern ein Zelebrieren, dass diese Form, die du bist, gleichzeitig das Mittel ist, mit dem du als Seele dich und andere erfährst.

Wenn wir diese Sichtweise annehmen können, dann findest man sich vielleicht immer noch nicht kontinuierlich super. Aber es hilft unsere „Eberhard und Heinz“, unsere angeblichen Makel, zu akzeptieren und Platz zu machen für etwas viel Tiefergehendes: ein Wissen ohne Worte, dass jeder Mensch der individuelle Ausdruck von etwas ganz Großem ist. Du verweilst in der Gewissheit, dass du verbunden bist, gehalten in einem umfassenden Ganzem. Du fühlst es mit einer leisen Sicherheit und stillen Liebe in jeder Zelle deines wunderbaren Körpers. Die Unendlichkeit, das bist – du.

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