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Anatomie-Basics – was ein Yogi wissen sollte
Bild von Shutterstock, Illustrationen von yoganotes.de

Anatomie-Basics – was ein Yogi wissen sollte

Von Chris Kummer

Anatomie: Nur Muskeln und Gelenke?

Viele Yoga-Übende erwarten von ihren LehrerInnen ein differenziertes und detailgenaues Verständnis vom Körper. Und das ist gut so: Vor allem bei sportlich anspruchsvollen Yogastilen ist ein umfassendes anatomisches Verständnis eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige und verletzungsarme Yogapraxis. 

Seit etwa zehn Jahren lässt sich deshalb in der Yogalehrer-Ausbildung und folglich auch im Yoga-Unterricht ein neuer Trend beobachten: Das Verständnis vom bewegten Körper hat sich tiefgreifend verändert. Neuere Erkenntnisse der Biomechanik erweitern das konventionelle Verständnis der Bewegung unserer Körper, wodurch sich Yoga und Anatomie intensiver verzahnen. 

Tatsächlich ließen sich bislang die Auswirkungen von Yoga und Bewegung nicht allein durch die Anspannung separater Muskeln und deren Wirkungen auf einzelne Gelenke erklären. Die moderne Sichtweise auf den dynamischen, funktionell integrierten Körper basiert hingegen auf Faszien und Tensegrität – also dem Wissen, das kein Bestandteil unserers anatomischen Körpers komplett autonom agieren kann, sondern immer als Teil eines zusammenhängenden Systems wirkt.  Dabei geht es darum, den Körper ganzheitlich zu betrachten. Du musst nicht jeden Muskeln mit seinem lateinischen Fachbegriff kennen, sondern ein gutes und achtsames Körpergefühl entwickeln. Es reicht ein Basiswissen zu anatomischen Zusammenhängen, um einen holistischen Blick auf Muskeln, Faszien, Sehnen und Gelenke zu haben.

Unter anderem an den Universitäten von Ulm und Leipzig wird zur Zeit intensiv zum Thema Faszien geforscht. Diese Forschung wird maßgeblich dabei helfen, das Versprechen, Yoga sei sowohl heilend als auch gesund, zu erfüllen. 

Die Bedeutung von Faszien und Tensegrität: Beispiele

Hier sind zwei einfache Beispiele für dieses umfassendere Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Körpers:

  • Wie kommt es, dass im herabschauenden Hund das Heben und Senken der Fersen Spannungen in den Waden, den „Hamstrings” (Oberschenkelrückseiten) oder sogar im unteren Rückenbereich hervorrufen kann, wenn doch die einzige Bewegung im Sprunggelenk stattfindet?
  • Wie kann es sein, dass ein schwaches Fußgewölbe Rücken- und Kopfschmerzen verursacht?

Folgende drei Aspekte werden in jeder Yogastunde erfahren und geübt und helfen Yogalehrenden und Yoga-Übenden gleichmaßen die moderne Bewegungsanatomie besser zu verstehen beziehungsweise was anatomisch korrekte, nachhaltige Haltungen und Bewegungen ausmacht.

1. Körpergefühl

Zum einen ist es wichtig, ein Gespür für Körperposition und Bewegung zu entwickeln, damit wir die Art der Bewegung oder Kraft unterscheiden können. Dafür ist eine klare Beziehung zum Körper nötig. Also auf der einen Seite die propriozeptive, also tiefensensible Wahrnehmung, die uns Positionen von Körperteilen mitteilt, und auf der anderen Seite ein Empfinden von Bewegungsveränderungen. Dieses Empfinden sagt uns, wie sich die Gewebebewegungen auswirken. So können wir feststellen, ob wir zum Beispiel eine Muskelgruppe dehnen, verkürzen oder ein Gelenk stauchen.

2. Jeder Körper ist anders

Zum anderen sind Haltungen oder Bewegungen relativ, nicht absolut. Jeder Körper hat seine eigenen Bedürfnisse und Voraussetzungen. Offensichtlich gleicht unser Körper nicht dem der Person, die neben uns steht oder sitzt. Etliche weitere Unterschiede geben jedem eine einzigartige Erfahrung mit jeder Yogahaltung und Bewegung. Wenn wir aufmerksam sind, stellen wir sogar Unterschiede von einem Tag auf den nächsten bei uns fest.

3. Ganzheitliche Yoga-Praxis

Letztlich sind wir innerlich tiefgreifend und durchdringend mit allen unseren Körperbestandteilen verbunden. Unsere Körper funktionieren in jeder Position, stehend, liegend, mit und ohne Schwerkraft. Dieser Zusammenhalt beruht auf den körperdurchziehenden Bindegeweben. Diese Bindegewebe, oder heutzutage gerne Faszien genannt, sind eng mit dem Nervensystem verbunden, das Haltungen, Bewegungen und innere Zustände regelt und koordiniert. Für das Üben beim Yoga bedeutet dies: Keine Bewegung kann isoliert von einer anderen ausgeführt werden. Jede Yoga-Übung ist eine Übung für den ganzen Körper, einschließlich des Nervensystems.

Gezieltes Anspannen einzelner Körperteile stärkt diese nicht nur, sondern verteilt so gezielt auch Spannungs- und Kraftverhältnisse. Dadurch können empfindliche Gelenke oder Körpergegenden überbrückt werden, was Schmerzen und Abnutzung vermeidet sowie die Übungen auch noch einfacher und stabiler macht.


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Praktische Übung: Stärke dein anatomisches Verständnis

Versuche diese einfache, aber sehr wirkungsvolle zweiteilige Übung:

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Moderne Anatomie hilft beim Erlernen gesunder Bewegungsmuster

Moderne Bewegungsanatomie für Yogis kommt gut ohne oder mit nur einem Minimum an Fachbegriffen aus. Begriffe können regionsspezifisch und richtungsweisend angewendet werden, anstatt spezifisch und isolierend.

Das heißt zum Beispiel, dass der Begriff „Schulter” nicht nur das Schulterblatt, oder Skapula, bezeichnet, sondern den Schultergelenkkomplex mit Arm, Schulterblatt, Brustkorb und dazugehörigen Muskeln und Geweben. Denn in praktischen Übungen sind alle diese Regionen an Schulterbewegungen beteiligt. Das Schulterblatt kann nicht ohne den Arm beziehungsweise mithilfe etlicher weiterer Muskeln bewegt werden. Und wenn wir die Hände auf den Boden stützen, sie mit Gewicht belasten und dabei die Finger abspreizen, dann trainiert das nicht nur die Finger, sondern stabilisiert und unterstützt das Handgewölbe und das Handgelenk.

Ein moderner Yogi benutzt Bewegungsanatomie als hilfreiche Methode auf der Suche nach Zweck und Wirkung der Übungen, um eine bestimmte Erfahrung, Zusammenhalt oder Unterstützung zu verstehen beziehungsweise zu finden. Anstatt etwa zu versuchen, die Skapula mit dem Serratus-Anterior-Muskel zu protraktieren, können Yogis innerlich mit der viel sinnvolleren und hilfreicheren Vorstellung arbeiten, die Schulter so anzuspannen, dass Core und Hüften stabilisiert sind. So hilft die moderne Sichtweise funktioneller, faszienbasierter Anatomie, gesunde Bewegungsmuster zu erlernen und zu gestalten.

Die meisten von uns können sich zu einem gewissen Grad bewegen, ob es nun Aufstehen, Laufen, Hinsetzen oder Kaffetrinken ist. Dies sind oftmals unbewusste und nicht eintrainierte Bewegungen. Tatsächlich assoziieren viele auch das Älterwerden mit einer Reihe von Bewegungseinschränkungen. Dabei wissen wir jetzt, dass dieser Teil vom Älterwerden vermeidbar ist. Wohlbedachte und gut geübte Yogahaltungen und Bewegungen können körperlicher  und der damit verbundenen geistigen Beeinträchtigung vorbeugen oder sie sogar rückgängig machen.

Die 4 Phasen auf dem Weg zu gesünderen Bewegungsmustern

Auf dem Weg zu besseren Bewegungsmustern durchlaufen viele Menschen die folgenden Phasen:

  1. Vermutlich weißt du zunächst nicht, dass du ein schlechtes Haltungs- und Bewegungsmuster hast. Du nimmst deine Bewegungen als normal wahr. Tipp: Fange an, deine Haltungs- und Bewegungsmuster achtsam wahrzunehmen.
  2. Deine Bewegungs- und Haltungsmuster werden dir bewusst. Du erkennst, vielleicht aufgrund gesundheitlicher Probleme, dass du ein schlechtes Haltungs- und Bewegungsmuster hast. Du bist motiviert, herauszufinden, was du verändern und verbessern kannst. Tipp: Suche dir einen Yogalehrer, der dir helfen kann, an deinen Bewegungsmustern zu arbeiten.
  3. Bewegung und Haltung sind unbewusst, aber kompetent. Das heißt, du hast bessere Bewegungen und Haltungen gelernt, vergisst sie aber alle zehn Sekunden wieder. Tipp: Gehe weiter zum Yoga, alles geht in die richtige Richtung.
  4. Schließlich sind dir deine Bewegung und Haltung bewusst und kompetent. Tipp: Wenn du jetzt regelmäßig weiterübst, wirst du bald mit deutlich besserer Haltung und optimierten Bewegungsabläufen leichter und gesünder durchs Leben zu laufen.

Tatsächlich durchlaufen wir diese vier Phasen bei jedem aktiven Lernen. Die Faszien und die durch sie vermittelten Spannungsverhältnisse im Körper – die Tensegrität – sind unser physischer Zugang und Hilfsmittel zu körperlicher und geistiger Entwicklung, was uns durch ständiges Lernen in bestem Zustand erhält.

Wenn wir als Yoginis und Yogis lernen, Bewegungsanatomie als ein praktisches Spiel von Spannung und vor allem Unterstützung einzelner Körperregionen zu verstehen, dann vertieft sich nicht nur unsere Kenntnis der Anatomie, sondern sie wird für unsere tägliche Yogapraxis unverzichtbar.

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